Und das war so gekommen:
Valentin Pilgram stand im sechsten Semester. Er war bereits zwei Semester in Berlin inaktiv gewesen und nur nach Leipzig zurückgekehrt, weil er als Königlich sächsischer Untertan sein Referendarexamen in Sachsen ablegen mußte. Er war auf dringendes Bitten des C. C. zu Anfang des Semesters noch einmal wieder aktiv geworden und hatte die erste Charge interimistisch übernommen, weil kein anderer geeigneter Korpsbursch für diesen Posten da war, und der Vertreter des Marburger Kartellkorps, der die erste Charge später definitiv bekommen sollte, doch erst einmal in Leipzig und im Korps warm werden mußte. Interimistisch bekleidete dieser junge Herr die zweite Charge. Und so teilte Pilgram mit seiner ganzen feierlichen Gewissenhaftigkeit seine Zeit zwischen dem Korps und der Vorbereitung fürs Examen. Und in der letzteren war er nun plötzlich und gründlich unterbrochen worden durch ein grollendes Getöse, das aus der Nachbarkammer in seinen Studienfrieden hinüberklang, aus der Nachbarkammer, in der, wie er gelegentlich mit halbem Ohr vernommen hatte, die Tochter seiner Hauswirte, die herzoglich meiningische Hofschauspielerin Jucunda Buchner, für die Dauer des Gastspiels ihres Ensemble einquartiert worden war. Mitten in die Lektüre der Windscheidschen Drogenweltweisheit war da plötzlich eine sonore Altstimme hineingeklungen, zunächst in sachtem, murmelndem Repetieren, dann aber in selbstvergessen wildem Ausbruch:
»Und einer Freude Hochgefühl entbrennet,
Und ein Gedanke schlägt in jeder Brust —«
Da war der reckenhafte candidatus iuris mit einem Wutknurren aufgefahren ... aber umsonst: die sonore Stimme drinnen grollte weiter — sänftigte sich nun zu herzbeklommener Klage:
»Doch mich, die all dies Herrliche vollendet,
Mich rührt es nicht, das allgemeine Glück,
Mir ist das Herz verwandelt und gewendet,
Es flieht von dieser Festlichkeit zurück ...«
Aber bald schrillte sie wieder auf mit jähem Wehlaut, daß sich vor Wut und Entsetzen dem Rechtskandidaten die Gedärme umkehrten.
»Sollt' ich ihn tö—öten? Konnt' ich's, da ich ihm
Ins Auge sah? I—h—n tö—ö—öten? Eher hätt' ich
Den Mordstahl auf die eig'ne Brust gezückt!«
Das war zuviel! Der Student riß einen seiner Lederpantoffeln von den Füßen und pfefferte ihn krachend gegen die Nachbartür.
Einen Augenblick verblüffte Stille — doch o weh — sein Warnsignal war offenbar nicht verstanden worden — schon nach wenigen Sekunden setzte das Gegroll und Gewimmer drüben wieder ein:
»Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war?
Ist Mitleid Sünde?«