Ich will den Ausdruck seines Gesichts nicht schildern, es ist eine unangenehme Erinnerung für mich. Nun wird er nach dem Affen fragen, dachte ich, aber es geschah nicht. Panja war seit dieser Nacht, nach welcher er Elias allein in meinem Bett gefunden hatte, davon überzeugt, daß selbst er mir nicht zu helfen in der Lage sei. Er sagte nur in einer ganz abscheulichen Überlegenheit, die ich ihm nicht vergessen werde:

„Sahib, es ist ein Fischer draußen, der dir sagen läßt, der Ostwind sei gekommen, und dein Boot sei für die Meerfahrt bereit.“

Viertes Kapitel
Am Silbergrab des Watarpatnam

Es wurde von Tag zu Tag heißer, ich schlief in der Mittagsstunde mit der Zigarre in der Hängematte ein, erwachte unfroh und matt, und auch die Bücher blieben oft tagelang, immer die gleiche Seite aufweisend, offen auf dem Schreibtisch liegen. Mein Entschluß zu reisen, stand fest, ich studierte die recht unvollständigen Karten, war aber schon entschlossen, den Weg nach Norden durch die Flußniederungen der Küste zu machen, obgleich die Ströme noch reich an Wasser waren und das Land teilweise überschwemmt hatten. Die Offiziere der englischen Garnison, deren einige ich kennengelernt hatte, rieten mir ab, aber sie verstanden meine Absichten nicht, und wenn sie des Glaubens waren, daß mir daran gelegen sei, rasch und bequem voranzukommen, so hatten sie recht. Immerhin hatte ich in etwa vierzehn Tagen alle Vorbereitungen getroffen, der Ochsenwagen war gedungen, Proviant für zwei Monate war herbeigeschafft, und eines Morgens brachte mir ein Knabe die Nachricht, daß in Tschirakal am Seeufer die Boote auf uns warteten.

Der Watarpatnam und der Ponani sind, im Norden und Süden Malabars ins Meer einmündend, die größten Ströme des Landes. Der Watarpatnam bildet, wie die meisten Flüsse der Westküste, vor seiner Einmündung ein gewaltiges Seenbecken, in welchem sich die Meerflut durch einen schmalen Ausfluß mit seinen Wassern verbindet. Die einzelnen Flußmündungen dagegen sind unter sich, mitsamt ihren Seen durch Kanäle verbunden, die vor der Zeit der Kämpfe Tippu Sultans mit den Engländern, dieser ebenso umsichtige wie grausame Fürst anlegen ließ, um den Handel zur Zeit der Monsunstürme, die die Küste unbefahrbar machen, in den Meerstädten keine Unterbrechung erleiden zu lassen. Heute, wo der Hauptküstenhandel durch die Dampfschiffe besorgt wird, ist diese herrliche Wasserstraße durch die Seeniederungen und den Urwald fast vergessen worden. Die Kanäle sind zum Teil durch die Anschwemmungen der Regenzeit versandet, oder das leidenschaftliche Wachstum seiner Ufer hat sie völlig eingesponnen.

Panja war in bester Laune, seit ich meinen Entschluß kundgetan hatte, die Stadt zu verlassen, denn er liebte Cannanore nicht und wünschte sich, mit mir in Gebiete zu kommen, in denen wir allein herrschten. Als er von den Wegen hörte, die ich zu machen gesonnen war, kratzte er sich froh und nachdenklich im Nacken und sah mich geistesabwesend von der Seite an; heute weiß ich, daß er vielleicht manches besser überschaute, was unserer wartete, als ich, und daß es ihn heimlich erfreute, mich bald in großer Abhängigkeit von sich zu wissen. Er leitete die Vorbereitungen mit viel Umsicht, und aus mancher Anschaffung, die er entschlossen und selbständig machte, gewann ich langsam einen Einblick in die Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt. Er vertauschte meine letzten Lederkoffer mit solchen aus Eisenblech, und eine Mauer von Blechbüchsen verschwand im Gepäckwagen, er riet mir, meine Waffen nicht zur Schau zu tragen, sie aber wohl zu rüsten, da die Mohammedaner uns rudern würden.

Ich wußte damals noch nicht, wie weit seine Befürchtungen angebracht waren, aber es war mir bekannt, daß vielerlei Gesindel der Hinduwelt nur deshalb zum Islam übertritt, um die größeren Freiheiten dieser Lehre zu genießen. Die Mohammedaner bilden in den Westprovinzen eine entschlossene und geeinte Gesellschaft, von der England größere Gefahr droht, als von den Anhängern des Hinduismus, der durch den Kastengeist hundertfältig gespalten und in die verschiedensten Interessengebiete zergliedert ist.

Sonst verriet unsere Expedition eher die Friedlichkeit, als die Gefahren des Landes, die nicht von den Menschen kommen, und ich erinnerte mich, vergleichend, einer anderen Ausfahrt in die Wildnis, die in meiner Gegenwart für den Sudan ausgerüstet wurde. Damals starrte das bunte Lager von Waffen und Todesbereitschaft, die glänzenden Riesengestalten der Neger verbreiteten das heimliche Grauen vor ihren blutdürstigen Brüdern im Innenlande, und mit den Schwingen der Aasgeier, die den Ausgangsort der Expedition umkreisten, rauschten in der Luft die Fittiche des Todesengels, dessen furchtbare Züge die Seuchen Afrikas und den Blutdurst in Fieberschwüle ausstrahlten. Viel später, als ich längst nach Europa zurückgekehrt war, erfuhr ich, daß von jener Gesellschaft nicht ein Einziger in die Heimat zurückgekehrt sei, der letzte Name ist in einem Krankenhaus von Genua verklungen, in das ein fiebernder Straßenbettler eingeliefert wurde, der, aller Mittel beraubt, und von einer furchtbaren Krankheit zerfressen, den Versuch gemacht hatte, seine deutsche Heimat von Neapel aus zu Fuß zu erreichen.

Die Gefahren Indiens haben dagegen wenig mit dem Charakter der Urbevölkerung zu tun, denn seine Menschen sind friedliebend und ergeben, sie töten nicht und sind seit Jahrtausenden gewohnt, beherrscht zu werden. Abgesehen von den durch politischen Fanatismus aufgewühlten Leidenschaften und ihren von Rachgier, Haß und Herrschsucht entfesselten Unbillen, sind die europäischen Reisenden im größten Teil des Landes vor den Eingeborenen sicher; gäbe es nicht die Gefahren des Fiebers, der wilden Tiere und der Pest, so wäre das heutige Indien für die, welche um ihr Leben besorgt sind, weit weniger gefahrvoll, als die Umgebung unserer europäischen Großstädte bei Nacht. Indiens Gefahren, seine Einflüsse und geheimnisvollen Mächte walten in anderen Regionen des Seins, als dort, wo das Messer oder die Büchse über Wohl und Wehe entscheiden. Indien wird kaum jemand gefährlich werden, dessen Ansprüche nicht über die Erhaltung seines leiblichen Lebens hinausgehen, aber sein dämonischer Geist trifft das Mark der Seele dort inmitten, wo ihr Flug die großen Fragen allen Seins und die Höhen des Menschenbewußtseins zu erstürmen sucht. Der alte Geist des ewigen Gottreichs lähmt mit der unfaßbaren Stille seines himmlischen Triumphs allen zornigen Eifer des Kampfes und der Forschung, alle Jugend im Streit um die Erkenntnis und die Frische jeder Tat im Geist. Es ist alles gewesen.