Es kam mir gar nichts in den Sinn, was ich etwa anstellen könnte, den gebrochenen, kleinen Mann zu beruhigen. Wenn ich ihn berührt hätte, so wäre er vor Angst gestorben, so ließ ich ihn einstweilen liegen und stellte fest, daß sich seine Toilette in einer ähnlichen Etappe der Entwicklung befand, wie die meine. Dann verfiel ich darauf, ihm eine arglose und sinnvolle Weise vorzupfeifen, die nach meiner Überzeugung etwas Beschwichtigendes enthielt, erst wählte ich ein altes Wiegenlied, dann einen Choral und endlich „Heil dir im Siegerkranz“.
Das wirkte. Mein Freund drehte das dunkle Köpfchen am Boden so weit, daß er mich mit dem einen Auge bis etwa an meine Knie hinauf betrachten konnte. Daß ich Menschen fraß, war immer noch sicher für ihn, aber es schien doch, als wenn ich es nicht besonders eilig damit hätte. Ich gab ihm nun in zurückhaltender Weise zu verstehen, daß er sich erheben sollte, und er gehorchte, immer noch am ganzen Körper zitternd, aber sichtlich erstaunt darüber, daß ich wie ein vernünftiger Mensch zu sprechen verstand und noch dazu in seiner Sprache. Er bestand gewissermaßen nur noch aus Augen, und in ihnen brannte nur ein einziger Wunsch, der, sich auf möglichst unauffällige Art empfehlen zu dürfen; glotzen ließ sich weit besser aus einem Versteck, und was konnte aus dieser Annäherung gutes kommen?
Aber er änderte seine Meinung doch, als ich nach meinen Kleidern tastete und ihm eine Kupferanna unter die Augen hielt. Zunächst war sie da, das ließ sich begreifen, aber nur langsam dämmerte in seinem Köpfchen der Glaube hervor, daß sie ihm gehören sollte. Das war schlechthin unmöglich. Als ob er den Wert dieser runden Metallplättchen nicht kannte, die sein Vater zuweilen aus den Hafenstädten mitbrachte, wenn er Pfeffer oder Ingwerwurzeln hinabgetragen hatte, und mit Hilfe derer man alles erlangen konnte, alle Herrlichkeiten der Welt, buntes Tuch, die Süßigkeiten der Basarstraße, Reis und Maniokbrot und Macht über alle Knaben des Ortes.
Und so entwischte er ungefressen mit seinem Schatz, nachdem er endlich begriffen hatte, daß meine Pläne sich in diesem Opfer erschöpften. Vielleicht erinnert er sich meiner zu einer Zeit, wo er ein Jüngling geworden ist und zu seiner ersten Kupferanna in den Hafenstädten so manche andere verdient, und seine Meinung über uns Weiße geändert haben mag, in einem zweifachen Sinn. –
Mehr und mehr empfand ich von Tag zu Tag, daß ein fremder Bestand, der nicht festzustellen war, die Beschaffenheit meines Bluts veränderte. Ich schob die Schuld, wie man es in solchen Fällen zu tun pflegt, bald auf das eine, bald auf das andere, heute schien mir das Trinkwasser der Anlaß zu sein, morgen der Tabak, oder eine fremde Frucht, dann wieder verband ich meinen Zustand mit meiner Schlaflosigkeit, oder mit der Beschaffenheit dieser schwülen, von tausend Düften geheizten Luft. Panja betrachtete mich oft lange und besorgt von der Seite, ohne zu wissen, daß ich seine Blicke gewahr wurde, und daß sie mich reizten. Ich behandelte ihn ungerecht und hart, aber er blieb geduldig und verfiel nicht wie früher in sein gekränktes Schmollen. Überhaupt hatte er sich in der letzten Zeit merklich geändert, mir war oft, als habe ihn eine neue Verantwortlichkeit über sich selbst hinausgehoben, gerade als ob er sich hätte bewähren müssen, um sich seiner Kräfte und Tugenden bewußt zu werden. Ich lohnte ihm diesen Wandel schlecht, aber ich konnte nicht anders.
