Der alte, närrische Kerl spitzte seinen Mund und riß die schwarzen Augen weit auf, aber das Bild dieser wunderbaren Frau zu schaffen gelang selbst ihm nicht. Jedoch das feiste Schelmengesicht verlor seine Sattheit und bekam einen schier edlen Zug, derweil von dieser Frau aus Nordland die Rede war, die den Herrn mitsamt den Dienern bezaubert hatte. Mir zog es eigen durch das Herz, darin Aleit ihre stille, heilige Kammer hatte, und aus der Begeisterung dieses greisen Kindes leuchteten ihre Augen auf mich nieder.

»Christ, ich sage dir, das gab ein Aufräumen und Reinemachen! Um dieser blassen Stirn willen mußte der ganze Harem wandern, und schließlich saß unser Herr da und hatte ein einsames Lager. Denn die blonde Frau gab einem Kinde das Leben und schied bald hernach aus dieser Welt. Wir warteten alle gespannt auf das Ende der Totenstille, aber es gab kein Ende. Der Herr läßt das Haus verfallen bis auf Sobeidens Flügel, die Peitschen vermodern, die weißen Sklaven wurden freigelassen bis auf eine Amme, die ist jetzt auch weg; das Kind wird von einer Negerin betreut, einem wahren Drachenweibe! Ich wundere mich, daß du hier bist; der Herr sieht eure Haut nicht mehr gern, nur bei einer macht er eine Ausnahme.«

»Das Kind?« fragte ich erstaunt. »Ist es denn –«

»So weiß wie du an deinem Halse, Christ, denn der blonde Meerstern trug es schon, als er in unsere Hütte schien. Der Herr hat dessen kein Hehl, aber er hängt dennoch an dem kleinen Ding mehr als an allen seinen Schätzen und liebt es wie sein eigen Blut. Stundenlang spielt er Kind mit dem Kinde im Frauengarten, ein Anderer, Verwandelter, ein Bezauberter. Christ,« rief Abdullah plötzlich, »er ist verhext, glaub es mir. Ein Mann von eben dreißig, und hängt sein saftig Leben an eine Erinnerung!«

Darauf konnte ich wahrlich zuletzt etwas erwidern. Mein Leben war nichts als Erinnerung.

»Sage, hast du Weib und Kind in deiner Heimat?«

Selben Augenblicks wurde er abgerufen und wartete meine Antwort nicht ab. Er hätte auch keine erhalten. In einer Art Lähmung blieb ich in dem spitzen Schatten der Zeder sitzen und starrte auf die gelbe Lehmmauer, dahinter das Kind der toten blonden Frau seine Märchenjugend genoß. Ein Sehnsuchtsweh ergriff mich nach einem Menschen meiner Rasse, meines nordischen Geblüts. Das stählern blaue Gewölbe des wolkenklaren Himmels über mir trieb mir das Heimweh nach Wolken, Meer, Haide und Wald in das dürre Herz.

Was sollten mir Wolken und Land und See, da ich Aleit verloren hatte. Und dennoch – tief innen glühte eine Fackel für die Erde, die mich geboren, glühte sonder Nahrung durch Frauenliebe und Minneglück, von einem uralten, nimmer erloschenen Feuer genährt.

In dieser Nacht schlief ich nicht. Abdullah, dem es oblag, den Garten zu schließen, hatte mir seit langem den Schlüssel vertraut – es waren über der Mauer nach dem Harem keine Früchte mehr zu naschen. Ich aber saß droben auf den unkrautbewachsenen Steinen und suchte hinter den schwarzen Büschen, ob nicht ein Kindergesichtchen schelmisch hervorluge, ein lebendiges Stückchen Abendland, ein Tropfen Bluts aus nordischer Heimatwelle.

Nichts regte sich. Der Mond glitt silbern über verwehte Spuren der Liebenden. Das Kind schlief seinen guten Schlaf auf seidenem Pfühl.