Michelozzo Michelozzi (1391—1472), in erster Linie Architekt, aber wegen seiner hohen technischen Begabung von den florentiner Bildhauern namentlich zur Ausführung ihrer Erzgüsse herangezogen, hat mit Donatello gleichfalls seit dem Anfange der zwanziger Jahre bis zu seiner langjährigen Entfernung von Florenz zusammen gearbeitet. Die drei großen Marmorgrabmäler (vgl.S. 59 ) sind im Wesentlichen von seiner Hand ausgeführt, wohl auch in ihrem Aufbau von ihm entworfen. Aus dem Vergleich mit den reichen Bildwerken an diesen Monumenten lassen sich dem Michelozzo auch vereinzelte kleinere Bildwerke zuweisen, wie die Statue des Täufers in einem Hofe der Annunziata (der beglaubigten Statuette am Silberaltar in der Opera del Duomo ganz entsprechend) und verschiedene Madonnenreliefs, von denen sich das schönste, in Thon modelliert und mit tadellos erhaltener wirkungsvoller Bemalung, in der Berliner Sammlung befindet (No. 58). Auch ein bemaltes Stuckrelief im Rund (No. 58A) giebt wohl eine ältere Komposition des Michelozzo wieder. In reicheren, bewegten Kompositionen völlig ungenügend, ist der Künstler in seinen Einzelgestalten, den Freifiguren wie Reliefs, von einer den Architekten verratenden vornehmen Ruhe, von großem Wurf der Gewänder, von ernster, gelegentlich selbst großer Auffassung, Freilich meist ohne volle Belebung; daher erscheint er leicht nüchtern und einförmig. Charakteristisch ist für den Künstler das starke Halbrelief.
Der Gehülfe Michelozzo’s in jenen mit Donatello gemeinsam übernommenen Monumenten, Pagno di Lapo Portigiani (1406—1470) ist ein ebenso handwerksmäßiger Bildhauer, wie ein anderer Gehülfe Donatello’s, der den Marmoraltar in der Sakristei von San Lorenzo ausführte. Auch Buggiano (Andrea di Lazzaro Cavalcanti, 1412—1462), der Schüler und Adoptivsohn Brunellesco’s, ist in seinen Marmorarbeiten, namentlich in den beiden Sakristeibrunnen im Dom, ein derber Nachfolger Donatello’s. Ein etwas jüngerer Künstler, Agostino di Duccio (1418 bis nach 1481), hat durch sein unstätes Leben in der Verbannung früh die Kunstweise seines Meisters außerhalb Toscana’s verbreitet. In Modena, in Rimini (der reiche Innenschmuck von San Francesco), in Perugia hat er eine sehr umfangreiche bildnerische Thätigkeit entfaltet. Ohne Sinn für feinere naturalistische Durchbildung, in der Ausführung regelmäßig flüchtig, in seinen überschlanken Gestalten mit den zahlreichen langen und zierlichen Falten der Gewänder oft geradezu manieriert, besitzt der Künstler doch einen eigentümlichen Reiz durch die reiche phantastische Erfindung, die lebendige und zuweilen selbst packende Auffassungsweise, den pikanten Wechsel zwischen kräftigem Hochrelief und malerischem Flachrelief. Das in letzterer Weise behandelte Stuckrelief im Berliner Museum: die Madonna mit dem Kinde, welches Engel bedienen (No.59 ), ist ein ebenso charakteristisches wie anziehendes Beispiel der Kunst des Agostino; es ist nahe verwandt einem Marmorrelief mit dem gleichen Motiv im Museo dell’ Opera zu Florenz und einem zweiten Madonnenrelief in einer Kirche in Frankreich.
106B. Thonstatuette der Madonna von einem Donatello-Nachfolger. 106B. Thonstatuette der Madonna von einem Donatello-Nachfolger.
Ein dem Namen nach bisher unbekannter Nachfolger Donatello’s, der selbständigste und weitaus bedeutendste unter ihnen, ist dadurch von besonderem Interesse, daß er in seiner genrehaften Darstellung des Kindes bis zur Ausführung wirklicher Genregruppen geht: meist streitende Kinder von derben häßlichen Formen (No. 106D). In seinen Madonnenstatuetten ist das Christkind ebenso bäurisch in Form und Benehmen, die Mutter dagegen auffallend lieblich (No.106B ) oder selbst großartig in Bewegung wie in Ausdruck und Gewandung (No.106E ). Größere Werke dieses originellen Künstlers haben sich bisher nicht nachweisen lassen.
