Ich wandte mein Angesicht dem dunklen Schicksal zu, denn der aus dem Osten gegen mich anritt, war der Emir.
Sehr weit in der klaren Nacht erkannte ich den hemmungslosen Zorn in seinen Zügen; von seinem Renner flockte der Schaum wie Schnee; er, der keinen Sporn gebrauchte, trieb das geliebte Tier mit dem Dolche. Die Lanze steil auf meine Brust gerichtet, sprengte er heran, Mord in den verwilderten Augen, und unwillkürlich zog ich den Säbel aus der Scheide. Nicht um mein Leben zu retten; das war verwirkt. Aber ich wollte dem Tod so lange wehren, bis ich Jussuf das Glück der Kinder abgerungen. Ich rief und winkte ihm zu; vergebens, er wollte nichts hören und sehen, mit blinder Wut stachelte er sein Pferd und rannte auf mich ein.
Bei Gott, das Schicksal selber hat ihn getötet, nicht ich!
Da sein Eisen handbreit vor meiner Brust war, zerschlug ich den Speerschaft mit dem Schwerte. Der Emir tat eine unglückliche Wendung im Sattel und stieß mit Gewalt in die Klinge. Sein Hengst stand plötzlich still, friedlich beschnupperten sich die befreundeten Tiere; Jussuf sank ohne einen Laut in meinen Arm. Seine Mienen glätteten sich und wurden mild, je mehr das Blut aus ihnen wich; er schlug die Augen auf und sah mich erstaunt, fast heiter an. Ich hatte die Hand auf seine Wunde gepreßt, aber das Blut quoll und strömte unaufhaltsam über meine Finger, er war verloren. Zu sprechen vermochte er nicht, seine Arme lagen an meinem Halse, er drückte mich mit seiner schwindenden Kraft und legte den Kopf kindlich an meine Brust; ein Lächeln glitt über seine Züge und hielt mit einem an, als schaue er entzückt ein Wunderbares. Stöhnend strich ich ihm die Lider über die gebrochenen Augen, und meine Tränen wuschen ihn rein von Schweiß und Staub. Dann hob ich ihn aus dem Sattel zu mir und ließ ihn sanft zur Erde, stieg ab und kniete lange neben ihm, alles vergessend, versunken in den Anblick seines friedlichen Gesichts, das sein erschautes Wunder wie ein Spiegel festhielt und so schön war wie im glücklichen Leben. Vielleicht, daß Gertraude seiner scheidenden Seele winkend den Weg in die neue Heimat gewiesen.
Und ich? Wohin mich wenden? Sollte ich den Seinen den blutigen Leichnam und mich selbst zum Opfer bringen? Wem zuliebe, wem zuleide? Mittellos trabten die beiden Kinder der Küste zu, noch in jeder Stunde von Gefahr umgeben. Bei ihnen war mein Platz. Ich entschloß mich rasch und hart, die weicheren Gefühle erdrosselnd. Jedoch bevor ich ritt, hob ich mit dem Schwerte die Grasnarbe ab und grub dem Freunde ein Bett. Dann säuberte ich Pferde und Säbel mit meinem Mantel von den Blutflecken, legte ihn zu Jussufs Füßen und deckte das Grab zu. Ich sorgte, daß die Erde über ihm nicht von den Aastieren aufgescharrt werden könnte, indem ich eine Menge Steine zusammentrug und einen Hügel von Gewicht und Dauer aufschichtete. Darauf wechselte ich die Sättel und legte seinem Roß den Sobeidens auf, erstach das lahme Tier und ritt den Kindern nach.
18
Ich traf sie beim Morgenlicht; sie erschraken, da sie mich sahen, als ob ein Gespenst sie überrascht hätte. Und ich – gelassen bot ich des Emirs Grüße und in dem Pferde ein letztes versöhnendes Geschenk an Sobeide. Er habe sie nicht mehr sehen wollen und sei auf dem lahmen Tier langsam zu den Seinen verritten.
Sobeide beugte sich über meine Hand und schluchzte leise:
»Und du, Vater?«