Da sah ich, wie ich selbst, an meinem Lager sitzend, meinen Ring vom Finger zog, genau auf die gleiche Art, wie ich es zu Lebzeiten getan haben mochte, wenn ich ihn irgend jemand auf seinen Wunsch hin zeigte. Ich versuchte, den Ring anzustecken, aber mein Finger brach ab. „Verflucht, ist es schon so weit mit mir, Sahib?“ fragte ich unwirsch. Mein Ich nahm den Finger und steckte ihn umständlich in die Tasche, und zwar in die richtige, die ich für solcherlei Gegenstände leer zu halten pflegte.

„Sind wir noch in Indien?“ fragte ich; aber unmittelbar, nachdem ich diese Frage ausgesprochen hatte, überkam mich die Erkenntnis, wie völlig belanglos solch ein Umstand für mich war. „Was soll geschehen?“ fragte ich etwas burschikos, denn ohne einen bestimmten Zweck würde mein Ich sich hier kaum niedergelassen haben, so gut glaubte ich mich zu kennen.

Und wirklich erhob sich nun das Ich in meiner Gestalt, zog seinen Rock zurecht, trat einmal mit dem Bein nach vorn, um die Hose zu glätten, und strich sich über das Haar. Ich wußte schon, daß es sich darum handelte, daß ich mein Grab kennen lernen sollte.

„Du darfst dir keine besondere Vorstellung von der Ausstattung machen“, hörte ich. „Panja hat dich im Wald verscharrt, kaum tiefer, als deine Arme lang sind, und die Waldblumen wachsen über deinen Augen.“ Nachdem diese Worte verklungen waren, sah ich niemand mehr und empfand nun, daß ich in meinem Grabe ruhte. Einen kleinen Augenblick lang huschten mir noch Gedanken durch den Sinn, aber dann überwältigte mich eine unbeschreibliche Ruhe.

Diese Ruhe vermag kein irdischer Mund zu schildern; es ist mir niemals eine Wohltat geschehen, die dieser Ruhe zu vergleichen wäre. Nach einer langen und ermüdenden Wanderung voll ungesunder Hast und qualvoller Befürchtungen langte ich früher in meinem Leben einmal am Ort meiner Bestimmung an und außer einer trostreichen Gewißheit empfing mich ein kühles, weißes Lager in einem stillen Raum, dessen Fenster den Blick auf die Berge hinausführten. Die wenigen Minuten, in welchen ich meinen übermüdeten Körper vor dem Einschlafen auf diesem Lager ruhen fühlte, sind vielleicht entfernt dem glücklichen Zustand zu vergleichen, in welchem ich nun im Grabe lag, aber man muß sich diese Wohltat bis an die Grenze der Bewußtlosigkeit gesteigert denken und wie im friedlichen Rausch einer überirdischen Musik.

Meine Hände waren hoch auf der Brust übereinandergelegt, ohne gefaltet zu sein; ich ruhte ganz gerade ausgestreckt, und die schwere Decke der Erde war eine glückliche Last; sie lag auf meiner Stirn und auf meinem Gesicht, wie die liebevollen Hände einer besorgten Mutter nicht sanfter ruhen können. Ich vernahm einen gleichmäßigen, starken Pulsschlag, dessen Ursprung ich nicht erkannte, der mich aber mit großer Beruhigung erfüllte. So lange unter den lebenden Wesen der Erde noch eines meiner in Liebe gedachte, blieb mein Bewußtsein wach, aber ohne qualvolle Erinnerungen; es war ein unbeschreiblich erhabenes und freies Lächeln, mit welchem ich der irdischen Ereignisse gedachte, ohne mich ihrer recht zu erinnern. So ruht das Korn in der winterlichen Erde, es trägt sein Gedenken an den Sommerwind und an die Sonne, in der es herangereift ist, wie einen Frühlingstraum durch seinen Schlaf. Das Licht, der Regen, das Schwanken in der bewegten Luft und der Schnitter sind eine einzige lind durchbebte Ahnung der Vergangenheit, die keine Trauer oder kein Gefühl der Verlassenheit aufkommen läßt. Denn im dunklen Schlummerland pocht ein herber, gleichmäßiger Pulsschlag; ob es die Lichtwellen der Sonne, ob es Tag und Nacht sind, oder der Wechsel der Jahrtausende, ist niemals die Sorge eines im Erdreich Schlummernden gewesen, denn nun ist der Tod überwunden; man muß ihn nur kennen, um zu wissen, wie wesenlos seine Mächte sind, die die armen Erdbefangenen als eine so unerhörte Herrschaft feiern. Nun sind tausend Jahre wie ein Tag. Ich hatte weder den Wunsch, jemand von denen wiederzusehen, die ich geliebt hatte, noch kannte ich Sorge um ihr Geschick. Glückseliger konnten die Frommen nicht sein, die Gottes Angesicht schauten.

