C. IX (12, 6) im Ackermann klagt der Wittwer mit den Worten ›Tot ist die henne, die do auszzog sollich hüner‹ über den Verlust seines Weibes. Dieses nennt er die Henne, die Kinder Hühner: ein gewiss sehr passender Vergleich. Nun sehe man aber, was aus dieser Stelle im Tkadleček geworden ist. I, 49 heisst es: ›Ich bin das einzige Junge dieser überaus edlen Henne, bei der Brut verkühlt, aus mir wird schon nichts mehr, entfernt aus diesem Neste ist die überaus edle, unbezahlbare Henne, die mich zum Leben ausbrüten und zu einem ehrbaren Küchlein mich erziehen und leiten sollte zu jedem Range weltlichen Standes, wofür ich ihr Ehre und Lob gegeben hätte und ihr bis zu meinem fernen Tode mit wahrer Treue und ohne alles Zögern hätte dienen und ihren Willen vollbringen müssen‹. Das sind die Worte des verlassenen Verliebten, er das Küchlein, seine Geliebte die Henne, die ihn zum Leben ausbrüten sollte, ein Vergleich, der fast an das Lächerliche streift, und trotz der gewaltsamsten unnatürlichsten Verdrehungen als fremdes Eigenthum sich verräth. Oder wäre es etwa wahrscheinlicher, dass das Verschrobene und Unpassende in dem Originale (wenn man das tschechische Werk als solches annehmen wollte) gestanden wäre, woraus dann durch blosse Uebertragung das Natürliche und Treffende geworden wäre?

I, 62 des tschechischen Werkes erhalten wir ein Beispiel, wie durch Hereinziehung einer deutschen Stelle förmlich der Context unterbrochen wird. Der Kläger spricht:

›Du hast das nicht erkannt, noch erkennst du es, noch sollst, noch kannst du es erkennen, noch wird es dir jemals zu Theil, wie es mir zu Theil geworden ist. Zwar habe ich nicht die Liebe, die für die Ehe gehört, aber doch die wahre gute Treue und die Liebe zu ihr gehabt, die ein treuer Liebhaber in aller Ehrbarkeit zu seiner geliebten Jungfrau und seiner lieben Braut haben soll, ohne dass Eines das Andere an der Ehre verletzt. Gewiss und ganz gewiss rede du oder wer immer, was beliebt. Das ist ganz gewiss so, dass der, den Gott mit einer guten, ehrbaren und edlen Frau oder ehrbaren Geliebten beschenkt, schon gut und vollkommen beschenkt ist; und diese Gabe heisst eine ausgezeichnete Gabe, die alle irdischen Gaben überwiegt, die man weder mit Gold, noch Silber, noch Edelsteinen, noch Städten, noch Burgen, noch mit irgend einem irdischen Dinge bezahlen kann; denn sie ist eine Gottesgabe und von Gott stammend. Und es ist ganz würdig, dass ein mächtiger Herr mit mächtigen Gaben beschenke, die Niemand bezahlen kann‹.

Die entsprechende deutsche Stelle ist in C. IX (12, 13 ff.): ›Man rede, was man wolle; wen gott mit einem reinen, schonen und zuchtigen weibe begabet, die gabe heisset gabe vor aller irdischer auszwendiger gabe‹. Dass diese Worte in sehr gutem Zusammenhange stehen, kann man sich leicht überzeugen; im tschechischen Werke aber treten die Worte ›Gewiss, ganz gewiss rede du oder wer immer u. s. w.‹ urplötzlich ausser allem Zusammenhange in den Text, es kehrt nämlich hiemit der tschechische Verfasser wieder von seinen langen Excursen zu dem Originale zurück, nimmt daraus ohne grosse Wahl eine Stelle, um daran neue Abschweifungen, neue Betrachtungen zu knüpfen. Denn man beachte nur die unmittelbar an die angeführte Stelle geknüpfte Fortsetzung: ›Du Unglück, erkenne es selbst: es gibt verschiedene Gaben auf der Welt und viele Tugenden, mit denen viele Jungfrauen und Frauen beschenkt sind, aber nicht mit allen zugleich, denn wir sehen, dass manche Jungfrauen und Frauen mit verschiedenen Geschenken beschenkt sind, aber immer nicht mit allen zugleich‹.

Das Wort ›Gabe‹ ist also hier die Naht, an die die nun folgenden ganz gehaltlosen Erweiterungen angeknüpft sind.

