Unsere siegreichen Heere waren vorgedrungen, Belgien und ein Teil von Frankreich war unterworfen, und auch in Rußland wurde es heller.

Nun handelte es sich darum, den Rohstoffbesitz dieser drei Landgebiete auszuschütten über das vierte. Durch Kauf in neutralen Staaten hatten wir manches ins Land bekommen; doch bald sorgten die Engländer durch ihre Gegenorganisationen, durch ihren Terrorismus zu Lande und zur See dafür, daß die Zufuhr nachließ. Nun hatte die Gewalt der deutschen Waffen drei reiche Provinzen unserer Wirtschaft erschlossen; ein geographischer Glücksfall fügte es, daß fast zu gleicher Zeit die gesamten Zentren des kontinentalen Wollhandels in unsere Hand fielen; beträchtliche Vorräte an Kautschuk und Salpeter traten hinzu. Nun hieß es, diese Schätze heben und nutzbar machen und dabei doch Recht und Gesetz wahren, Übersicht behalten und die Wirtschaft der Länder nicht mit einem Schlage vernichten.

Das war eine Aufgabe, die materiell umfassend und dennoch nicht so schwierig war wie die vorausgegangenen, denn sie lehnte sich an vorhandene Erfahrung an: ein Land mit Organisationen zu durchdringen, Filialen zu schaffen, und diese mit Zweiganstalten zu umgeben, Läger durchforschen und aufnehmen zu lassen, Beschlagnahmen zu erwirken, Vereinbarungen über Umladeplätze, Verzollungswesen, einzuräumende Eisenbahngleise zu treffen, alles das waren Dinge, die Zeit und Menschen erforderten, die aber nicht mehr auf dem schwankenden Grunde unerforschter Wirtschafts- und Rechtsverhältnisse sich abspielten. Mit gewissen Ausnahmen; denn auch in Belgien war die Frage der Übereignung eine nicht ganz einfache. Über die Frage der Entschädigung stritten sich die Geister noch nach Monaten, nachdem wir die Substanz schon in unseren Besitz gebracht hatten. Aber immerhin: diese Aufgabe war im wesentlichen mit gegebenen Erfahrungen zu lösen und sie wurde gelöst.

Jetzt war ein gewaltiges Warengeschäft unserer Abteilung angegliedert, die schon damals auf den Umfang eines merkantilen Weltunternehmens angewachsen war; da traten von neuem schwere Gefahren auf. Und um diese Gefahren zu schildern, will ich gleich in das tiefste Fabrikationsproblem greifen und will etwas erzählen – Zahlen werde ich nicht nennen – von der Stickstoffaufgabe, die sich uns bot.

Sie wissen, daß die unentbehrlichen Explosivstoffe der Kriegsführung auf der Grundlage der Salpeterverbindungen ruhen, daß Salpeter eine Stickstoffverbindung ist, und daß somit die Kriegsführung in gewissem Sinne ein Stickstoffproblem darstellt.

Unsere Stickstoffrechnung am Anfang des Krieges war nicht ungünstig. Ich will Zahlen fingieren, die falsch sind, aber Verhältnisse geben. Nehmen Sie an, es seien 90 Tonnen Stickstoff im Lande gewesen, und nehmen Sie an, 50 Tonnen hätten wir mit Sicherheit erwartet in Ostende und Antwerpen, das wären zusammen 140 Tonnen. Bei einem monatlichen Verbrauch von 10 Tonnen hätte das 14 Monate gelangt. Ich betone, es sind nur Verhältniszahlen.

Das Deckungsverhältnis sah somit ganz gut aus. Es wurde Anfang September und der Krieg entwickelte sich. Wir machten uns immer wieder unsere Rechnungen, verglichen immer wieder mit den Unterlagen, die uns die verbrauchenden Stellen boten. Immer wieder ergab sich die Antwort: diese Deckung stimmt.

Da dämmerte plötzlich die Besorgnis auf: Wie ist das, wenn nun der Krieg im Osten die gleichen Dimensionen annimmt wie im Westen? Wenn der Krieg noch hartnäckiger und umfangreicher wird, als wir ihn uns vorstellen können? Wie ist es dann mit der Stickstoffdeckung? Darauf war keine Antwort.

Es war ein beklommener Vormittag, als ich dem Stellvertretenden Kriegsminister diese Erwägung unterbreitete, und ihn um die Erlaubnis bat, eine beliebige Zahl von chemischen Fabriken bauen zu lassen, und nämlich so viele, als die Chemie leisten könne.

Der Kriegsminister, Exzellenz von Wandel, in seiner großzügigen, ruhigen und entschlossenen Art gab sofort die Autorisation, mit der chemischen Industrie zu verhandeln.