Dann sah Maja wieder auf das goldene Kornfeld nieder, über dem die Schmetterlinge spielten. Das gefiel ihr weit besser als das Werk des Alois Siebenpunkt.

[ Dreizehntes Kapitel]

Die Räuberburg

Ach, wie froh hatte dieser Tag begonnen, und wie voller Angst und Schrecken sollte er enden. Maja hatte zuvor noch eine sehr merkwürdige Bekanntschaft gemacht, es war am Nachmittag gewesen, in der Nähe einer großen alten Wassertonne. Sie saß in den duftenden Holunderblüten, die sich in der stillen, schwarzen Wasserfläche der Tonne spiegelten. Über ihr sang ein Rotkehlchen so lieblich und froh, daß die kleine Maja es gradezu trostlos fand, daß man sich mit den Vögeln nicht befreunden konnte. Sie waren zu groß und fraßen einen auf, das war die Sache. Sie hatte sich in der weißen Blütendolde des Holunder versteckt und lauschte und blinzelte dabei mit den Augen, so daß der Sonnenschein ihr spitze Pfeile schickte, als neben ihr jemand seufzte. Als sie sich umdrehte, sah sie das sonderbarste Tier, das ihr jemals begegnet war. Auf den ersten Blick glaubte sie, daß es mindestens hundert Beine an jeder Seite hatte. Es war wohl dreimal so lang wie sie selbst, aber schmal und niedrig und ohne Flügel.

„Himmel noch mal!“ rief Maja ganz erschrocken, „Sie müssen aber laufen können.“

Der Fremde sah sie nachdenklich an.

„Ich zweifle daran,“ meinte er, „es könnte besser sein. Ich habe zu viele Beine. Wissen Sie, ehe man sie alle bewegt hat, vergeht zu viel Zeit. Es gab Zeiten, in denen ich das nicht gewußt habe, da ist mir oft der Wunsch gekommen, ich hätte ein paar Beine mehr. Aber wie Gott will. Wer sind denn Sie?“

Maja stellte sich vor.

Der andere nickte und bewegte einige Beine.

„Ich bin Hieronymus,“ sagte er, „von der Familie der Tausendfüßler. Wir sind ein altes Geschlecht und erregen überall Bewunderung. Es gibt keine Tiere, die annähernd unsere Beinzahl aufzuweisen haben. Acht ist das Höchste bei den andern, soviel ich weiß.“