„Es muß Verrat vorliegen,“ sagte die Führerin wieder, „die Bienen waren vorbereitet.“
Sie hatten sich auf der Blautanne versammelt. Es war langsam immer heller geworden, und das Morgenrot vergoldete schon die Wipfel der Linden. Die Vogelrufe wurden laut, und der Tau fiel. Bleich und vor Kampfeswut zitternd standen die Krieger um ihre Führerin, die innerlich mit sich rang, ob sie ihrer Raublust oder ihrer Klugheit gehorchen sollte. Nein, sie sah ein, es ging nicht an, der ganze Stamm der Ihren war in Gefahr, aufgerieben zu werden. Und mit Widerwillen und vor beleidigtem Ehrgeiz bebend, beschloß sie, einen Boten an die Bienen zu senden, um die Eingeschlossenen zu retten.
Sie wählte den klügsten ihrer Offiziere, den sie kannte, und rief seinen Namen.
Ein bedrücktes Schweigen war die Antwort. Er war unter den Eingeschlossenen.
Da wählte sie einen andern, rasch und angstvoll, plötzlich überkam sie eine Todesangst um die Ihren, die nicht zurückkehrten. Das Toben der Bienenstadt war weithin vernehmbar.
„Eile dich!“ rief sie und gab dem Friedensboten ein weißes Jasminblatt in die Hand, „sonst kommen am Ende noch die Menschen, und wir sind verloren. Sag ihnen, wir würden davonziehen und ihren Stock für immer verschonen, wenn sie die Eingeschlossenen ausliefern würden.“
Der Bote stürzte davon, schwenkte vor dem Tor sein weißes Blatt und ließ sich am Flugbrett nieder.
Sofort wurde der Bienenkönigin die Nachricht gebracht, es sei ein Abgesandter da, der verhandeln wollte, und die Herrscherin schickte ihm ihre Adjutanten. Als ihr die Kunde gebracht wurde, ließ sie die Antwort sagen:
„Wir Bienen liefern die Toten aus, wenn ihr sie mit euch nehmen wollt. Gefangene sind nicht gemacht. Die Euren, die eingedrungen sind, sind alle tot. Euerm Versprechen, nicht wiederzukommen, glauben wir nicht. Ihr könnt wiederkommen, wann ihr wollt, es wird euch niemals besser gehen als heute, und wenn ihr jetzt fortkämpfen wollt, so findet ihr uns bis auf den letzten Mann bereit.“
Die Führerin der Hornissen erbleichte, als sie diese Kunde vernahm. Mit geballten Fäusten kämpfte sie einen schweren inneren Kampf. Gar zu gern hätte sie dem Wunsch ihrer Krieger Folge geleistet, die um Rache schrien. Aber ihre Vernunft siegte.