Mir war bisweilen, als habe mein Gehirn sich um vieles verkleinert und als mache es eigenartige Drehungen und Schwankungen in seiner Schale, wie ein schwimmender Ball in einem Wasserglas. Dabei verfiel ich auf alle möglichen Heilmittel, nur nicht auf das einzige, das mir hätte helfen können: auf die Flucht aus den Niederungen des Dschungels.
War es Morgen, so mußte ich den Mittag erwarten, in welchem die Insekten mit einem seligen Brausen, oder die großen Schmetterlinge leicht und lautlos von Blüte zu Blüte zogen, durch unwahrscheinlich tiefes Blau oder Grün, während die Welt in heißer Fülle verging. Mit dem leisen Unbehagen des sinkenden Mittags mußte ich den Abend erwarten und an ihm die Nacht mit ihrem Licht und Läuten über schwarzen Tiefen, ihren gurgelnden und stöhnenden Stimmen der Raubgier und der Liebeswut und mit ihren blendenden Gestirnen. Tag und Nacht waren für mich längst keine Begriffe des Wachens oder der Ruhe mehr, sondern wechselnde Züge des indischen Weltenantlitzes, magisch ineinander überwogend, wahrsagerisch entstellt.
Ich hatte meine Heimat vergessen. Europa versank in meiner Erinnerung wie ein lauter, häßlicher Traum voll unnützer Erregtheit, und ich lächelte mitleidig über die Schande, die mir in den kleinen Beteiligtheiten meiner hastigen Vergangenheit widerfahren zu sein schien. Wie ein einziger, kreischender, grellfarbiger Lebensirrtum erschien mir das Treiben der großen Städte, und ich verging und erstand in Schlafen und Wachen wie in Frühling und Winter, das Angesicht der Tages- und der Jahreszeiten verschmolz miteinander zu einem unbestimmbaren Gefühl des Wandels, und die Unschuld der Pflanzen, die mich einhüllten, wie ein lebendiges Gewand, war die stärkste Gewalt über meine langsam verschwindende Erkenntniskraft.
Es trieb mich zuweilen aus der Dschungelnacht an den Steppenrand zurück, es war ein Verlangen, den offenen Himmel zu sehen und das weite braune Hügelland, und es war mir angesichts dieser Helligkeit, als entkleidete mich ein lautloser stiller Sturm des Lichts. Oft brachen wir mitten in der Nacht auf, nahmen zuweilen den gleichen Weg, den wir am Tage mit Mühe durchmessen hatten, und errichteten das Lager an der verlassenen Feuerstätte. Mir war, als hätten die Pflanzen mich am Atmen behindert, als raubten sie meiner Brust, was ihr zum Leben not tat. Oft ertappte ich mich über gereizten und boshaften Blicken auf eine blühende Pflanze, deren dargebotene Liebeswut in purpurroten Kelchen mich mit Zorn und Haß und zugleich mit hingebender Demut erfüllte.
Langsam war eins meiner Manuskripte und Bücher nach dem andern dem nächtlichen Feuer zum Opfer gefallen, ich sah die weißen Blätter in hämischer Genugtuung in der Glut welken und fühlte mich freier, wenn die verkohlten Rollen zerbröckelten. Nur ein kleines, törichtes Büchlein begleitete mich lange noch, ich weiß zuversichtlich, daß ich es nur deshalb nicht zerstörte, weil eine merkwürdig verschlungene Ranke aus geprägtem Gold den Einband verzierte, ungefällig, sinnlos und aufdringlich, aber es tat mir wohl, diesen Linien mit den müden Augen nachzugehen. Einmal versuchte ich, mich darauf zu besinnen, wo Nachrichten für mich liegen könnten, ich schloß auf Bombay, Goa und Madras, aber ich wußte es nicht mehr.