Aber auch die Vergleichung der in beiden Werken übereinstimmenden Stellen liefert mit einen Beitrag zum Beweise, dass der tschechische Verfasser das deutsche Original nachgeahmt habe. Im Ackermann heisst es: ›wen gott mit einem reinen, schonen und zuchtigen weibe begabet‹—im tschechischen Werke: ›wen Gott beschenkt mit einem guten, ehrbaren und edlen Weibe oder ehrbaren Geliebten‹. Weshalb liess denn da der Verfasser nicht die ersten Worte: ›mit einem guten, ehrbaren und edlen Weibe‹ aus? Er sah offenbar, dass der Besitz einer ›ehrbaren Geliebten‹ allein doch nicht so hoch gepriesen werden könne, wie er es im Folgenden thut, zumal nicht der Besitz (oder vielmehr Nichtbesitz) einer solchen Geliebten, wie die Adelheid unseres Tkadleček war. Da wäre es nun in der That ein höchst merkwürdiger Zufall, wenn der deutsche Verfasser schon das, was er bedurfte, in seinem Vorbilde gesammelt vorgefunden hätte, wenn dieses gleichsam nur eine Vorarbeit zu einer Nachbildung wäre.

In doppelter Hinsicht wichtig für diese Untersuchung ist die Stelle II, 24 des tschechischen Werkes. Das Unglück sagt: ›Daher beklage nicht, beweine nicht das, was vorüber ist, glaube nicht, du thust gut daran, dass du nicht aufhören willst, vertraue nicht, du könnest etwas gegen uns ausrichten, täusche dich nicht selbst mit deinem Vertrauen, wie jener weise Avicenna gethan hat, von dem Aristoteles und dessen Commentator im dritten Buche, das er geschrieben hat vom Himmel und der Welt, sagt: Drei Dinge brachten es oft dahin, dass Avicenna irre ging in natürlichen Dingen. Zuerst, dass er versuchte, wessen er nicht sicher war und was er noch nirgend gesehen hatte; zweitens, dass er auf seinen Verstand und seinen Scharfsinn in allen Dingen vertraute; drittens die Unkenntnis der Logik, das ist der Kunst, die die Wahrheit von der Unwahrheit unterscheiden kann‹. Auch im Deutschen findet sich jener Avicenna erwähnt: in C. XXX (49, 3), und hier steht er unmittelbar hinter Aristoteles. Aus diesem späten Anhänger der aristotelischen Lehren, der im 11. Jh. n. Ch. lebte, macht nun der tschechische Verfasser eine in den Werken des Aristoteles auftretende Persönlichkeit, von der er offenbar gar nichts wusste, denn das hier angeführte Citat lässt sich in Aristoteles nicht nachweisen, es ist eine blosse Fiction. Die Absicht ist klar: er wollte möglichst grosse Gelehrsamkeit entwickeln, und zu diesem Zwecke suchte er auch die gelehrten Anspielungen im deutschen Werke so viel als möglich auszunützen. Um sich nun den Schein von Selbständigkeit zu geben, änderte er die betreffenden deutschen Stellen, ohne jedoch darauf zu achten, ob die vorgenommene Aenderung Wahrscheinlichkeit besitze.

Eine weitere Stelle, die meine Behauptung, das tschechische Werk sei aus dem deutschen entstanden, begründet, ist II, 41. Der Kläger sagt: ›Unglück, du thust wie der Basilisk. Dieser tödtet nach seiner Natur die Leute mit seinem Blicke und richtet sie zu Grunde, wenn er sie ansieht, und wenn er einen Menschen vernichtet und mit seinem Blicke getödtet hat, so kommt er dann zu diesem Menschen und beweint ihn heftig, und voll Leid klagt er über ihn und bejammert ihn: so thust auch du mir, du hast mich all meines Trostes beraubt, der mit mir wie eines Sinnes war, und thust, als bemitleidetest du mich heftig‹.

Wie unwahr und übertrieben diese Schilderung des Basiliskes ist, bedarf wol keines Beweises; aber man sieht auch nicht, inwiefern das Unglück mit einem Basiliske verglichen werden kann; hier allerdings ist ein Vergleichungspunkt hinzugefügt: wie der Basilisk jammert und klagt, wenn er jemanden getödtet, so jammert das Unglück über den unglücklich Verliebten; doch eben diese Ausführung ist blosse Erfindung des tschechischen Verfassers, denn wer hätte noch je von ›Basiliskenthränen‹ oder ›Basiliskengejammer‹ gehört? Diese Vorstellung war dem Mittelalter fremd. Im Ackermann hingegen C. XVI (23, 14 ff.) sagt der Tod: ›Pitagoras gleicht uns zu eines mannes schein, der het baseliscen augen, die wanderten an allen enden der welte, vor des gesichte sterben must alle lebendige creature‹. Und diese Vergleichung des Todes mit einem Manne mit Basiliskenaugen, die alles vernichten, ist gewiss sehr treffend.