Dreiviertel acht —! wimmerte Hans Thumsers sehnsüchtige Seele — und in seinem Herzen klang's:

»Nichts von Verträgen! nichts von Uebergabe!
Der Retter naht, es rüstet sich zum Kampf —
Vor Orleans soll das Glück des Feindes scheitern,
Sein Maß ist voll, er ist zur Ernte reif!«

Thuringia schloß sich den Erklärungen Misnias an; Guestphalia schwankte, während Franconia und Neo-Borussia gemeinschaftlich gegen den Antrag auf Abänderung des Klingenschliffs auftraten. Unter allgemeiner Erregung schritt der Vorsitzende endlich um zehn Minuten vor acht zur Abstimmung, und nun fiel Guestphalia definitiv zur Partei des runden Schliffs. Franconia und Neo-Borussia waren überstimmt: die holde Menschlichkeit oder, wie Herr Borgmann Neo-Borussiae es nannte, der Geist der Kneiferei hatte gesiegt ... Und mit dem Zigarrenrauch hingen unzählige P. P. Suiten und Säbelforderungen in der Luft ... Morgen früh zum Frühschoppen würden sie explodieren ...

»Nu aber raus!« zischte Pilgram seinem Korpsbruder zu. »Weh Dir, wenn Du den andern was davon sagst, daß ich ins Theater geh — offiziell büffle ich heut abend!«

Drunten wartete des Ersten Chargierten der Korpsdiener mit Hut und Regenschirm. Pilgram riß ihm beides aus der Hand, zog Mütze und Band ab und übergab sie dem Getreuen. Thumser, der vornehm in der Proszeniumsloge sitzen würde mit dem Erbprinzen, blieb natürlich in Couleur. Und in rasendem Tempo hasteten nun die beiden Studenten die kleine Fischergasse hinab.

Auf dem Alten Markt standen Droschken aufgefahren. Die Wanderer warfen einen wehmütigen Blick hinüber:

»Wenn's doch schon der Erste wäre!« knirschte Hans Thumser.

»Beine in die Hand!« knurrte Pilgram.

Als Hans Thumser sich auf Zehenspitzen in die Proszeniumsloge schob, hatte der erste Akt bereits begonnen. Der Erbprinz und der Major wandten kaum zu flüchtiger Begrüßung die Köpfe — schon waren sie im Bann. Und hinter den schwarzen Silhouetten der Vordermänner sah Hans nur mit einem flüchtigen Blick die von der Bühne her matt erleuchteten vordersten Reihen des Publikums im Parkett — lauter Gesichter, im Lauschen und Schauen erstarrt. Und schon schlugen auch über ihm die Wogen zusammen.

Ein hoher gotischer Saal am Hoflager König Karls von Frankreich. Düstere pfeilergetragene Holzdecke, die Wände eichengetäfelt, darüber Gobelins mit steifen Reihen buntgewandeter Ritter und Edeldamen. Und ganz tief hinten ein buntes Fenster, durch das sich ein paar verirrte Sonnenstrahlen stehlen. Und mit zweien Getreuen der unglückliche weichherzige König, dessen Knabenhand wohl seine Agnes Sorel zu kosen vermag, nicht aber die Zeit, die aus den Fugen gegangen, wieder einzurenken ... drei Ratsherren knien vor ihm, seine vielgetreuen Bürger von Orleans, und flehen um Hilfe, um Entsatz ihrer hartbedrängten Stadt ... Verzweiflungsvoll ringt der König die kraftlosen Arme: