Nur widerwillig läßt es Gerhard, er beobachtet seinen Vater mit forschenden Blicken.
Der liest mit zusammengezogenen Brauen:
Es ist ein Artikel, »Moderne Industrie« überschrieben, in dem das sozialistische Organ sich in heftigen Ausdrücken Luft macht über die Einstellung der Untersuchung gegen Charles Lecart, den Bluthund der »Freundschaftszechen« — wie sie ihn nennen. Sein Privatleben ist aufgedeckt, entstellt geschildert; niemand kann nach den bestimmt gegebenen Daten an der Richtigkeit der Angaben zweifeln. Doch nicht genug damit! ... Klaus Tiedemann spürt einen Stich im Herzen: auch sein Name ist genannt, mit heftigen Anklagen überschüttet: er soll um das schwindelhafte Unternehmen gewußt, wissentlich dem Betrug Vorschub geleistet haben. Warum wären sonst die Liegenschaften in den alleinigen Besitz der Firma übergegangen? Es ist abgekartetes Spiel! Sein Mitleid mit den Arbeitern und die schweren Opfer seines Kindes wegen werden so verstanden!
Fester faßt er das dünne Blatt, die Augen werden groß und starr.
Hier steht mit erbarmungslosen Buchstaben die Beschuldigung, daß Fred Tiedemann, der jetzige Chef der Firma, der nur in Kreisen des Hochadels verkehrt, bedeutende Summen, es ist eine enorm hohe Zahl genannt, angeblich zu Wohltätigkeitszwecken, gespendet hätte, die in Wirklichkeit nur dazu dienen sollten, ihm den Adel zu verschaffen. Heftige Anklagen gegen die Regierung sind eingeflochten, die einen solchen Kuhhandel förderte; in flammenden Worten ist das Unrecht verwiesen, das den Armen angetan würde durch solche Schädlinge der Industrie, die eigentlich in den Kerker gehörten. Auch die Firma als solche ist beschuldigt. Wie könnte man von einem derartig geleiteten Institut Garantien verlangen, wenn das »Hungergeld der Armen« dazu benutzt würde, Hochstapler in ihrem strafwürdigen Beginnen zu unterstützen? Jedermann wird aufgefordert, sich die Depots ausfolgen zu lassen und diese in sicheren Instituten anzulegen. Der Prospekt einer Firma, deren Chef der Bruder eines Parteimannes ist, liegt bei. Auch ist auf eine Interpellation verwiesen, welche jener bei der übermorgigen Parlamentssitzung einbringen wird. Man wird kein Mittel unversucht lassen, um dem arbeitenden Manne zu seinem Rechte zu verhelfen, die Machinationen der Lecart-Tiedemannschen Sippschaft an den Pranger zu stellen! Es folgen längere Erörterungen, daß man aus dem vorstehend gekennzeichneten Spezialfall schließen könnte, wie geradezu unerläßlich das Verlangen der Bergarbeiter nach Grubeninspektoren aus ihren eigenen Reihen wäre.
Klaus Tiedemann läßt das Blatt mit zitternder Hand sinken. »Nur gut, daß sie weit übers Ziel schießen und sich so ins Unrecht setzen«, sagt Gerhard.
Tiedemann gibt keine Antwort.
Nun fassen sie sein letztes, seinen ehrlichen Namen, sein Geschäft an!
Sinnlos vor Wut zerreißt er den Fetzen Papier und tritt ihn mit Füßen:
»Es kann nicht sein!«