Und steht so vor dem König ... das Ewige, das Heilige, das Unendliche selbst ...

Und doch ... nur ein Mädchen ... ein junges, weißes Weib ...

In der winzigen Garderobe, rechts vom Schauspieler, auf der Frauenseite, wartete Mutter Buchner ihrer berühmten Tochter. Sie hatte es sich zwar nicht versagen können, sich von einem Eckplatz des Parketts aus an Jucundas Spiel, den neidisch-ehrfurchtsvollen Blicken der Bekannten, dem Jubelsturm des Publikums zu weiden; aber am Anfang des zweiten Aktes, das wußte sie, trat Jucunda nicht auf, und da drängte es sie in die Garderobe ihres Kindes, um ihr Zofendienste zu leisten. Ach, am liebsten wäre sie ja von Ort zu Ort mitgereist ... Wenn ein Mädchen so ungeheuer viel Talent hatte ... und so gut gewachsen war — na, man wußte ja, von wem sie das hatte! — und so heißblütig — ach Himmel, man war ja selber auch mal jung gewesen! — Das war ja ganz selbstverständlich, daß die Mannsbilder hinter so einer her waren wie verrückt — da hätte man ja doch als Mutter eigentlich auf Schritt und Tritt aufpassen müssen ... Aber da war ihr Alter, der Herr Rat ... der konnte ja nicht leben ohne seine Doris ... Na, solange das Kind in Leipzig war, sollte es wenigstens fühlen, was man an einer Mutter hat ... Und kaum war der Vorhang nach dem ersten Akt gefallen, da flog — während das Publikum noch immer tobte, die Gardine auf und nieder tanzte, die Darsteller sich immer und immer wieder süß lächelnd verneigten — flog Mutter Doris aus dem Zuschauerraum zu dem bekannten Pförtchen, das nur denen vom Bau sich öffnet, hastete die steinerne Treppe hinauf in das winzige, von Schminke, Puder und Menschendunst geschwängerte Kämmerchen und wendete das gewärmte Hemd, das auf der Heizung bereit hing ... Denn wie ihre Jucunda schwitzte bei so'ner großen Szene, das war schon nicht mehr schön ... Von Kopf bis zu Füßen mußte sie die Unterwäsche wechseln jedesmal, wenn irgend Zeit blieb ... Freilich, wie das Mädchen sich auch ins Zeug legte ...

Und nun kam sie — kochend, dampfend, wie aus dem Backofen ... fiel in den Frisierstuhl und streckte alle Viere von sich ... Frau Doris umarmte sie zärtlich und drückte ihr einen begeisterten Mutterkuß auf die triefende Stirn ...

»Schinderei, verfluchte!« pustete Jucunda. »Wie aus dem Wasser gezogen ist man — und das schon nach dem ersten Akt! Schnell, Muttel, die Lappen runter und frische Wäsche! Ich komm' ja um!«

In der Tür der Garderobe drängten ein paar Kollegen nach, der Heldin des Abends die Hand zu drücken. Alle mochten sie das stramme junge Ding leiden, das mit seinen achtzehn Jahren so resolut durch diese schminkestarrende Welt stapfte, als sei sie darinnen geboren und nicht in einem engbrüstigen Leipziger Spießermilieu ...

»'raus!« befahl Mutter Doris. »Alles 'raus! Meine Tochter wünscht alleene zu sein!«

Und rasch vollzog sich die Verwandlung. In kräftiger Frische, schweißgebadet, stieg der derbe Mädchenleib aus den klatschnaß zusammensinkenden Hüllen, wurde von sorglicher Mutterhand mit lauen Güssen überspült und in die frischen gewärmten Unterkleider gesteckt. Die Garderobiere, ein verknittertes, verhutzeltes Weiblein, stand müßig daneben und träumte von der goldenen Zeit, als auch sie einmal am Stadttheater zu Stallupönen erste Naive gewesen und von den Leutnants der Garnison mit billigen Buketts und falschen Schmucksachen überschüttet worden war ... Dann aber mußte sie eingreifen, denn über das weiße Gewand des Bauernmädchens wurde nun die wuchtige Rüstung geschnallt und mit einem Dutzend Riemen und Oesen befestigt — darauf verstand Mutter Doris sich denn doch nicht. Inzwischen aber schwatzten die Frauen ohn' Unterlaß:

»Gott, war das ein Spektakel zum Aktschluß! Namentlich da hinten im Parterre!« sagte Jucunda und warf das langflutende braune Gelock über die Rüstung zurück.

»Natierlich — das gloob' ich ooch!« erwiderte die Mutter und strich mit glättendem Kamme bedächtig durch die krause Mähne der Tochter. »Da sitzen doch die Herren Studenten! Was die trampeln kenn'! Gott soll mich bewahren! 's ganze Parkett war Dir doch eene Staubwolke! Und unserer is ooch dabei — wirscht mer's glauben?«