Eines Nachts lag ich im Zelt auf einem Laublager, da ich die unsichere Nachgiebigkeit der Hängematte nicht mehr ertrug. Guru war am Feuer eingeschlafen. Er hockte neben der glühenden Asche vor dem Dreieck des Zelteingangs wie ein Geköpfter, den Nacken zwischen den hochgezogenen Knien, und seine fast drei Meter lange, uralte Araberflinte überragte ihn wie eine halb gesunkene Fahnenstange. Er liebte dieses Gewehr zärtlich und trug es meist bei sich, besonders wenn Aussicht vorhanden war, daß wir Menschen begegneten. Dabei lebte er in dem festen Glauben, daß diese Waffe es ihm niemals antun würde, eines Tages loszugehen. Er war nicht in Gefahr, enttäuscht zu werden, denn die Flinte war hundert Jahre alt, hatte sicher vom Sudan bis Singapore den ganzen Orient bereist, und es bestand keine Möglichkeit, sie zu laden oder gar abzufeuern. Aber Guru wäre mit dieser Waffe mitten im Urwald sorglos eingeschlummert, so sicher war er, daß außer ihm kein anderes Wesen ähnliche Hoffnungen wie er auf seinen langen Talisman setzte.
Wir waren am Tage an Felsausläufer des Gebirges gekommen, in deren Schluchten der Dschungel sich aufwärts erstreckte, um sich mehr und mehr zu lichten. In den Felsspalten floß klares Wasser, und als wir endlich umkehrten, da der Boden zu zerklüftet und verwachsen war, kamen wir an ein kleines Dorf von etwa zehn Laubhütten, das Itupah hieß. Unweit dieser Niederlassung hatten wir die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer angezündet. Die Leute waren gekommen, um uns Früchte anzubieten, hatten sich aber bald zurückgezogen, da unsere Gerätschaften ihnen allzu magisch und gefahrdrohend erschienen waren.
Ich konnte nicht einschlafen. Die Stimmen der wilden Tiere und der Mond störten mich. Panja war in das Hindudorf geschlichen, um Liebesabenteuer zu bestehen, er benutzte die Aufregung, die meine Gegenwart in Itupah hervorgerufen hatte, um darzutun, wie berechtigt sie war. Ein paar Flecke Mondlicht lagen am Zelteingang wie Papierschnitzel, und die Grillen füllten die Luft mit ihrem Zirpen, als würde feiner Silberdraht gefeilt von vor Hast toll gewordenen Sträflingen.
Es raschelte in der Zeltecke, und als ich hinübersah, entdeckte ich ein kleines Tier, das ich anfänglich für einen Marder hielt. Es saß totenstill da, nachdem meine Bewegung es mißtrauisch gemacht hatte, und sah mich mit zwei riesengroßen schwarzen Augen an, die sehr weit vorn und dicht beieinander saßen, wie bei einem Affen. Das zierliche Köpfchen war nicht viel größer als eine Walnuß in ihrer grünen Schale, und die Färbung des Fells erschien mir graubraun, wie bei einem Eichkätzchen im Winter.
Der Kleine gefiel mir außerordentlich, und ich versuchte Anschluß an ihn zu gewinnen.
„Treten Sie näher“, sagte ich und pfiff leise ein paar immer gleiche Töne in die dämmerige Nachtluft. Das Tierchen rührte sich nicht, und ich sann auf ein Anlockungsmittel. Als ich eine Bewegung mit der Hand machte, um ihm ein englisches Biskuit anzubieten, das neben mir lag, tat es einen lautlosen Ruck, und der Zeltwinkel war leer. Aber nach einer Weile huschte es wieder wie ein Schatten durch die Mondflecke, der kleine Fremde war wieder da, offenbar wurde er durch seine Neugier geplagt.
Die beiden schwarzen Augenkugeln saugten, weit geöffnet und starr vor Erstaunen, meine Erscheinung in sich auf, ich bin noch niemals so angeglotzt worden. Der Kleine schien furchtbar aufgeregt vor Begierde, herauszubringen, was es für eine Bewandtnis mit mir hatte, und was mich aus meinem entlegenen Lande nun gerade in die Nähe der Menschenstadt Itupah und dort in die Gegend seiner Behausung geführt haben mochte. Ich hätte es ihm nicht sagen können. Aber enttäuschen wollte ich ihn auch nicht.
„Haben Sie Familie?“ fragte ich leise.
Fort war er. Die Frage mag für den Beginn einer Bekanntschaft vielleicht etwas zudringlich gewesen sein, aber nach einer kurzen Weile kam der Kleine doch wieder, diesmal genau an derselben Stelle, zwischen unsern Salzgläsern und Panjas Sandalen. Er schien nun bemerkt zu haben, daß meine Worte nicht so gefährlich waren, wie er anfänglich angenommen hatte, und kam ein wenig näher, um besser glotzen zu können.
Es tat mir leid, daß ich nichts anzubieten hatte, und daß meine Gastfreundschaft sein Mißtrauen erregte.