Wir haben den Waldbrand im Osten erlebt. Es war das weltgeschichtlich Größte von dem, was bisher im Kriege geschah und vielleicht geschehen wird, als das gequälteste von allen Völkern seine Vergangenheit auslöschte, den Krieg auslöschte mitsamt dem Willen zur Macht und äußeren Größe, sich und die Welt zur Menschheit aufrief und den Feuerbrand in das erstorbene Dickicht seines Gewaltstaats schwang. Ein Hauch der Andacht zog über die Erde. Man empfand: Hier geschieht etwas, das mehr ist als dummschlau verlogene Anerbietungen, als prahlerische Drohungen, als Nahrungs- und Moralersatz, als Diplomatenpfiff, als Erfindung neuer Todesarten. Man empfand: Eine Tat der Entäußerung und Befreiung ist wie ein Bekenntnis, durch sie kann gesühnt werden, durch Taten der Verschlagenheit und Erbitterung wird nicht gesühnt.

Doch alsbald ahnte man: So leicht wird es einem Volke nicht gemacht. Nicht in einer Welt der Starrheit, des Schweißes und der Tränen, wo der eine ein Lebenlang, das Volk durch Jahrhunderte büßt. Ein Volk springt nicht mit beiden Füßen in den Himmel, wenn es sich durch unvordenkliche Knechtschaft und durch mitschuldige Duldung besudelt hat, auch wenn es ein kindliches und beseeltes Volk ist.

Das russische Volk wird alles nachholen müssen, was Völker begangen und erduldet haben, den Sündenfall der Bewußtheit, den Zweifel, die Selbstvernichtung, die Binnenkämpfe, das innere und äußere Schicksal. Zunächst steht ihm einmal der Dreißigjährige Krieg, die Zerstampfung durch alle Nachbarvölker und die Selbstzerfleischung der Gebiete und Parteien bevor. Wie ihr französisches Vorbild wird die russische Revolution alle Marterstufen der Schuld und Erniedrigung, der Schmach und Verleugnung, des Terror und der Reaktion durchlaufen, ihr Weg wird in Blut und Morast versinken, und dennoch wird sie wie die französische Revolution in hundert Jahren die Erde umschreiten und restlos verwirklicht sein. Freilich nicht so, wie sie meint. Die französische Revolution wollte das Naturreich Rousseaus und die Republik der Römer, sie schuf, was ihrem inneren Wollen entsprang, das Reich des Bürgers, das eigensüchtige Nützlichkeitsstreben des bourgeoisen Liberalismus und die konstitutionelle Plutokratie. Die russische Bewegung will Tolstois Reich der Gerechtigkeit und den Kommunistenstaat der Marxisten; was sie erreichen wird, ist das Reich des wirtschaftlichen Ausgleichs und die organisch durchstaatlichte Wirtschaft.

Ein gewaltiger Gegensatz aber besteht zwischen der westlichen und der östlichen Bewegung, den die russischen Kommunisten und ihre Anhänger nicht erkennen: Den Franzosen lag ob, die feudale Ordnung zu brechen, um das freie Spiel der Kräfte zu entfesseln, und ein Dekret reichte hin, um das zu vollenden. Die kommende Ordnung jedoch ist keine Auflösung, sondern ein Aufbau, nicht Aufstände und Dekrete können ihn schaffen, sondern die rastlose organische Arbeit schaffender Äonen. Vielleicht ist für den fehlerhaft begonnenen, wenig vorgeschrittenen Bau der russischen Staatswirtschaft und Staatsverfassung die Abtragung, die wissentliche Staatssabotage das wirksame Mittel, um Raum für das Bessere zu schaffen, obwohl schon hier der Blutverlust selbst die gelungene Operation mit tödlichem Ausgange bedroht. Entwickeltere Länder haben zu viel zu verlieren; sie haben in der Not des Krieges manches gelernt und werden in der Not des Friedens so viel dazu lernen, daß ihnen ein Umbau gelingt, bei dem die Fundamente und ein Teil der Stützen erhalten bleiben.

Am wenigsten aber ist es den Deutschen bestimmt, Gewalt zu treiben, wo Kunst und Umsicht helfen kann. Wir waren nicht revolutionär, als es uns bestimmt war, es zu sein; die mißlungene achtundvierziger Bewegung diente dazu, den oberen Mächten zu zeigen, wie wenig politischer und sozialer Wille im Volke verankert war. Wir waren und blieben gewohnt, Rechte und neue Ordnungen als widerwillige Geschenke ärgerlicher Geber zu empfangen, und leben daher heute im seltsamsten Gemisch von Feudalismus, Plutokratie, orthopädischem Sozialismus und undemokratischem Liberalismus. Den künftigen Aufbau aber werden nicht ungezogene Massen und beleidigte Autoritäten erhandeln, sondern ein ernstes, überzeugtes Volk, das Hohe und Niedere umschließt, wird ihn erarbeiten: das Volk eurer Tage.

Uns ist der Zweifel befruchtend, nicht fruchttragend. Die schaffende Liebeskraft erwacht nicht ob allem Getöse des hadernden Verstandes. Nicht die bange Sorge der Not, nicht der Rechengeist der Nützlichkeit, nicht der Kompromiß der Interessen, nicht das schlaffe So oder anders, nicht das Achselzucken des kleineren Übels wirkt die Wende des Zeitalters und die Wiedergeburt der Menschheit, sondern der wortlos freudige, fraglos waltende Mut der Seele. Den aber schafft der Glaube.

Glaube

Keine freiwillige Handlung, keine kleinste Regung unseres Wollens geschieht, die nicht von den tiefsten, allem Denken entrückten Quellen unseres und des kosmischen Daseins getränkt wird. Der Geist kann nur zwischen Vergleichbarem entscheiden, der Wille aber muß zwischen dem Unvergleichbaren wählen, und nur eine innere Richtkraft kann ihn leiten. Aus der Reihe unserer Wahlen und Entschlüsse setzt sich unser Leben zusammen, wir nennen es Charakter und Schicksal und erklären es zum Überdruß aus Erblichkeit, Umwelt und Gesetz. In Wahrheit ist es das Hineinragen des Unergründlichen in unsere Welt, das Walten der Schöpferkraft, die sich in unserer Begrenztheit zum Farbenspiel der Willensregungen bricht.

Warum wollen und lieben wir dies? Warum nicht ein anderes? Warum erschrecken wir vor jenem mehr als vor diesem? Warum halten wir dies Übel für größer? diese Freude für reiner? dieses Streben für höher? diese Gestaltung für vollkommener? Warum wählen wir hier den Sinnenreiz und dort die Mühe? Warum hier das gegenwärtige Übel statt des künftigen, dort das künftige statt des gegenwärtigen? Warum ziehen wir hier die Ehre vor und dort den Genuß, und da die Sünde und da die Entsagung? Warum opfern wir uns einem anderen? Warum opfern wir den Inbegriff unserer Freuden einer Idee? Warum sorgen wir für kommende Geschlechter? Warum wollen wir Dinge nach unserem Tode?

Wir wägen gegeneinander Besitz und Sünde, Ehre und Schmerz, eigenes Leid und fremde Freude, lebendiges Ungemach und totes Glück, Tagessorge und künftigen Kummer, Gerechtigkeit und Entbehrung, göttliche Liebe und irdische Freude, wir wägen das Unabwägbare, vergleichen das Unvergleichbare und entscheiden bald so und bald so.