Ein sehr wertvoller Rat Goethes war schließlich:
Der Mensch mache sich nur irgend eine würdige Gewohnheit zu eigen, an der er sich die Lust in heiteren Tagen erhöhen und in trüben Tagen aufrichten kann. Er gewöhne sich z. B., täglich in der Bibel oder im Homer zu lesen oder Medaillen oder schöne Bilder zu schauen oder gute Musik zu hören. Aber es muß etwas Treffliches, Würdiges sein, woran er sich gewöhnt, damit ihm stets und in jeder Lage der Respekt dafür bleibe.
**
*
Der Lehrer
Das Lernen und Unterrichten war zu Goethes Zeit viel freier, freiwilliger und ungeregelter als heute; Goethe nutzte diese schöne Freiheit auch dadurch aus, daß er zeitlebens ebenso Lehrer war wie Schüler. Schon als Kind verriet er seine lehrhafte Natur: als ihm 1759 ein sechsjähriges Brüderchen starb und er darüber nicht weinte, fragte ihn seine Mutter, ob er denn den kleinen Hermann Jakob nicht lieb gehabt habe; da eilte Wolfgang in seine Kammer, zerrte unter dem Bette eine Menge Papiere hervor, die er mit Lektionen und Geschichten vollgeschrieben hatte. „Dies alles hab ich gemacht, um es den Bruder zu lehren!“
Später belehrte er die Schwester und bald auch alle Freunde und Freundinnen, die sich ihm lernlustig nahten. Zuweilen auch Heranwachsende: die Schüler der Zeichenschule, seinen Pflegesohn Fritz v. Stein, seinen Sohn August, jugendliche Schauspieler und Schauspielerinnen, aus denen er eine Theaterschule bildete. Die verschiedensten Fächer lehrte er: Zeichnen, Malen, Englisch, Botanik, Farbenlehre, Anatomie, Deklamation, deutsche Literatur. Manches Jahr waren den Winter über die weimarischen Fürstinnen, ihre Hofdamen und nächsten Freundinnen, wie Charlotte v. Stein und Charlotte v. Schiller, seine Schülerinnen; sie kamen einmal die Woche, z. B. im Winter 1805/06 Mittwochs vormittags von elf bis ein Uhr, und Goethe hatte dann immer etwas für sie zum Vorzeigen zurechtgelegt und zum Vortragen überdacht. Er sprach frei nach Stichworten, manchmal mit der Hand über die Stirn fahrend, während er denkend redete. Fräulein v. Knebel berichtet einmal an ihren Bruder: „Er sprach so reich, reif und mild, daß ich wirklich noch nie so habe sprechen hören. Ich wünschte, er hätte die Rede aufgeschrieben; mich dünkt, sie allein müßte ihm den Ruhm eines seltenen Menschen machen.“ Mit gutem Grunde widmete Goethe seine ‚Farbenlehre‘ der Herzogin Luise und sein ‚Leben Hackerts‘ der Herzogin Amalie. Zu seinen fürstlichen Schülerinnen gehörte auch die junge kranke Kaiserin von Österreich, Maria Ludowika.
Goethe betont auch hier sein Streben nach eigenem Vorteil. „Ich hielt niemals einen Vortrag, ohne daß ich dabei gewonnen hätte“ erzählte er in der ‚Kampagne in Frankreich‘; „gewöhnlich gingen mir unter’m Sprechen neue Lichter auf.“ Und an Zelter schrieb er 1805 über die erwähnten Mittwochsvorträge: „Ich werde bei dieser Gelegenheit erst gewahr, was ich besitze und nicht besitze.“ Als die ‚Farbenlehre‘ nicht recht rücken wollte, meinte er zu Knebel: „Wenn ich genötigt wäre, diese Lehre nur zwei halbe Jahre öffentlich zu lesen, so wäre Alles getan. Aber die Gelehrsamkeit auf dem Papiere und zum Papiere hat gar zu wenig Reiz für mich.“
**
*
Verirrungen des Forschers
Das beständige Lernen führt Manchen, selbst wenn er durch das Verwenden zum eigenen Vortrag Richtung behält, nur zur Vielwisserei, zum Ansammeln von Einzelheiten und Kleinigkeiten. „Dann hat er die Teile in seiner Hand, Fehlt leider! nur das geistige Band!“ Goethe war zur Vielgelehrsamkeit nach Böttigers Art zu sehr Dichter, zu wenig Kleinigkeitsphilister. Er suchte stets im Einzelnen das Allgemeine, in der „zufälligen“ Erscheinung das Gesetz, im Wechselnden das Bleibende. „Wir befinden uns in einem Chaos von Kenntnissen, und Keiner ordnet es; die Masse liegt da, und man schüttet zu; aber ich möchte es machen, daß man wie mit einem Griff hineingriffe und Alles klar würde.“ Die Natur läßt sich zwar ihre letzten Geheimnisse nicht abzwingen, aber dann und wann gelingt es uns, den Schöpfergedanken näher zu kommen. Und eben Das war sein Streben bei aller gelehrten Arbeit.