Am zerfallenen Stadttor erhob sich zur Rechten und zur Linken eine einsame Palme, jene nach rechts, diese ein wenig nach links geneigt und ihre Fächerkronen, über den flachen Dächern der Häuser, zeichneten sich dunkel und deutlich gegen den klaren Morgenhimmel ab, die Stämme waren von der Sonne bemalt, wie mit roter Farbe. Ich sah durch das Tor in die bereits belebte Basarstraße, in der die eiligen nackten oder weiß bekleideten Gestalten sich zwischen den niedrigen Häusern bewegten und die Händler ihre Straßenläden öffneten und ihre Waren ausbreiteten. Der Wächter am Tore erhob sich, um sich tief zu verneigen, wobei er sein Gesicht mit den Händen bedeckte. Ich beschritt die Basarstraße und empfand die Stille und das Erstaunen, die ich hinter mir zurückließ; nur die Brahminen, die graue Schnur auf der nackten Brust, gingen stumm und steil an mir vorüber, ohne zu grüßen und ohne sich umzuschauen. Ich erblickte schöne Gestalten und stolze Gesichter unter ihnen und las aufs neue aus ihren Zügen die ferne Verwandtschaft mit den germanischen Völkern unseres Erdteils, deren Wesen die Jahrtausende nicht ausgelöscht haben. Sie haben lange das gewaltige Reich beherrscht, bis Mohammed seine Fahnen inmitten ihrer Königsschlösser aufpflanzte und ihnen langsam mehr und mehr die furchtbare und geheimnisvolle Macht erschütterte, die heute nur noch tief im Lande, in düsterer Gewalttat und mystischem Dunkel waltet. Bis auch Mohammeds Zeichen und die Pracht seiner Könige erblaßte, als das Gebrüll des britischen Löwen sich über dem Meer erhob und das Land erfüllte. Als ich mich nach kurzem Gang zum Heimweg wandte, sah ich die Umrisse des englischen Forts gegen das Meer. Seine Kanonen sind Tag und Nacht auf das Schloß des Hindukönigs, im Herzen der Stadt, gerichtet, um es beim ersten Zeichen einer Revolte in Trümmer zu legen. Unter dem stummen eisernen Mund, der unerbittlich und unveränderbar unter der zornigen Sonne und dem ruhigen Mond auf die Stadt schaut, flackern die letzten, schüchternen Reste der alten Königsmacht von Cannanore.


Es war freilich mancherlei in meinem Hause vorzubereiten, bevor ich es zu dauerndem Aufenthalt behalten konnte, und beim Tee sprach ich mit Rameni und Panja über die Maßnahmen. Rameni hatte seine offenen Schuhe vor meiner Tür stehen lassen und versuchte während unserer Unterhaltung vergeblich ein erträgliches Verhältnis zu dem Liegestuhl zu finden, den ich für ihn aufgerichtet, und den er aus Höflichkeit angenommen hatte. Endlich stand er auf und ordnete sein weißes Gewand, aus dem von den Knien ab seine mageren braunen Beine schauten.

„Es soll alles nach deinem Willen geschehen, Sahib“, sagte er so liebenswürdig, als sein furchtbares Englisch zuließ. Panja verachtete ihn so angestrengt, daß ihm der Schweiß ausbrach.

Es war herrlich auf der Veranda. Der Morgen des indischen Frühlings – es war nach unserer Zeitrechnung Ende Oktober – ist frisch und erquickend, erst nach drei oder vier Stunden wird die Sonne wirklich heiß. Panja wurde guter Laune, als Rameni gegangen war.

„Wie das Schwein stinkt“, sagte er freundlich. „Er wird dich überall betrügen, Sahib. Wenn deine Reichtümer nicht unermeßlich wären, so würde dieser Schurke dein Untergang sein. Zuerst werde ich nun die Ameisen vernichten, sie fressen alles, was sie finden. Wenn man Whisky zwischen die Steinplatten gießt und zündet ihn an, so ist es um die Tiere geschehen. Gib eine Flasche, ich werde beginnen, wenn du ans Meer gehst.“

Ich schlug vor, es mit Petroleum zu versuchen, das man sicher in der Stadt auftreiben würde.

Panja schüttelte sich.

„Die armen Tiere“, sagte er.

Nach einer Weile rückte eine Schar alter Weiber mit Besen, Eimern und Tuchfetzen heran, deren Anblick zuerst den ahnungslosen Elias und dann auch mich vertrieb. Nur Panja hielt dem Ansturm dieser wilden Amazonen stand, weil ihm daran gelegen war, seine Autorität in Szene zu setzen.