S. [11]. Im neuen literarischen Anzeiger von 1807 bemerkt Jakob Grimm: »es ist ungereimt ein Epos erfinden zu wollen, denn jedes Epos muss sich selbst dichten, von keinem Dichter geschrieben werden«; die Stelle ist wiederabgedruckt in seinen kleinen Schriften Band 4, S. 10, Anm. 4;, vgl. auch S. 14. Wie wir heutzutage über dieses Grundprinzip Grimms zu denken haben, zeigt Scherer in seinem Jakob Grimm S. 145 und in seiner Poetik S. 133.

S. [12]. Hegel, Vorlesungen über Aesthetik Band 3, S. 332; vgl. auch S. 13. 45. 109. Bei Hegels Auftreten »öffnete sich ein unermesslicher Reichtum vor den trunkenen Blicken, die wiedergewonnene Heimat des Geistes, und vor der Wärme dieses neuaufgegangenen Frühlings schmolzen die starren hartnäckigen Trennungen des abstrahierenden Verstandes und der dualistischen Moral« Gedanken über Goethe S. 15. Hehns philosophische Ansichten sind durchgehends von Hegel beeinflusst (vgl. Dehio in Hehns Italien S. VI); auch seine in unsrem Werke ausgesprochenen allgemeinen Ansichten von Poesie und ihrer Entwicklung fussen überall auf dem Lebensboden der Hegelschen Aesthetik, dem greifbarsten und bleibendsten Werke des Philosophen; doch drängt sich nirgends der Anschluß an den verehrten Meister übermässig oder störend hervor; der genauer Vergleichende findet oft Aehnlichkeiten bis in den Ausdruck hinein. Vor unstatthafter Einmischung Hegelscher Dialektik bewahrte Hehn sein feines poetisches und menschliches Gefühl für die Gestalten und Formen Goethescher Dichtung.

Herodot sagt im 2. Buche § 53 von Hesiod und Homer: οὗτοι δέ εἰσι οἱ ποιήσαντες θεογονίην Ἕλλησι, καὶ τοῖσι θεοῖσι τὰς ἐπωνυμίας δόντες καὶ τιμάς τε καὶ τέχνας διελόντες καὶ εἔδεα αὐτῶν σημήναντες.

S. [13]. Hegel, Vorlesungen über Aesthetik Band 3, S. 388.

S. [20]. Die homerischen Beispiele finden sich Odyssee Buch 19, Vers 392 und Ilias Buch 21, Vers 34.

S. [23]. Gemeint ist Herders Aufsatz im 5. Bande der Adrastea »Vom Langweiligen, das die Epopöe oft begleitet« sämtliche Werke Band 24, S. 284 Suphan. Ich verdanke den Nachweis der Freundlichkeit Bernhard Suphans.

Mit der Natur der epischen Poesie beschäftigen sich noch einige Blätter aus Hehns Nachlaß, aus denen ich hier folgendes mitteilen möchte:

»Das Epos hat mit der Plastik und deren Objektivität im Sinne sowohl des substanziellen Gehalts als auch der Darstellung in Form realer Erscheinung die meiste innere Verwandtschaft. Darum blühte beides in Griechenland. Die Welt der homerischen Gedichte ist in der schönen Schwebe zwischen den allgemeinen Lebensgrundlagen der Sittlichkeit in Familie, Staat, religiösem Glauben, Recht, und der individuellen Besonderheit des Charakters, in dem schönen Gleichgewicht zwischen Geist und Natur, zweckvoller Handlung und äußerem Vorgang, nationaler Basis der Unternehmungen und einzelnen Absichten und Thaten; die freie Bewegung einzelner Helden erscheint gemäßigt durch den Ernst des Schicksals und die Bestimmtheit der Zwecke. Daher auch die Naivetät der erscheinenden Göttergebilde, die ganz menschlich und es doch nicht ironisch sind.

Das Epos, seines poetischen Gewands entkleidet, gibt dasjenige, was Geschichte in geistvoller Behandlung und Naturbeschreibung in ihrer größten Allgemeinheit gewährt, einen vollkommenen Ueberblick über die Menschheit und die Natur in ihrer Verbindung. Nur daß der Dichter nicht die Vollständigkeit der Objekte braucht, sondern mittelst eines einzelnen Objekts noch mehr leistet, da er das Gemüt in eine unendliche Stimmung versetzt. Der epische Dichter genießt die weiteste Aussicht; seine Dichtung ist am meisten fähig den Menschen mit dem Leben zu versöhnen.

Das Epos gibt der Musik Gestalt, der Skulptur Bewegung und Sprache.