„Ich fühle die Wahrheit, die in diesem Gleichnis liegt, wie Sie sie damals empfunden haben mögen,“ sagte ich, „aber ich vermag so wenig wie zuvor meine Gedanken über den Tod zu einer Gewißheit der Erkenntnis zu ordnen.“
„Es war jener letzte Schritt auf die Schlange zu, den Sie mit Ihrer Gewißheit meinen“, sagte der Brahmine. „Wenn Sie mir sagen können, wo das Leben aufhört, und wo der Tod beginnt, so will ich Ihnen den Tod erklären. Wollen Sie bei den Pflanzen nach dieser Grenze suchen, bei den Menschen, bei den Steinen oder bei den Tieren? Ich sehe die Erneuerung aller hinfälligen Gestalt in der Natur, wohin ich blicke. Bis zur Bildung der Kristalle im Gestein erblicke ich Leben und in der mathematischen Ordnung solcher Erstarrung, die sowohl gedankenvoll zu sein scheint, als sie schön ist, glaube ich die Gesetze zu erkennen, nach denen ich atme, mich bewege oder Lust und Sorge erleide. Tod ist eine vage Annahme, die unsere Sinne um der Beschränkung ihrer Zeitbegriffe willen aufzustellen genötigt sind. Und was unsere Bewußtheit betrifft, so liegt ihr der Glaube an den Tod um so ferner, je eingeschlossener in die Allgemeinheit alles Lebendigen wir uns sehen oder fühlen. Und doch ist es mit dem Tode wie mit der Wahrheit, sie lassen sich sicherer empfinden als jedes andere Element der lebendigen Seele, aber sie lassen sich nicht erklären. Es wird immer zwei Arten von Menschen geben, die einen nehmen den Tod als Pflicht des eigenen Wesens, die anderen als die Willkür einer fremden Macht. Eure Kirche lehrt den Tod als Sold der Schuld, aber euer Gott starb ihn als freie Pflicht.“
„So rechnen Sie Christus den Ihren zu?“ fragte ich. „Sie glauben seine Lebensweise und sein Gedankenreich der Ideenwelt Ihrer Gottheit einreihen zu können?“
Mangesche Rao antwortete mir:
„Ich vermag es so weit, als der Sinn aller irdischen Religionen, oder besser, die Religiosität aller Irdischen, aus einer gleichen Quelle des Anspruchs und der Hoffnung fließt, nicht aber so weit, als es die Lehre unserer Kirchen betrifft. Die Gedanken Christi sind größer als unsere Gedanken und führen weiter. Es ist viel über die Unterschiede und über die Ähnlichkeiten der christlichen Religion und der Religion unseres Volkes nachgedacht worden, aber die meisten Vergleiche sind deshalb bedeutungslos, weil es schwerhält, zwei Erscheinungen erfolgreich miteinander zu vergleichen, die im Wesen voneinander verschieden sind, denn das Brahman ist Philosophie, aber die Weisheit Christi ist praktische Lehre. Menschen, welche das Wesentliche der Erscheinungen schwer festzustellen und nachzuempfinden vermögen, lieben es besonders von unwesentlichen Begleiterscheinungen aus zu vergleichen und gegen einander abzuschätzen. In den meisten Fällen liegt solchen Bemühungen keine andere Absicht zugrunde, als die, den einen Wert auf Kosten des anderen herabzusetzen. So hart solche Behauptung klingen mag, so wenig werde ich sie einschränken, denn es ist den meisten Menschen, die Begreifen über Empfinden setzen, oder Verstehen über Glauben, eigentümlich, daß sie auch Verkleinern über Vergrößern setzen. So erscheint es mir auch gleichgültig, ob etwa Christus die Weisheit der Alten gekannt hat oder nicht. Große Gedanken sind niemals jung, so wenig, wie sie alt werden, und sie gleichen einander im Wesen, wie die höchsten Spitzen der Berge im Schnee einander ähnlich sind. Je niedriger das Auge sucht, um so mehr Unterschiede wird es finden; der Pöbel ist am buntesten und nur im Elend einig. Aber das Ziel ist, in der Freude einig zu sein.“
Ich war über diese Worte sehr überrascht und beglückt. Weniger in der Absicht, zu widersprechen, als vielmehr in dem lebhaften Wunsche, die Betrachtungsweise Mangesche Raos um so besser zu erfahren, sagte ich:
„Aber wie furchtbar ist die Wirkung der Lehre Christi auf das Menschengeschlecht gewesen. Sollte man nicht mehr als an jedem anderen Bekenntnis am Christentum verzweifeln, wenn man seine blutige Einwirkung auf die Geschicke der Völker übersieht?“
„Wer übersieht diese Wirkung denn?“ fragte Mangesche Rao. „Was Sie als Resultat dieser Lehre hinstellen, erscheint uns wie ihr erster Beginn. Ich möchte das furchtbare und blutige Ringen der Menschen um den Sinn des Christentums eher die Geburtswehen dieser Lehre als ihr Resultat nennen. Diese Lehre ist sehr jung und noch kaum recht verbreitet. Ist man nicht ohne Mühe befähigt, sogar noch ihren äußeren Weg auf der Landkarte nachzuzeichnen, wie sie von Asien über Griechenland und Rom in das Herz Europas einzog, als wäre sie diesen Weg erst gestern gegangen? Und der Teil der Erde, welcher ihre Bekenner trägt, ist nicht größer, als daß wir ihn mit der Masse des Himalaja mit seinen Menschen, Städten und Kirchen verschütten könnten. Wenn die Zeit von Christi Hinscheiden bis heute noch dreimal vergangen ist, wird sein großer Geist sich aus dem engen Mantel der Kirche geschält haben und weit mehr zum Element der Geister geworden sein.“
Die Sonne ging über der Steppe auf, es schien, als würde sie aus Gründen ewiger Gluten emporgeschleudert, und begann ihren Weg über das Erdreich zum ungezählten Male, in unfaßbarem Triumph einer jauchzenden Herrschsucht. Das Geschrei der Tiere im Urwald erklang ohrenbetäubend und das lärmende Erwachen der Natur vertrieb den letzten Gedanken an Schlaf aus meinem Blut. Ich trennte mich von meinem Gefährten, nahm die Büchse und ging in die Steppe hinaus, den dampfenden, tobenden Dschungel hinter mir lassend. Und in den Flammen, die läuternd emporsteigen, wenn die Jugend und der Morgen einander begegnen, kamen mir die Worte Christi in den Sinn: „Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.“