Kapitelübersicht
[Erstes Kapitel]
Es soll damit begonnen werden, die Geschichte von Anjes Vater zu erzählen, deren grausames Ende den am Leben gebrochenen Mann veranlaßte, das einsame Moorland aufzusuchen, das Anjes Heimat geworden ist.
Nicht weit von der Stelle entfernt, wo der Gurdelbach aus der Einöde tritt und sein ruhiges Wasser, das in den dunklen Moorgründen, die es durchfließt, wie von Trauer und Schwermut erfüllt worden ist, liegt das Dorf Gorching. Gegen Norden erstreckt sich weit jene Moorlandschaft, die die Einöde genannt wird und die als unzugängig und verwildert gilt. In Gorching war Anjes Vater, der Jakob Vinzenz Gerom hieß, trotz seiner Jugend einer der angesehensten Bauern. Nicht allein sein Hof war einer der einträglichsten, sondern seine alteingesessene Familie war geachtet und reich. Er hatte das Anwesen früh und allein geerbt und gut bewirtschaftet, so daß er als wohlbestellt und glücklich von manchem beneidet worden wäre, wenn nicht ein schwermütiger Hang zum Grübeln sein Leben verdunkelt hätte, wie auch eine Unduldsamkeit fast jeder Menschengemeinschaft, die in furchtbaren Jähzorn ausarten konnte. Da die Ausbrüche solcher Wesensart den schlichten Naturen seiner Umgebung unvoraussehbar erschienen, wurde er mehr und mehr gemieden, und es verbreiteten sich Meinungen über die Beschaffenheit seiner Seele, die dazu angetan waren, ihm mehr und mehr das Vertrauen seiner Mitbewohner zu entziehen. Das altbewährte Gesinde und die Tagelöhner seines Hofes, worunter manche ihn schon als Kind gekannt hatten, teilten diese Abneigung der Nachbarn nicht, wohl aber übertrug die Zurückhaltung der Dorfbewohner sich langsam auch auf sie.
Im Anwesen Vinzenz Geroms ging es ruhiger zu, als auf den anderen Höfen, nicht nur, daß er ein umsichtiger und geschickter Mann war, auch seine Gehilfen in den Scheunen und auf den Äckern dienten ihm in einer Art andächtiger Scheu und viel ergebener, als es der Fall gewesen wäre, wenn Gerom auch nur einige jener argen Charakterzüge gehabt hätte, die ihm nachgesagt wurden, denn die Vorbedingung zu einer Ergebenheit, die den Dienenden nicht entwürdigen soll, ist die Gerechtigkeit des Herrn.
Gerom war fünfunddreißig Jahre alt, als die dänische Malerin Angelika Lett nach Gorching kam. Ein städtischer Reisewagen hielt unter der großen Linde, die vor dem einzigen Gasthaus des Dorfes stand, und die ermüdeten Pferde tauchten ihre dunklen Mäuler bedächtig und gierig in das klare Quellwasser des Steinbeckens im Lindenschatten. Man nahm die Fremde befangen und zurückhaltend auf, sie mietete zwei helle Zimmer im Gasthof, und der Kutscher und der Hausknecht schleppten ihr zahlreiches und buntes Gepäck in die Hausdiele. Es war nicht ein einziger größerer Koffer darunter, sondern es bestand aus lauter kleineren Päckchen und Schachteln, die, vom Kreisrund bis zu unförmigen kleinen Ballen, alle Formen aufzuweisen hatten, die irgend denkbar waren. Die junge Dame stand auf den Steinstufen, überzählte alles sorgfältig und lachte den Dorfkindern zu, die, die Morgensonne im hellen Haar und die erstaunten Seelchen auf den offenen Lippen, einen schweigsamen Halbkreis unter der Linde bildeten.
Es hätte wohl niemand von dieser Fremden gesagt, daß sie schön sei, aber ihre Erscheinung gehörte zu jenen seltsamen Frauenwundern, bei denen diese so wichtige und entscheidende Frage durch ein unbestimmbares Etwas aufgehoben wird. Man könnte es vielleicht einen so getreulichen Abglanz ihrer Seele in allem Körperlichen ihres Wesens nennen, daß darüber jede besondere Wertung einzelner Züge oder Bewegungen aufgehoben zu sein schien. Man müßte es der Wärme des Lichts vergleichen oder der heimlichen Wohltat des Windes, bei welchen niemand der äußeren Wahrzeichen bedarf, um die himmlische Zugehörigkeit ihrer Wesen zu verspüren.
Angelika war klein von Figur und nach dem Urteil der meisten etwa dreißig Jahre alt. Sie hob das Mißtrauen und die Besorgnisse der Dorfbewohner, die den Besuch Fremder nicht gewohnt waren, durch große Sicherheit ihres Auftretens und durch eine Selbständigkeit ihrer Handlungsweise auf, die bei aller Zurückhaltung etwas Wohltuendes hatte. Kaspar und Friedel Lindner, die beiden Knaben eines Tagelöhners, wurden ihre Freunde und trugen ihr ihre Staffelei und den Farbenkasten ins Moorgelände. Sie schleppten das leichte Gerüst zu zweien wie eine kleine Trittleiter, und ihre braunen nackten Beinchen stießen abwechselnd an das blanke Holz des schönen Kastens mit seinen blinkenden Schlössern. Angelikas Sommerhut, groß wie ein Schirm, warf seinen runden Schatten voraus, und lange Zeit waren Kaspar und Friedel durch dieses Amt die berühmtesten Knaben in Gorching.