Als ich an diesem Ort eine kleine Weile gestanden und gelauscht hatte, öffnete der niedrige Vorhang sich, und eine alte Frau trat zögernd und scheinbar überrascht auf mich zu. Sie war welk, und ihr ergrautes Haar flimmerte vermodert in dem blaßfarbigen Licht der Papierlaterne über ihrem Scheitel, ein gelbes Tuch war wie eine Fahne um ihren Körper geschlungen, so daß ihre Schultern und Arme, sowie ihre Beine von den Knien an abwärts unbedeckt waren. Nachdem sie sich von ihrer anfänglichen Überraschung erholt hatte, lächelte sie mir in feiner, unpersönlicher Herzlichkeit zu, die Leuten eignet, die aus Beruf oder Gewohnheit gastfreundlich sind, und lud mich, nach einem prüfenden Blick über meine europäische Kleidung ein, näherzutreten. Sie sagte ein paar Sätze, die ich nicht verstand, denen aber leicht ein Willkomm zu entnehmen war und eine ehrende Begrüßung. Da ich ohne Zögern nähertrat, verdoppelte sie ihre Unterwürfigkeit, und ich hatte den Eindruck, als kröche sie mir die Stiege hinauf voran, die wir im rötlichen Dämmerlicht erklommen; ich sah immer nur ihr Angesicht dicht vor meinem, während ihr übriger Körper bereits voraus war. Sie grinste süßlich und boshaft; irgendwo bimmelte zaghaft ein Glöcklein; beklommen folgte ich, ohne Aufwand von Mut, ohne Umsicht, ja fast ohne rechte Erwartung; was geschehen sollte, mochte geschehen. Das Leben wog leicht.

Wir kamen an eine mit buntem Papier bezogene Tür, die die Treppe hart abschloß, und die sich lautlos und leicht unter dem Druck der welken Hand der alten Frau öffnete.

„Tritt ein, Herr“, sagte sie auf Hindustani und drückte sich an die Wand, die nachgab und schwankte; ich hatte den bestimmten Eindruck, daß wir von allen Seiten beobachtet wurden. So tappte ich nun vorsichtig voran in das von Rauch wie in Nebel getauchte bläuliche Dämmerlicht eines niedrigen Raumes, in welchem ich anfänglich, außer dem erlöschenden Mond einer stillen Ampel, nur hängende Wandteppiche in mancherlei gedämpften Farben und seltsamen Ornamenten zu erkennen glaubte. Es glitzerte mir in matten Goldtönen entgegen und ein sanft betäubender Hauch von welkendem Jasmin und Opium beengte die Brust.

Ich durchschritt mit meiner Führerin diesen Raum, um in einen zweiten zu gelangen, der noch kleiner und finsterer war, und in dem ich zuerst nur ein breites Ruhebett erkannte, das mit vielfarbigen Decken und Fellen belegt und kaum einen Fuß hoch war. Die Alte verbeugte sich viele Male, nachdem ich, wie sie es zu wünschen schien, auf diesem Lager Platz genommen hatte, und sagte im Hinausgleiten in gebrochenem Englisch:

„Ich werde Goy für dich holen, Herr, du wirst zufrieden sein.“

Als ich ihr mit zwei zustimmenden Worten zunickte, lachte sie, glücklich und stolz darüber, verstanden worden zu sein. O, sie war eine hochgebildete Frau, nun hatte sie den Beweis erbracht, und nichts wäre in der Lage gewesen, sie zu einer Handlung zu bewegen, die mich an dieser Meinung über sie wieder irremachte.

Ich sah mich kaum im Zimmer um, als ich allein war; es mußte alles so sein und kommen, wie es für diese Nacht bestimmt war.

Unter einer winzigen grünen Ampel, dicht an der Decke, erblickte ich ein rundes Tischchen mit unwahrscheinlich dünnen Beinen, und in einer mit roten und blauen Ornamenten ausgelegten Messingschale, die darauf stand, lagen trockene, fremdartige Früchte, Tabak, Hanf und Betel. Da meine Augen sich bald an das ebenmäßige, sanfte Licht gewöhnt hatten, erblickte ich, als nun die Tür sich öffnete, sogleich mit der übersinnlichen Deutlichkeit einer Vision das Mädchen, das meinen Raum betrat und vorsichtig die Tür hinter sich schloß und verriegelte. Sie trat so gelassen und freundlich auf mich zu, als sei ich ihr ein längst vertrauter Gast, und grüßte mich, indem sie nach kanaresischer Sitte die Spitzen ihrer Hände an die Stirn legte und sich tief verneigte. Sie war völlig nackt unter einem unendlich feinen Schleier von rauchfarbenem Seidenflor; ihr schwarzes Haar war mit grauen Blumen geschmückt, und ein schmaler Ledergürtel von verblichenem Ockerrot legte sich, ohne ihren Körper zu beengen, wie ein Ring aus rostigem Metall um ihre Hüften, die, obgleich ich ein Kind vor mir zu haben glaubte, doch von weicher Rundung und lieblicher, ebenmäßiger Fülle waren. In diesem Gürtel war eine große Blume von hellem Blau befestigt, mit tiefem goldbraunem Kelch; sie hob sich fast unwirklich und in seltsam wohltuendem Kontrast vom Bronzeton des jungen Körpers ab.

Alles, außer dieser frischen Blume, hatte jene seltsam überzeugende Bewußtheit in Farbe, Erscheinung und Bewegung, wie nur eine jahrhundertalte Tradition sie verleihen kann, alles außer dieser Blume und dem schmiegsamen Mädchenleib.

Ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe, was in dieser denkwürdigen Nacht dieses Kind zu mir sagte, wohl aber weiß ich, daß wir einander verstanden. Die Ausschließlichkeit, welche das glühende Bereich heraufbeschwört, in das der Liebreiz dieses Mädchens mich zog, verbannte alle kleinen Einzelinteressen und Begierden, die unser Leben spalten und bedrängen, und es gab nur ein Ziel für unser Blut.