Das hätte mich schon interessiert, aber ich dachte doch mehr an eine Tätigkeit in der Wirtschaft. Ich fühlte, ich hatte mich da gut eingearbeitet und hatte Erfolg und Anerkennung gehabt. Ich fragte meinen Vetter Herbert, ob er Möglichkeiten in Südafrika und Rhodesien für mich sehe z.B. für Einkauf von Erzen. Ich berichtete ihm auch über die Pläne für Bau eines Staudammes entweder am Zambesi vor der Kariba Gorge oder am Kafue Fluß in Nordrhodesien, durch den billiger Strom unter anderem für die Produktion von Ferrochrome aus südrhodesischen Chromerzen bereitgestellt werden sollte. Für das nordrhodesische KafueProjekt trat besonders der Ingenieur Morris ein, Mitglied des Legislative Councils für Mufulira, den ich auch besuchte. Herbert zeigte sich damals sehr interessiert; seine Gruppe sei eine der ganz wenigen im Britischen Commonwealth mit Erfahrung in Ferrochrome Produktion. Morris zeigte sich auch sehr interessiert, aber die Pläne waren noch sehr unbestimmt. Für Einkauf von Erzen im südlichen Afrika erwähnte Herbert, daß er diese viel durch die Firma Derby & Co. Ltd in London gekauft hätte, einer deren Direktoren, Frederik Rau, käme demnächst nach Salisbury in Südrhodesien und würde mich gern kennenlernen. Ich traf ihn dort im Mai 1946.
Er erschien mir ganz als der gebürtige Engländer, der er war und den ich erwartet hatte, aber dann stellte sich heraus, daß er einer sehr frommen jüdischen Familie angehörte; der Vater war aus Fürth gekommen, er sprach auch fließend Deutsch. Fred Rau machte einen starken Eindruck auf mich und ich konnte sehen, daß er das auf viele machte, geschäftlich sowohl wie als Persönlichkeit. Herberts Firma schien ein wichtiger Kunde Derbys für ihre rhodesischen und südafrikanischen Erze zu sein, und die Beziehungen sehr freundschaftlich. Rau hatte das Geschäft von Derby im südlichen Afrika besonders gepflegt, hatte viele Monate im Krieg dort mit einem Auftrag des British Ministry of Supply für die Beschaffung kriegswichtiger Rohstoffe zugebracht. Derby dachten daran, jetzt eine Vertretung in Johannesburg einzurichten, ich war daran natürlich sehr interessiert, er würde das erwägen, sagte er, als ich an meinen Posten im Copperbelt zurückflog. Nur nach wenigen Tagen bekam ich dort ein Telegram von ihm aus Johannesburg, ob ich dort zu einer weiteren Besprechung sofort hinkommen könnte. Ich mußte nochmals um kurzen Urlaub bitten und fuhr mit der Bahn.
Am Bahnhof wurde ich abgeholt von Fred Rau und Oskar Lazar, Inhaber des Chemischen Laboratoriums McLachlan & Lazar, ein guter Freund Derbys in Südafrika, der eine Handelsfirma "Minerals & Plant (Pty.) Ltd" in Johannesburg gegründet hatte, um die Vertretung von Derby zu übernehmen. Der als geschäftsführender Partner von Lazar vorgeschlagene junge Anwalt, den Fred Rau jetzt hatte kennenlernen sollen, erwies sich als unverträglich und gab auf. Fred Rau schlug vor, daß ich in die neue Firma als geschäftsführender Partner eintreten soll und diese dann die gemeinsame Vertretung von Derby und der von Herbert geführten Grünfeld Gruppe übernehmen würde. Man besprach die Grundlinien von Verträgen dafür, nach wenigen Tagen flog ich zurück auf meinen Posten in Mufulira. Plan und Vertragsbedingungen brauchten noch die Zustimmung aller Beteiligten in London, ich mußte Einwanderungsgenehmigung für Südafrika beantragen und sechs Monate Kündigung meines Postens in Mufulira geben.
Wenn ich auf meinen Lebenslauf bis dahin, zum Jahre 1946, zurückblickte, hatte ich ja immer wieder eine Menge gutes Glück gehabt, aber es oft auch bitter nötig, denn so vieles kam mir da nicht leicht bei. Auch hier wieder gab es unerwartete Schwierigkeiten, die Bearbeitung meines Einwanderungsgesuchs zog sich hin, dann wurde es abgelehnt. Es gab einen starken Einwanderungsdrang, technische Berufe hatten bessere Chancen, für meine geplante kaufmännische Tätigkeit war das schon schwerer, aber mit den Empfehlungen der Beteiligten, der Auslandsvertretung des südafrikanischen Bergbaudepartments in London und der Schwedischen Botschaft in Pretoria hatte man gedacht, mein Antrag würde eine sichere Passage haben. Alle Beteiligten beschlossen erneute Interventionen in Pretoria.
