Von diesem Tage an haßte Anne-Dore ihre Mutter. Sie verteidigte ihr Herz eigensinnig gegen die Bitternis dieses Gefühls, das brennend emporstieg, aber sie verschloß sich mehr als je und es kränkte sie hart, daß nichts dies geschenkte Vertrauen rückgängig machen konnte.

Draußen blühte die Welt. Anne-Dore flüchtete in dieser Zeit häufiger und oft für viele Stunden in die ruhige Pracht der heimatlichen Heide. Auf verlassenen Wegen, die niemand kannte, ließ sie sich mit einem Buch am Waldesrand nieder, versank im Summen der Bienen in tiefe, warme Gedanken und überließ sich ganz dem goldenen Willen der Sonne. Oft konnte sie lange Zeit dem bedächtigen Gang eines Käfers durch die Sträucher des Heidekrauts folgen, befriedigt und beglückt, aber zuweilen überfielen sie seltsame und fremdartige Gelüste, wie mit einem heidnischen Lachen und doch in einem tiefen Zusammenhang mit allem Drängen und Werden in der Natur, das um sie her glühte. Anfangs widerstand sie furchtsam und gequält, aber je mehr sie empfand, daß kein Sonnenstrahl darüber seine Herzlichkeit, kein Schmetterling seine leichte, selige Farbenpracht verlor, um so mehr folgte sie sorgloser und sorgloser ihren Wünschen. Sie entkleidete sich und legte sich nackt in die Sonne, lachte fröhlich, wenn ein Schmetterling sich ihre kleine, weiße Brust zur Rast ersah und überließ dem Wind und dem Spiel der Gräser und Heidezweiglein ihren jungen Körper. Eine Herzensscheu von unaussprechlicher Keuschheit ließ seine Geheimnisse ruhn, ihr erschien gut und rein, was sie erkannte und sie ergab sich demütig und begierig der blühenden Vollendung, die ihm geschah.


Um diese Zeit war es, als eines Morgens Herr Wendel seine Tochter mit einem vielsagenden Lächeln beim Morgenkaffee begrüßte. Anne-Dore verhielt sich seinen neckischen Scherzchen gegenüber meist in etwas abwartender Reserviertheit, diesmal hatte sie aber sogleich den Eindruck, daß es sich um etwas Besonderes handeln müsse. Sie nahmen das Frühstück an den warmen Frühlingstagen, die es schon gab, des Morgens auf der kleinen Veranda ein, in die man vom Wohnzimmer aus gelangte und deren Seiten hellgrüne, durchsichtige Wände aus Efeu und Wein bildeten. Eine schmale Holztreppe führte in den Garten.

Dore setzte sich erwartungsvoll, die Mutter fehlte noch, wie meistens, denn sie schlief häufig des Nachts nicht und versäumte dann selten, die verlorene Ruhe den Morgen hindurch nachzuholen. Es war klarer Frühsonnenschein, die Sperlinge schrien am Dach und Hähne krähten in der blühenden Ferne. Es kam kühl, ein wenig taufeucht und duftend vom Walde herüber zu den beiden.

»Nun?« fragte Dore und goß ihren Kaffee ein.

Die milde weiße Hand des Vaters lag gewichtig auf einem geöffneten Brief, dessen Ecken unter seinen Fingern hervorschauten.

»Wir erhalten Besuch,« sagte er.

»Tante Helene?« fragte Dore enttäuscht.

»Nein, Kind, hör einmal zu.« Und dann begann der Vater umständlich zu berichten, er und die Mutter hätten sich immer schon gesagt, daß das schöne Fremdenzimmer gar nicht so recht zu seiner verdienten Geltung komme, und da sich nun gerade durch die Empfehlung einer lieben und befreundeten Familie Gelegenheit geboten, hätten sie ein Anerbieten angenommen und würden für die kommenden Monate einem jungen Kandidaten der Theologie ihr Haus öffnen.