106E. Bemalte Thonstatuette der Madonna von einem Nachfolger Donatello’s 106E. Bemalte Thonstatuette der Madonna von einem Nachfolger Donatello’s
Donatello’s derber Naturalismus würde vielleicht, wie wir an den meisten der genannten Schüler und Nachfolger sehen, die Entwickelung der florentiner Plastik in eine allzu naturalistische, über dem Streben nach Originalität und Wahrheit die Rücksicht auf Schönheit und Maß vergessende Richtung gedrängt haben, wenn nicht ein jüngerer Künstler in seiner außerordentlich langen und fruchtbaren Laufbahn gerade diese Eigenschaften in seinen Bildwerken mit besonderem Glück und Energie gepflegt hätte. Luca della Robbia (1399—1482), der — soviel wir wissen — nur in seinem Neffen Andrea einen Schüler groß zog, hat gerade durch jene Eigenschaften auf die Weiterentwickelung der Florentiner Plastik, insbesondere auf die jüngeren, von Donatello abhängigen Künstler einen günstigen Einfluß geübt. Berühmt und schon in seiner Zeit außerordentlich populär durch die Erfindung, bemalte Thonbildwerke mit einer wetterbeständigen Glasur zu überziehen, ist er ebenso geschickt und ebenso häufig in Marmor- wie in Bronzearbeiten beschäftigt gewesen. Die berühmten Reliefs mit den singenden und spielenden Kindern an der zweiten Sängertribüne des Domes, welche zwischen 1431 und 1440 entstanden, die im Jahre 1437 bestellten Reliefs an der Rückseite des Campanile, ein Paar gleichzeitige (unfertig gebliebene) Reliefs für einen Altar des Domes (jetzt im Bargello), sowie, in ihren wesentlichen Teilen, das Tabernakel in Peretola (1442) und das Grabmal des Bischofs Federighi in S. Francesco di Paola (bestellt 1456) sind Arbeiten des Luca in Marmor; und in den Thüren der Domsakristei, welche ihm 1446 in Auftrag gegeben wurden (erst 1467 vollendet), besitzen wir eine der trefflichsten Bronzearbeiten des Quattrocento. Von den fast zahllosen glasierten Thonbildwerken, die dem Luca in und außerhalb Italiens zugeschrieben werden, sind die berühmten Thürlünetten über den Sakristeien des Domes in Florenz (1443 und 1446), die Engel mit den Kandelabern ebenda (1448), die Portallünette in San Domenico zu Urbino (um 1450) urkundlich beglaubigte Arbeiten Luca’s; auch die Reliefs in der Pazzi-Kapelle bei Sa. Croce und in der Kapelle des Kardinals von Portugal in San Miniato lassen sich, nach der Zeit ihrer Entstehung, nur Luca zuschreiben. Die künstlerische Eigenart, die in allen diesen Arbeiten scharf ausgesprochen ist, läßt durch den übereinstimmenden Charakter außerdem noch eine beträchtliche Zahl von glasierten wie unglasierten Thonbildwerken und Stuckreliefs in Florenz wie in den Sammlungen außerhalb Italiens als Werke Luca’s erkennen.
114. Stuckrelief der Madonna mit Heiligen von Luca della Robbia. 114. Stuckrelief der Madonna mit Heiligen von Luca della Robbia.
In allen diesen Arbeiten steht Luca zwischen seinen älteren Zeitgenossen Ghiberti und Donatello etwa in der Mitte: mit Ghiberti hat er den Geschmack in der Anordnung, den hohen Schönheitssinn, den leichten Fluß der vollen Gewandung gemeinsam; dem Donatello steht er im Ernst der Naturbeobachtung, in der frischen und lebensvollen Charakteristik nahe, welche er nicht am wenigsten dessen Vorbilde verdankt. Das feine Maßhalten im Relief (in der Regel ein Halbrelief), die Schönheit seiner Gestalten und der vornehme Ernst in Ausdruck und Haltung bringen den Künstler der klassischen griechischen Kunst ganz nahe. Aber diese Verwandtschaft beruht keineswegs auf einem intimen Studium oder gar auf Nachahmung der Antike, der Luca unter seinen Zeitgenossen besonders fern gestanden zu haben scheint: sie ist vielmehr der Ausfluß einer verwandten künstlerischen Anschauungsweise und verbindet sich bei ihm mit einem völlig eigenartigen und frischen Naturalismus. Seine Kompositionen, seine einzelnen Gestalten erscheinen daher, so wenig Abwechselung ihm auch die meisten Aufgaben boten, stets neu und lebenswahr.
116A. Glasiertes Thonrelief der Madonna von Luca della Robbia. 116A. Glasiertes Thonrelief der Madonna von Luca della Robbia.
Den besten Beweis dafür bieten die Arbeiten des Künstlers in der Berliner Sammlung; verschiedene Originalarbeiten in glasiertem oder unglasiertem Thon, sowie eine größere Zahl von Stucknachbildungen, die als Wiederholungen von verlorenen oder verschollenen Originalen einen besonderen Wert haben. Die Mehrzahl dieser Bildwerke zeigt ein und dasselbe Motiv: Maria mit dem Kinde, allein oder inmitten andächtiger Engel oder verehrender Heiliger. Während die größeren Madonnenreliefs, namentlich die meisten Lünetten Luca’s, als Andachtsbilder gedacht sind und daher Maria ernst und hehr als Gottesmutter und das Kind als das seiner Mission bewußte Christkind aufgefaßt ist, kommt in diesen Mariendarstellungen der Berliner Sammlung die rein menschliche Auffassung zur Geltung. Das Verhältnis von Mutter und Kind ist in den mannigfachsten, köstlichsten Situationen der Natur abgelauscht, und mit einer Frische und Lebendigkeit, mit einer Innigkeit und einem Schönheitssinn, gelegentlich auch mit einem Anflug von Humor zur Darstellung gebracht, wie kein zweiter Künstler dasselbe wiedergegeben hat. Selbst Raphaels gefeierte Madonnen zeigen daneben kaum Ein neues Motiv und stehen in Frische und Naivetät entschieden hinter Luca’s Kompositionen zurück.