Unterdeß war meine Kündigungszeit aber abgelaufen, der Manager, den ich vertreten hatte, aus Wales zurückgekehrt und ein Nachfolger für mich aus Johannesburg geholt worden. Ich verließ meinen Job und beschloß aus Mufulira abzureisen, zurückblickend auf eine sehr bedeutsame, auch etwas eigenartige und zurückgezogene, aber doch auch wieder anregende und lehrreiche Zeit in meinem Leben. Ich hatte mir etwas Geld gespart und beschloß in Ruhe den Ausgang der weiteren Anstrengungen in Pretoria abzuwarten. Für einige Wochen ging ich in die Hauptstadt Lusaka. Dort gab es auch interessante Bekanntschaften unter polnischen Evacuees, die in der Regierung Stellungen hatten, zum Teil im Audit aber auch in anderen Departments. Eine Bekannte, Janka SüsskindScheck, hat dann sogar im nordrhodesischen Regierungsdienst bis in die Jahre nach der 1964er Übergabe von der englischen Kolonialverwaltung an die neue Regierung des unabhängigen Zambias gearbeitet.
Dann ging ich nach Livingstone, die ursprüngliche Hauptstadt am Zambesi, nahe den Victoriafällen. Die ganze koloniale Besiedlung Nordrhodesiens war ja sehr jung, sogar bei den Maßstäben meiner Heimat im oberschlesischen Industriegebiet, aber diese kleine koloniale Stadt Livingstone hatte schon so etwas wie Patina, verglichen mit den ganz neuen Siedlungen im Copperbelt. So erschienen einem auch die jüdischen Kaufleute dort mehr alteingesessen als alte Kumpanen anderer Alteingesessener in Bowling oder Golfclubs und die Frauen bei durch die Kriegzeiten gegebenen charitativen Gelegenheiten in Uniformen der St.Johns Brigade. Besonders in Erinnerung bleibt mir die Familie Kopelowitz. Sie führten ein gar nicht pompöses, aber sehr stilvolles und gastfreies Haus. Er präsidierte auch über die jüdische Gemeinde, die Synagoge war viel benutzt, es gab auch viel Jugend und verschiedene Bekanntschaften mit deutschen jüdischen Emigrantenfamilien. Auch polnische Evacuees gab es in Livingstone. Eines Tages hörte ich, daß unter denen, die durchgereist waren, um nun doch nach Hause in die Volksrepublik Polen zu gehen, auch der alte Senator Kornke war. Meine Freunde aus Mufulira sind einige Jahre später dann auch zu ihren Familien nach Polen zurückgekehrt.
Als Höhepunkt des Aufenthalts in Livingstone bleibt mir aber der Besuch der Englischen Königsfamilie im Juni 1947 in Erinnerung. Dieser war ausgedehnter für Südafrika und Südrhodesien. Für die damalige Kronkolonie Nordrhodesien war Livingstone der einzige Punkt, in dem sich so alles für den Empfang des Königspaars zusammenzog. Es war eine außerordentlich wirksame und malerisch geplante Veranstaltung. Alle waren sehr aufgeregt und die Stimmung herzlich. Außer den üblichen Empfängen für Behörden und Honoratioren unter der Bürgerschaft gab es auch zwei großartig ausgedachte und aufgezogene Veranstaltungen, die die Begegnung des Königpaares mit den schwarzen Eingeborenen darstellten. Sie waren dem Publikum zugänglich, ich erinnere mich gut an sie. Eine besondere Ehrung wurde dem Chief des Barotse Stammes zuteil. Er beanspruchte königlichen Rang, sein Stamm hatte einst die meisten anderen im nachmaligen Nordrhodesien tributpflichtig gemacht. Symbol seiner königlichen Würde war eine zeremonielle Barke, in der er jährlich auf dem Zambesi von der Sommer in die Winterhauptstadt seines Stammesreiches fuhr. Nun wurde arrangiert, daß diese Barke am Ufer des Zambesi bis in die Nähe der Viktoriafälle transportiert wurde. Als Beginn ihres nordrhodesischen Besuchs fuhren der Englische König mit Familie und Begleitern in einem Motorschiff vom südrhodesischen Ufer des Zambesi herüber zum nordrhodesischen Ufer, in der Mitte des Flusses begegneten sie der traditionell geruderten königlichen Barke der Barotses mit dem Chief und Gefolge, es gab die entsprechenden Salute und Respektsbezeigung. Sehr