Aber er fragte noch einmal und ein drittes Mal. Es kamen ihm in heißer Sorge die Menschen in den Sinn, die wie er um ihrer Liebe willen auf der Erde Schande, Erniedrigung und Not erleiden mußten, und die Angst zerdrückte sein Herz. Er bat seinen Freund, er möge ihn nicht vergessen und nicht die Hoffnung, nicht das Licht, die sein Herz bewegt hatten. Es war, als ahnte er, wie arg die Menschen einst seine Worte entstellen, und daß sie aufs neue die Freiheit zum Gesetz erniedrigen würden. Ein anderer seiner Freunde hat nie aufgehört, seinen Herrn zu lieben, er ist an seiner Liebe gestorben, wie eine Blume, im Glanz der strahlenden Sonne, an ihrer Seligkeit. Sein Geist sank in Nacht, weil seine Seele sich so schrankenlos dem Licht zukehrte, daß ihr das Irdische fremd wurde, wie die Dunkelheit. Aber bis in seinen letzten glühenden Traum sah er die Schönheit seines Herrn.
Wie sollte ein irdischer Mund diese Schönheit schildern? Um das Licht seiner Worte sind seither auf der Erde mehr Kämpfe gefochten worden, als um jeden anderen Namen, Kriege sind um ihn geführt, wie niemals vorher. Nie hat die Erde mehr Blut als um seinetwillen getrunken. Die Schar der Märtyrer ist ohne Zahl, ja es ist, als habe seit jenen Tagen die Welt ihr Angesicht verändert und sich der Hoffnung auf ein ganz neues Ziel zugekehrt, denn glaubt mir, dem Reich, das dieser Mensch im Geist sah und im großen Herzen trug, dem Reich der Liebe, ist jede Lauheit und jede Halbheit fremd, seine Welten glühen wie von heiligen Feuern, und sein Friede ist Kraft. In ihm ist der Schrecken der Welt, das Böse, überwunden und mit ihm der Tod, den der große Prophet dieses Reichs gering achtete, wie ein Kind die Nacht, der der Morgen folgt. Und da sollte der Tod nicht furchtbarer als je sein vergängliches irdisches Recht geübt haben?
Der Verkünder des Lebens aber ging in seiner Zeit einher wie ein Kind im Gemüt, wenn auch an Geist ein Mann und von mächtigem Willen. Immer ist mir zumut, als sähe ich ein einziges Glühen von Freude und Trauer und unaussprechlicher Hoheit eines edlen Menschentums, wenn ich seiner gedenke. Nie werde ich vergessen, was eines Tages geschah, als ihm der Tod begegnete.
Einer seiner Freunde, den er geliebt und in dessen Haus er oft geweilt hatte, war gestorben, und als er kam, um ihn zu sehen, ruhte der Tote schon seit Tagen in seinem Grabe.
Seine Freunde sahen, wie er sein Gesicht vor Schmerz verbarg, aber wie erschraken sie, als er plötzlich sein Haupt erhob, und sie einen so gewaltigen Zorn in seinen Zügen erblickten, daß sie entsetzt vor ihm zurückwichen. Er stand totenbleich vor dem Grabe seines Freundes, seine Fäuste waren geballt, und unter seiner bleichen Stirn brannten seine Augen, zum Himmel emporgerichtet, als sähe er Gott von Angesicht. Es brach eine furchtbare Drohung aus seinem Mund, er schüttelte die Fäuste gegen die finstere Erde, die der Gewalt des Todes gehorchend, seinen Freund verschlungen hatte. Es war, als beschwöre er die Allmacht der Liebe, und sein Liebeswille wuchs an in ihm, wie ein strahlendes Ungewitter. Es herrschte Totenstille um ihn her, nie hat der Glaube an die Ewigkeit des Lebens irdisch ein gewaltigeres Feuer in der Seele eines Menschen entfacht. Mit zitternden Händen und von Furcht wie geblendet, gehorchten seine Freunde, als er ihnen befahl, die Steinplatte zu heben, unter der der Tote lag, und das Grab zu öffnen.
Da trat er dicht vor die Gruft, erhob seine Stimme und rief laut den Namen des Toten.
Die Menschen schrien auf vor Entsetzen und warfen sich zur Erde, unten aber, im Schattengrund der Gruft, begannen die weißen Tücher sich zu regen, in die der Verstorbene eingehüllt war. Er befreite sich langsam, der Stimme gehorchend, die ihn rief, und stieg aus seinem Grabe hervor, die geblendeten Augen, die das irdische Licht wiedersahen, mit der bleichen Hand schützend und mit einem stillen erstaunten Lächeln in seinen elenden Zügen, von denen die Schatten des Todes langsam wichen, als er die Augen seines Befreiers sah und ihn erkannte.
Dies wird das größte Wunder genannt, das die Erde gesehen hat, und wenn der Mann, der es vollbrachte, es vor den Menschen tat, so geschah es aus Zorn gegen den Tod, den sie fürchteten, und in der glühenden Allmacht seiner Gewißheit, daß die Liebe mächtiger als er ist. In ihrem Reich ist diese Tat kein Wunder, unsere Augen sehen es täglich, und glaubt mir, ihr Lieben, meine Blumen, die Stunde, in der eure Kelche sich der Sonne geöffnet haben, ist an wunderbarem Reichtum nicht geringer als die, in welcher einst jener Tote aus seinem Grabe stieg. Noch heute erweckt die Kraft des Reichs Tote auf, und sie wird es immer tun.
Niemals hat ein Mensch in heißerer Zuversicht an die Kraft des Reichs geglaubt. Es ist dasselbe Reich, in dessen Abglanz wir Bäume unsere Blätterkronen entfalten, ein Tier die Luft zu seinem Leben einatmet, die Sternbilder im All erstrahlen, und in dem ein Jüngling das Mädchen in seine Arme schließt, das er liebgewonnen hat. Das Reich ist nicht fern in fremden Himmeln, sondern mitten unter uns, daß es zu uns kommen möchte, ist nun unser aller Gebet geworden, und mit dieser Bitte erflehen wir den warmen blühenden Frühling herbei, den Frieden unserer Stätte, den Weg unserer Seele zum Licht und die stete Wiederkehr der Freude. Wir sind alle auf dem gleichen Weg. Immer ist es reine Freude, in welcher das Reich zu uns kommt.
Einst fand ein Kind in meinem Schatten am Ufer des Bachs einen bunten Stein, es hob ihn auf und lachte; ich fing einen Schein aus seinen Augen auf, da verstand ich das Reich. Da verstand ich, daß jener Mann, von dem ich euch erzähle, einst gesagt hat: Ihr könnt das Reich nicht finden, wenn ihr nicht wie Kinder werdet.