Auch mit den Vertretern der deutschen Mission in Mangalore kam ich flüchtig in Berührung, es sind tätige und ernste Leute, die in kleinen Industrien die übergetretenen Eingeborenen beschäftigen und den Geisteskampf mit den gebildeten Repräsentanten des Hinduismus nur vereinzelt und immer erfolglos wagen. Es fehlt ihnen an Bildung und Kenntnis und vor allem an Achtung vor dem Brahman oder der Lehre Buddhas, und der einfältige Glaube, es hier mit „finsterem Heidentum“ zu tun zu haben, ist der beste Weg zur gründlichen Erfolglosigkeit. Ich habe kuriose Leute unter diesen Missionaren und Missionsfrauen angetroffen. Was sie einem feineren Anspruch immer wieder fatal macht, ist ihre bewußte Beschränkung und Ausschließlichkeit in einer Weltbetrachtung, deren wirkende Kraft unerprobt bleibt. Es ist leicht, recht zu behalten, wenn man nur sich selbst oder Meinungsgenossen hört, und das Lächerliche solcher Erscheinungen beruht darauf, daß ihre Einfalt mit Großartigkeit verbunden ist und ihre Behutsamkeit mit Mangel an Takt.

Ein bezeichnendes Merkmal, woran solche Leute im Fall eines Zweifels bald zu erkennen sind, ist ihre Fähigkeit, über alle Dinge mitzureden, sie zu beurteilen oder einzuschätzen, ohne daß sie sich je die Mühe gemacht hätten, sie auch zu verstehen. Naturgemäß verbindet sich mit einem solchen Standpunkt der Weltbetrachtung eine besondere Vorliebe für die Kehrseite der Dinge, die sich überall, wie auch beim Menschen, leichter kenntlich, übersichtlicher und ohne komplizierten Ausdruck oder vielseitige Linienführung darbietet. Und so findet man auch in der Regel, daß das Selbstbewußtsein dieser Menschen sich daran aufzurichten pflegt, daß sie die Schattenseiten anders gesinnter Brüder oder fernliegender Dinge zuerst, oder gar ausschließlich entdecken, und da es leichter ist, etwas zu tadeln, als etwas zu begreifen, so findet dieses Selbstbewußtsein fast stündlich Nahrung und entwickelt sich auf das prächtigste. Panja meinte einmal, nachdem wir unsere ersten Bekanntschaften hinter uns hatten:

„Diese Herren sind wie der König von Schamaji, immer herrschen sie, aber man weiß nicht, warum oder über wen.“

Wahrhaft Bescheidene fordern nicht heimlich den Dank für ihre Beschaffenheit ein, und es ist immer ein wenig peinlich, wenn Dienstboten sich deshalb für etwas Besonderes halten, weil ihre Herrschaft etwas Großes geleistet hat. Trotzdem ist mir ein Beweis inniger Glaubenskraft erbracht worden, und da ich durch die bezeichnenden Worte, welche ich über diese Leute vorangeschickt habe, ungern in den verpönten Ruhm kommen möchte, auf der Bank der Spötter zu sitzen, will ich die Geschichte so folgen lassen, wie ich sie gehört habe:

In einer Gebetsversammlung dieser kleinen christlichen Gemeinde erhob sich jüngst eine Missionsfrau, die aus den dunkleren Provinzen des im übrigen so gesegneten Königreichs Württemberg stammte und die in ihrer Beziehung zur Einfalt in der Gottesfurcht etwas geradezu Außerordentliches leistete. Sie sagte nach kurzem Gebet, das in solchen Versammlungen laut und allgemein verrichtet zu werden pflegt, daß es Gott dem Herrn in seinem unerforschlichen Ratschluß gefallen habe, ihre neben ihr sitzende, bereits erwachsene Tochter Helene mit einem Bandwurm zu schlagen. Darauf forderte sie die Gemeinde in bekümmertem Werben von geneigter Stirn inständig auf, Gott mit ihr und ihrem Kinde gemeinsam um das Ausscheiden des unangenehmen Parasiten anzuflehen. Ihrem Ersuchen wurde bereitwillig stattgegeben, und Männer und Frauen der Versammlung beschäftigten sich eine angemessene Zeitlang vor Gottes Augen in inniger Fürbitte mit dem Bandwurm der jungen Dame und mit der Laufbahn, welche für die Zukunft dieses merkwürdigen Tiers erhofft wurde.

Am Schluß der Versammlung erklärte eine freundliche Beisitzerin im Saale, daß sich in ihren Privatbeständen ein wirkungsvolles Mittel befände, dem auch ein energischer Bandwurm nicht zu widerstehen in der Lage sei, und dieses Medikament wurde mit Dank angenommen. Schon in der nächsten Zusammenkunft konnte die Mutter der aufhorchenden Gemeinde die Mitteilung machen, auf wie wunderbare Art die Kraft der gemeinsamen Fürbitte bei ihrer Tochter gewirkt habe. Sie erzählte mit bewegter Stimme den Versammelten, daß der Bandwurm gekommen sei, augenscheinlich im bereits entschlafenen Zustande, daß sich aber ein großer Frieden in seinen Zügen ausgedrückt habe. –

Daß Gottes Hand sichtbar über dem Wohlergehen dieser opferfreudigen Leute waltet, geht auch aus einer anderen, nicht weniger eigenartigen Geschichte hervor, die mir in Mangalore von einem sehr erfahrenen und im Heidendienst erprobten Manne erzählt worden ist. Als sich dieser Herr zu Beginn seiner Laufbahn an einem schönen Abend auf der Veranda seines Hauses aufhielt, erblickte er plötzlich einen Tiger, der die Treppe vom Garten emporkam. Gott gab dem bestürzten Manne jedoch rechtzeitig einen guten Gedanken ein, der zur Errettung führte. Auf der Terrasse stand zum Glück, von der letzten Kinderlehre im Freien her, noch das Harmonium, ein besonders in pietistischen Glaubenskreisen recht beliebtes Erbauungsinstrument, das auch in indischen Missionen hier und da Verwendung findet, obgleich es den Einwirkungen des Klimas nur selten zu widerstehen vermag. Auf dieses Instrument stürzte sich der beklommene Mann und begann, in zuversichtlichem Glauben an seine Aussichten, den bekannten schönen Choral zu spielen:

Wie soll ich dich empfangen
Und wie begegn' ich dir?

Der Tiger soll sich sofort entfernt haben, um den Schutz der Wildnis aufzusuchen.