aufgeregt über diese spektakuläre Veranstaltung, an deren Erfolg er auch, wohl schon im Zusammenhang mit dem schwierigen Transport der anthropologisch so interessanten Barke Anteil zu haben schien, war der Dr. Max Gluckmann. Ich hatte viel Zeit in seinem RhodesLivingstone Institut zugebracht, wunderte mich, wie jemand, dem man kommunistische Neigungen nachsagte, sich emotionell so stark mit der Stammestradition der Barotse verbunden fühlte, die einst fast ganz Nordrhodesien unterworfen hatten. Trotzdem fand ich seine professionelle Begeisterung über diese Zeremonie sehr sympathisch und nachdenklich machend. Später gab es dann die offizielle Begegnung des Englischen Königs mit den Vertretern der gesamten eingeborenen Bevölkerung, wozu die vier Chieftains der wichtigsten Stammesgruppen ausgewählt wurden. Es war eine Art Indaba auf einer großen Wiese, tausende von Schwarzen waren da, einer der Chieftains war natürlich der König der Barotse. Drei von ihnen erschienen in traditionellem Gewand oder in einer prunkvollen Uniform, aber der Häuptling des größten der Stämme, der Bemba, erschien wie ich mich erinnere, ganz ohne Prunk in einem grauen Lounge Anzug. Die Bemba waren mir gut vertraut, stellten einen großen Teil der Bevölkerung des Copperbelts.
Auf der Empore für die Begegnung mit dem englischen König konnte man auch den ChiefInduna, also etwa Kanzler, der Barotse sehen. Man hatte ihn öfters erwähnt in diesen Tagen als vermeintlich den klügsten Mann in Nordrhodesien überhaupt, dessen Rat oft bei der Regierung in Lusaka gefragt war. Ich sah ihn also, ein älterer Mann, auch in einer schönen Uniform oder Hoftracht. Viele Jahre später sollte mir auffallen, als Nordrhodesien unabhängig und der Staat Zambia wurde, da war von einem Mann seiner Stellung wenig die Rede mehr. Es waren ganz andere Kräfte, die dabei in den Vordergrund traten.
Eines Tages traf ich in Livingstone Frau Savory. Ich hatte die Savorys in den über fünf Jahren, seit ich von der Farm bei Monze wegzog, nicht mehr gesehen, aber manchmal geschrieben. Sie lud mich ein, doch einige Tage bei ihnen auf der Farm zu verbringen, wenn ich noch auf das Permit von Südafrika warten muß. Ich habe das sehr gern getan. Es war schön die Menschen und die alte Szene meiner ersten Monate im Lande wiederzusehen und diese Freundschaftlichkeit der Savorys wieder zu erfahren. Es war dann wirklich so, nach schon zwei Tagen kam das Telegramm von Oskar Lazar, mein Einwanderungsvisum war bewilligt, ich mußte mich bei den liebenswürdigen Gastgebern entschuldigen, fuhr zurück nach Livingstone und dann bald auch mit dem Zug nach Johannesburg. Es war der 17. August 1947. Mein Dasein als Kriegsflüchtling und Evakuee war nun vorüber. Ich war jetzt eingewandert in Südafrika, damals ein Dominium im Britischen Commonwealth.
P.S.: In Johannesburg war man Informationen und Literatur über die Welt meiner Vorkriegs und Kriegserlebnisse wieder soviel näher gekommen, als ich es in Nordrhodesien haben konnte. Bald nach meiner Ankunft 1947 sah ich in einer Buchhandlung eine dünne Broschüre "A German of the Resistance". Das interessierte mich brennend, ich hatte so wenig darüber lesen können. Es hieß weiter "The Last Letters of Count Helmuth James von Moltke". Ich hatte von ihm und dem Kreisauer Kreis im Zusammenhang mit dem mißlungenen Putsch vom 20. Juli 1944 gehört, aber nie Einzelheiten erfahren. Ich sah, daß die Mutter dieses Grafen Moltke englischer Herkunft war, die Tochter des Chief Justice des Transvaal, Sir James RoseInness. Die Broschüre, die ich gekauft habe, war in Südafrika herausgegeben "wegen des Papiermangels in England, um die Briefe den vielen Freunden des Grafen Moltke und der Familie RoseInness in Südafrika zugänglich zu machen". Es war ein Nachdruck, von dem "Round Table" herausgegeben.