„Wieviel hast du eigentlich schon getrunken?“
Ich entschuldigte mich beschämt; so war also Huc doch im Recht, wie ich gleich anfangs angenommen hatte, als er mich von der Schulter seines jungen Herrn aus mit seinem unbeirrbaren Ernst und seiner versunkenen Überlegenheit angesehen hatte. „Erzähle von den Wäldern“, bat ich.
„Ich meine oft,“ begann Huc ruhig, „ich kenne die Wälder erst, seit ich sie habe verlassen müssen, weil ich mich von jenem Tage an, Stunde für Stunde, bis tief in meine Träume hinein habe mit ihnen befassen müssen, und darüber habe ich auch erfahren, daß das Geliebte erst recht unser Eigentum zu werden scheint, wenn wir es verloren haben. Alles Kleine ist dahingesunken, und mir ist nur ein einziges strahlendes Bild von herrlicher Freiheit im Gemüt zurückgeblieben, es ist verwoben mit dem weißen Licht des Mondes über dem Blätterdach der Bäume, mit dem Spiel des Sonnenscheins im frischen Grün, mit dem Lied der Nachtigall am Wasser und dem Geruch der Blüten, deren es so viele gibt, wie unsere Sinne nur immer an Farben und Gestalten ersinnen können. Du wirst länger leben als ich, so will ich dir die Sehnsucht nach den Wäldern als Erbteil zurücklassen, bewahre sie.“
Ich hob mein Glas, um es als Zeichen der Bestätigung aufs neue zu leeren, aber Huc trank nicht mehr mit. Er schmiegte sich an die eine Flasche, die nur um weniges kleiner war als er, als könnte ihr buntes Funkeln im Kerzenschein ihn wärmen, und sprach eintönig und scheinbar ohne Begeisterung weiter, seine Züge lächelten weder, noch verrieten sie Trauer.
„Es war an einem Frühlingsmorgen, als ich in Gefangenschaft geriet, meine Heimat liegt weit von hier, in den Dschungeln von Mangalore, der alten Priesterstadt am Meer. Ich geriet auf einem Reisfeld in eine Schlinge, die von den Menschen gelegt worden war, und ergab mich in mein Geschick, als ich merkte, daß das Hanfseil unzerreißbar war, das sich mir um Arm und Schultern gelegt hatte. Zwei Knaben schleppten mich in eine armselige Hütte, die aus Lehmwänden und Palmblättern zwischen den hängenden Wurzeln eines wilden Feigenbaums errichtet worden war. Es roch nach Sandelholz und verbranntem Kuhmist und war so dumpf und dunkel, daß ich lange Zeit wenig erkannte. Als ich nach der ersten Nacht am Morgen erwachte, sah ich den Sonnenschein auf den Bananenblättern vor dem engen Fenster und dachte an die Gefährten in der Freiheit, die sich nun, wie einst auch ich, auf den Wipfeln der Arekapalmen im Morgenwind schaukelten und den Kranichen zuschauten, die auf den Sandinseln im seichten Wasser des Flusses standen und fischten. Wenn ich meine Augen schloß, so hörte ich das Wasser rauschen und die Stimmen der Schilfpflanzen am Ufer. Ich hörte die Lockrufe der Wildtauben aus den dichten Lauben des Gehölzes dringen und sah den Panther durch das Ried schleichen, um zu trinken. Er bewegte sich zwischen den Sonnenspeeren und Schattenstrichen des hohen Schilfs, als spielten Sonne und Wind mit Schatten und Licht, und niemand erkennt ihn, wenn ihn sein heiseres Keuchen nicht verrät, oder sein dampfender Atem, der von dem Blutgeruch seines nächtlichen Raubs schwer ist. Hoch über mir sang der Milan seinen hellen Jagdruf im Blauen, nach Beute ausspähend, wie von Gold übergossen schwebte er klein und selig in der kühlen Morgenhöhe, über dem wilden, grünen Meer des Dschungels. Ich saß Schulter an Schulter mit den Gefährten in der rötlichen Frühsonne in der Höhe, atmete die herrliche Luft ein und fühlte die schweigsamen Bewegungen der unzähligen Pflanzen unter mir, die sich gegen die Sonne emporreckten. Du würdest lernen, das leidvolle und süße Geräusch der aufbrechenden Blumen zu hören, wenn du mit mir im Urwald gelebt hättest, du könntest den Duft des ersten Aufbrechens vom Hauch des Verblühens unterscheiden, und das wollüstige Drängen, das sehnsüchtige Keimen, und die Hingabe dieser Geduldigen, in der Lust und Not ihres Frühlings Erzitternden.
Aber was ist euch Alltäglichen nicht alles wichtig und wie vielerlei Geringfügiges setzt ihr höher an, als die beschauliche Gemeinschaft mit dem Leben der großen Natur. Wir Affen gelten bei euch als ein unnützes gedankenloses Volk, das nichts Gescheites zustande bringt und seinen Tag vertändelt. Aber wieviel wißt ihr vom Glück unseres freien Daseins in der Sonne oder im Mondglanz in der weißen, gärenden Nacht, von unserer Gemeinschaft mit dem unschuldigen Geschick der tausendfältigen Geschöpfe der Natur? Glaubst du, wir gäben nicht für eine einzige Stunde friedvoller Gemeinschaft mit den Glücklichen des Waldes den ganzen Tand dahin, um dessentwillen ihr euch euren hastigen Tag hindurch so wichtig gebärdet? Die Wahrheit, daß wir euer Wesen nicht haben, schließt uns vom irdischen Daseinsglück nicht aus, und habt ihr denn in der Zeitlichkeit ein anderes Ziel als das Glück? Ihr verlacht uns, wenn ihr uns unsere Freiheit genommen habt, und vergeßt, daß wir ohne sie nichts mehr sind. Nur im Glück lernt man ein Wesen wahrhaft kennen, denn das Glück ist die Vorbedingung zum wohlabgewogenen Selbstbewußtsein, und aus dem Selbstbewußtsein kommt alles Große.“
„Was ist denn von euch Affen Großes gekommen?“ fragte ich.
Huc zog die Achsel hoch, und sein Gesicht wurde grau und alt, als wären Jahrtausende über diese Züge dahingegangen; er bekam etwas von einer ägyptischen Mumie und zugleich etwas schwermütig Tierhaftes von unbeschreiblich drohendem Ernst.
„So kann nur ein Mensch fragen,“ sagte er matt. „Immer noch glaubt ihr, der Natur etwas hinzufügen zu können, und meint, etwas erschaffen zu müssen, um bestehen zu bleiben. Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern, beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist. Das Große, das dem rechten Selbstbewußtsein entspringt, ist nicht Werk von Menschenhand, sondern die Liebe zu allem Erschaffenen der Natur.“
„Was weißt denn du von Gott, du Affe!“ sagte ich.