Nach einer unabsehbar langen Zeit, in der ich keinerlei Veränderung spürte, schien es mir, als würde es langsam dunkler um mich her und in mir. Nicht die Furcht, nun vergessen zu sein, bewegte mich, aber eine laue Anteillosigkeit auch an dieser Möglichkeit. Vielleicht war das Laub des Waldes dichter und dichter über meiner Ruhestatt niedergesunken, oder die Erde kreiste nicht mehr um die Sonne, vielleicht war sie von einem anderen, größeren Gestirn aufgenommen, auf welchem der Wechsel der Zeit nach anderen Gesetzen vor sich ging. Mehr und mehr verlor ich das Bewußtsein meiner selbst, aber ohne darüber in Gram zu sinken; es war mir, als ob der Rest meiner Klarheit sich in einem einzigen Fünkchen sammelte, das ähnlich glomm, wie die Hoffnung in den Herzen der lebendigen Menschen.

Da bemerkte ich allmählich, in einem heraufdämmernden Zeitraum, den ich nicht begrenzen kann, einen sanften Lichtschein über mir, der still anwuchs und sich langsam näherte. Er war weißlich, ohne zu glänzen, und erschien mir wie ein blasser Strahl von zartem Umriß und langsamem Leben; er senkte sich auf die Gegend meines Herzens nieder und ohne einen Schein im Erdreich zu verbreiten, glomm er doch in lieblicher Seligkeit, und der unfaßbare Zauber einer fernen Erinnerung an die Sonne verband ihn mit meiner Zuversicht. Da erkannte ich, daß es der tastende Wurzelkeim einer Pflanze war, der sich meiner Brust näherte, und mich ergriff ein tiefer Schauer, der nicht Freude noch Hoffnung war, aber man könnte ihn vielleicht mit der Ergriffenheit vergleichen, in der die Irdischen bei einer großen Erschütterung ihres Gemüts in Tränen ausbrechen, ohne dabei schon Lust oder Schmerz zu verspüren. Je näher der bleiche, saugende Mund auf kindlicher und frommer Wanderschaft und in gehorsamem Wachstum meiner Brust kam, um so mehr verwandelte sich mein erlöschendes Menschbewußtsein in ein seliges Allgefühl von erhabener Gestilltheit und froher Bereitschaft zum Vergehen in ein unversiegbares Bereich. Da geschah es bald darauf, daß die Wurzel der Pflanze in mein Herz eindrang und in einem funkelnden Erklingen, in einem von Frische und seliger Wildheit betäubenden Lichtwirbel wurde mein Wesen emporgerissen in das warme, leuchtende Brausen der Erdoberfläche.

Über meinem Grab brach eine große Blume auf und öffnete sich gegen die himmlische Sonne. –

Nun kam es mit weichen Schritten durch die dichten Lauben des Urwalds heran, auf diesen verschlungenen Pfaden, die kaum ein paar Schritt weit zu übersehen sind und wie grüne Höhlen wirken; unendlich weich und geschmeidig schritt es dahin, von der stolzen Erhobenheit der Gestalt, die unter allen Geschöpfen nur die Menschen haben. Es war ein Mädchen, das herankam, beinahe noch ein Kind an Jahren. In jener schattigen Lichtung im großen Urwald, an welcher unter einem Baum vorzeiten mein Grab gegraben worden war, und in welcher nun die frische Blume sich langsam gegen das Sonnenlicht kehrte, machte das Mädchen halt und beugte sich nieder. Sie trug Lotusblüten im Haar, von sanftem Rot und einen schmalen Gürtel von gewundener ockerroter Seide um die zarten Hüften. Ein Hauch von Ambra begleitete sie, wie unsichtbare Flügel der Jugend.