Ich weiß, daß ich im Morgengrauen aufs Pferd stieg, im Reiten meinen Rock knöpfte und mir dessen bewußt wurde, daß ich den Korkhelm vergessen hatte. Darüber kam mir in den Sinn, daß ich bei meiner Rückkehr den Schatten aufsuchen müßte, und hörte Panjas fremde Stimme, der mit meinem Pferd sprach, das er laufend am Zügel führte. Er schrie einen Ochsenkarren an, der uns in der Nähe des Stadttors den Weg versperrte, und ich sah einen kleinen gekrümmten Mann, der ängstlich und mit bösen, unterwürfigen Augen seine Tiere in den Graben zerrte. Er hatte Maisschößlinge geladen und trat mit seinem nackten Fuß aufgeregt in die Weichen der schwerfälligen Ochsen. Hatte diese selbe Stimme Panjas nicht eben noch geschrien: Die Brahminen haben Mangesche Rao vergiftet?

Es war noch nicht ganz hell im Haus des Toten. Der festgetretene Lehmboden vor der Veranda glänzte feucht, am Zaun waren weiße Ziegen angebunden, und die Palmenwedel sirrten im Morgenwind. Ich vernahm eine Stimme, die merkwürdig gleichförmig klagte, immer in demselben Tonfall, die hellen Seufzer folgten einander mit dem ausgestoßenen Atem, und mein erster Gedanke war: So ist er nicht tot, ich werde ihn noch lebend finden.

An der Tür zum Totenzimmer flüchteten einige dunkle Gestalten, ich sah im Raum, dicht am Fenster, ein niedriges Lager, auf das das Morgenlicht fiel, grünlich und blaß, wie aus einem erlöschenden Scheinwerfer. Unter einem weißen Tuch erkannte ich undeutlich die Umrisse einer gekrümmten Gestalt, eine zur Faust verkrampfte Hand sah seitlich aus den Falten hervor und reckte sich, wächsern gefärbt, ein wenig aufwärts gebogen, in den fahlen Glanz des nahenden Tags empor.

Ich schlug das Tuch zurück und ließ es sogleich wieder über das entstellte Gesicht zurückfallen. Das höllische Gift, dem der Brahmine erlegen war, verrät sich selbst unzweifelhaft durch seine Wirkung und zugleich die heimtückische Macht derer, die es im Namen ihrer zu hämischen Götzen herabgesunkenen Gottheit mischen.

Als ich mich abwandte, begegnete ich Panjas Augen, und als er mein Gesicht sah, warf er sich zur Erde, als habe eine Faust ihn niedergeschlagen, und brach in ein Geheul aus wie ein Tier. –

Auf der Basarstraße hatte das bunte Leben des neuen Tages begonnen, die braunen, nackten Gestalten unter den farbigen Turbanen eilten in gewohnter Weise dahin, geschäftig oder lässig, bald von Lasten gebeugt, bald steif und würdig im vertrauten Müßiggang. Ein mohammedanischer Händler, dem ich seit langem schon versprochen hatte, ein Bündel Ingwerwurzeln abzukaufen, die ich mitnehmen wollte, verfolgte mich lange. Am Tempelteich, in dem eine weiße Mauer sich spiegelte, predigte ein fremder Pilger. Es roch nach verdunstendem Sprengwasser und Ochsen, die Sonne schien, die vereinzelten Palmen hoben sich schräg und still über den Lärm der Straße und über die weißen, flachen Dächer der Häuser. Es begann warm zu werden.

Als wir die hohe Palmenallee erreichten, die am Meer dahinführt, und die Geräusche der Stadt im eintönigen Rauschen des Wassers verklangen, gab ich Panja mein Pferd und schritt allein weiter. Eine Müdigkeit, die Leib und Seele wie ein bitterer Strom durchdrang, ließ mich nach einer Weile innehalten, und ich lehnte mich an den Stamm eines Baums und schloß die Augen.

Da sah ich im Abendfrieden ein Dorf meiner deutschen Heimat. Der Holunder blühte am Zaun, es hatte geregnet, und die Luft war kühl und feucht. Hoch auf dem Giebel eines Bauernhauses sang eine Amsel in der letzten Sonne, und die klare Süßigkeit ihrer Stimme erfüllte das ruhige Land mit Glück.

Ende