In kurzen Zügen möchte ich Ihnen jetzt ein Bild der Kriegs-Rohstoff-Abteilung geben, wie sie ungefähr zu Beginn dieses Jahres ausgesehen hat. Eine Zentralsektion sorgte für die Gesamtpolitik und Initiative der Abteilung. Sie führte die Verhandlungen mit den Behörden, bearbeitete jede neue organisatorische Maßnahme und Verfügung, bereitete die Vorträge beim Minister vor, verhandelte mit industriellen Gruppen, Abgeordneten und Interessenten, prüfte wirtschaftliche und juristische Fragen, ergänzte den Personalbestand, faßte den Briefwechsel der Abteilung zusammen, verfaßte die Vierteljahrsberichte und trug die Verantwortung für den Organismus.
Daneben erstreckte sich das Gebiet der verschiedenen Referate. Die Referate bewältigten teils zusammenfassend, teils gesondert die Gebiete der Einzelstoffe, und hinter ihnen standen ausführend und mitwirkend die Meldestellen und Rohstoffgesellschaften mit ihren Hilfsorganisationen und Tochterinstituten.
Es gab Referate für Metalle, Chemikalien, Baumwolle, Wolle, Jute, Kautschuk, Leder, Häute, Hölzer, für organische Produkte. Dieses Referatengebiet machte den eigentlichen Wirtschaftskörper unserer Abteilung aus.
Daneben bestand die Beschlagnahmestelle, diejenige Stelle, die den Strom der beschlagnahmten Stoffe regelte, die Gesetzgebung der Beschlagnahmen und Belegscheine ausarbeitete, den Verkehr mit den Besitzern der Ware führte und mit einem System von Revisoren die Befolgung der Maßnahmen überwachte. Ursprünglich führte diese Stelle auch die Statistik, die später abgespalten und auf eine Reihe von Meldestellen übertragen wurde. Die Beschlagnahmestelle arbeitete mit einem erheblichen Beamtenapparat; ihre Formulare und Drucksachen gingen auf dem Wege über die Generalkommandos jeden Tag über ganz Deutschland hinaus.
Das Warengeschäft erforderte eine gesonderte Speditions-, Buchführungs-, und Überwachungsabteilung. Milliardenwerte waren aus den okkupierten Gebieten abzutransportieren. Zehntausende von Doppelladern rollten über unsere Schienen und füllten über 200 deutsche Lager. Die Lager mußten eingerichtet und überwacht werden, die Waren mußten verfrachtet, den Lagern zugeführt, entladen, kontrolliert, an die Rohstoffgesellschaften verteilt und verrechnet werden.
Ein Speditionsamt sorgte für die Transporte und bediente sich einer eigenen Treuhandgesellschaft zur Überwachung der Frachtsätze, eine Abrechnungsstelle – vielleicht eine der größten, die das deutsche Warengeschäft aufwies – führte Buch über jede Warensendung, die Lille oder Roubaix oder Antwerpen verließ, über ihr Eintreffen auf den Umladeplätzen Haspe, Frankfurt, Mannheim, über den Eingang in die Lager, und über den Ausgang nach den weitverzweigten Verbrauchsstellen.
Am 1. April 1915 konnte ich dem Preußischen Kriegsministerium die Abteilung als ein gehendes, eingearbeitetes, fertiges Werk übergeben. Ich habe die Freude, daß der größte Teil meiner Mitarbeiter bei der Behörde geblieben ist. Unter der Leitung meines sehr verehrten Nachfolgers, des Herrn Major Koeth, hat die Abteilung gewaltig an Umfang gewonnen; sie hat zahlreiche neue Organisationen geschaffen, sie hat sich behördlich vervollkommnet. An Personal, Flächenraum und Arbeitsgebiet steht sie außer dem Kriegsministerium und Eisenbahnministerium wohl keiner preußischen Behörde nach, obwohl sie darin sich von allen anderen unterscheidet, daß sie in acht Monaten entstanden ist. Das fünfte Hundert der Beamten im Hause dürfte dieser Tage überschritten sein, und die Angestellten der Rohstoffgesellschaften und ihrer Zweiganstalten sind auf mehrere Tausend zu schätzen.
Als Exzellenz von Falkenhayn im Frühjahr nach Berlin kam und nach dem Stande unserer Versorgung fragte, konnte ich ihm sagen: Wir sind in allem Wesentlichen gedeckt, der Krieg ist von der Rohstoffbeschaffung unabhängig.
Dem Reichstage hat der Kanzler dies bestätigt. Daß es ein Produkt gibt, mit dem wir von der Hand in den Mund leben, wissen Sie alle. Die Deckung der übrigen ist zum Teil eine absolute: es wird so viel geschaffen, wie verbraucht wird; bei allen anderen reicht sie aus für eine Kriegsdauer, deren Länge im Belieben unserer Gegner steht. Auf einzelnen Gebieten haben wir überdies die Versorgung unserer Bundesgenossen übernehmen können.
Die englische Blockade der Rohstoffe ist wirkungslos geworden. Noch mehr als das; ihre Wirkung hat sich gegen England selbst gewendet. Die schwerste Sorge hat England heute durch seine schrankenlose freie Wirtschaft. England kann kaufen und kauft, und fürchtet jeden Kauf, den einer seiner Untertanen im Auslande tätigt. Denn jeder Kauf – ob es Tee ist oder Salpeter – verschlechtert die Zahlungsbilanz; jeder Kauf erfordert Zahlungsmittel, und da die Zahlung nicht voll in Ware geleistet werden kann, weil die Exportindustrie zum Teil auf Munitionsarbeit umgestellt ist, so treibt jeder Kauf englische Anlagewerte ins Ausland. Unsere erzwungene Binnenwirtschaft, mit der wir uns abgefunden haben, hat manche Sorge gekostet und manchen Nachteil gehabt, aber die Kraft hat sie uns gegeben, daß wir nun auch den vollen Kreislauf der Mittel für uns in Anspruch nehmen können. Unsere Güter erzeugt das Inland und das Inland verzehrt sie; aus unseren Grenzen kommt nur das hinaus, was unsere Kanonen hinausschleudern; das genügt, um unser Dasein merkbar zu machen. Den Gegenwert seines Verzehrs zahlt der Staat bar; das bare Geld kehrt zu ihm zurück als Darlehn und tritt von neuem in den Kreislauf ein. Unsere Wirtschaft ist die geschlossene eines geschlossenen Handelsstaates.