Zwölftes Kapitel
Traule
Ein warmer Frühlingsabend zog über die Waldwiese und ihre Leute, es war einer von jenen unbeschreiblich klaren Abenden, die die Herzen aller Wesen in einen Frieden versenken, wie niemand ihn nennen kann. Die Sonne ging langsam hinter einer schmalen Wolkenbank unter und umzog ihre Ränder mit einem strahlenden Feuerband, als flösse glühendes Gold in unversiegbaren Strömen um sie her, und in weiter Ferne funkelte ein leuchtendes Wolkengebirge, schneeweiß und blutigrot. Es ging eine solche Klarheit und Ruhe von diesem gewaltigen Bild am Himmel aus, daß niemand an nahe oder kleine Dinge zu denken vermochte, alle Gedanken wurden weit emporgehoben in diese Freiheit der Himmelsform, so daß sie über die ganze Erde Ruhe und Glück verbreitete.
Ein Abglanz dieser Schönheit sank auch bis tief hinab in die heimlichsten Gründe der Waldwiese, er rieselte durch das Laub der alten Linde nieder, als würde das Abendgold von ihren höchsten Wipfeln vom Windhauch niedergeschüttet. Die Blumen konnten nicht schlafen vor Glück, immer noch kamen Käfer und Schmetterlinge zu ihnen, ruhlos vor Seligkeit, doch leise und beinahe geheimnisvoll, weil sie nicht stören wollten in dieser Andacht, in der mit dem kühlen Wind die Träume herangaukelten, um in die Seelen der lebendigen Wesen einzuziehen.
Da breitete sich ein kaum vernehmbares Rauschen über die Wiese und ihre Bewohner aus, es kam von der Linde, durch die der Abendwind zog, und nun wußten alle, daß der alte Baum, noch vor der Ruhe der Nacht, seinen Schützlingen eine seiner Geschichten von den Menschen erzählen wollte, und die leise Bewegung aus den Zweigen der Linde teilte sich den Gräsern und Blumen und allen Tieren mit in einer fröhlichen Erwartung. Was konnte es Schöneres geben, als am Frühlingsabend seine Augen zu schließen und einer so liebevollen Stimme zu lauschen, die noch nicht schlafen wollte und doch die kühle Ruhe der Nacht nicht störte, die verstand, daß das Glück eines genossenen Tages sowohl den Schlaf fernhalten kann, wie auch ein großer Schmerz es vermag. Aber beide, Freude und Schmerz, haben in der Klarheit eines scheidenden Tages ein milderes Wesen, als ahnten sie, daß, wie nun Licht und Finsternis in der Natur, so auch Freude und Schmerz in den Herzen der irdischen Geschöpfe wechseln müssen.
Aber als eben die Linde beginnen wollte, erhob sich im Busch über dem Bach noch einmal die Stimme des Rotkehlchens. Es erklang im goldenen Licht ein so lieblicher Jubel, daß man für einen Augenblick seine Augen schließen mußte, als gelte es, die Lichtquellen zu bewahren, die im Gemüt bei diesen Tönen aufbrachen. In der Dämmerung, unter den geschlossenen Lidern, war es, als hätten das Windesrauschen, der Klang des Bachs und das Lied des Vogels sich zu einer einzigen Harmonie vereint, die das Glück aller Wesen wie einen frohen Dank dem himmlischen Vater emportrug.
Als das Rotkehlchen sein Lied beendet hatte, flog es empor in die Krone der Linde, die es in ihrem goldgrünen Glänzen empfing, und lauschte nun dem Rauschen des mächtigen Baumes, wie alle anderen Geschöpfe es taten. Nun werde ich erzählen, was sie vernommen haben.
»Heute sollt ihr erfahren,« begann die Linde ihre Geschichte, »woher der Traulenbach, an dem wir alle wohnen, seinen Namen erhalten hat. Es sind nun wohl nach der Zeitrechnung der Menschen etwa dreihundert Jahre her, da trug sie sich zu. In diesem Zeitraum sind ungezählte Menschen geboren worden und gestorben, aber wenn sie sich auch oft recht verschiedenartig gebärdeten, anders sprachen oder dachten und ihre Gewohnheiten änderten, so sind sie doch immer dieselben geblieben, und dies ist wahr für die ganze Zeit meines langen Lebens. Im tiefsten Grund bewegen ihr Gemüt doch nur zwei große Fragen, um sie dreht sich ihr irdisches Geschick, wie auch das unsere, es sind die Fragen danach, was das Herz froh macht, oder was es betrübt. Alle anderen Fragen verlieren bald an Wert, alles andere vergeht rasch auf der Erde.
Und so sind sich durch alle Zeiten auch zwei Dinge an den Menschen immer gleich geblieben, das sind die Zeichen für die Freude und für den Schmerz, ihr Lachen und ihr Weinen. Nicht viele von euch sind alt genug geworden, und längst nicht alle werden alt genug werden, um jemals eines von den beiden zu erleben, aber glaubt mir, es gibt nichts, was tiefer erschüttert und inbrünstiger bewegt, als das Lachen oder das Weinen der Menschen. Beide müssen so unvermittelt aus den Gründen ihres Herzens brechen, wie das Licht aus den Feuerschlünden der Sonne, oder wie ein Quell aus den Tiefen eines Felsens. Niemals, solange ich Menschen gesehen habe, sind ihr Weinen oder ihr Lachen anders geworden, und so kann auch ihr Herz sich nicht verändert haben. Immer noch bricht es ihnen aus den Augen, wenn sie Schmerzen erleiden, in den gleichen klaren Tropfen wie am Anfang, sie sind nicht kleiner und nicht größer geworden, sie rinnen über ihre Wangen zur Erde nieder, wie helles Blut, eine nach der andern, unbeschreiblich geheimnisvoll, als ob der Glanz der Augen und das Licht darin nicht mehr zum Himmel emporstrebten, sondern zur dunklen geduldigen Erde heimverlangten. Wer einen Menschen weinen sieht, wird andächtig, alle guten Seiten seines Wesens regen sich und trachten danach, etwas zu tun, damit die Tränen des anderen aufhören zu rinnen.
Aber glaubt nicht, daß das Lachen der Menschen von geringerer Macht sei. Ein heiteres Lachen, das aus tiefster Brust emporquillt, ist dem Sonnenschein über grünendem Land oder einem Springquell zu vergleichen, der aufleuchtend und wie berauscht von seiner Frische, ins strahlende Himmelsblau emporbraust, um beseligt von der reinen Höhe, die seine Kraft erreicht hat, wieder niederzubrechen. Glockenklingen, hell wie ein Meer von Blüten, und das farbige Blitzen der zerbrechenden Sonnenstrahlen läuten und funkeln darin, aber zu tiefst im Lachen der Menschen erschallt es fein und verborgen von einem heimatlichen Bewußtsein des Glücks, als wären sie in solchen Augenblicken am Herzen der Erde geborgen.
Sagte ich euch nicht schon, weil beides sich in aller irdischen Zeit nicht verändert hat, daß auch das menschliche Herz im Grunde keinem Wandel unterstellt sein kann? So treffen alle wahren Geschichten über die Schicksale der längst dahingesunkenen Menschen auch auf die heutigen noch zu und um so eher, je schöner sie sind. Denn alles Schöne ist so eng mit dem Wahren verbunden, wie das Unwahre mit dem Häßlichen, daran kann niemand etwas ändern, denn es ist so in Gottes Rat bestimmt.