GRÖSSERES BILD

Die einzige Schönheit dieser „Klosterzelle“, die der alte Herr oft wochenlang nicht verließ, war, daß sie ebenso ruhig und friedlich war, wie wenn sie wirklich zu einem Kloster gehöre; kein Lärm von der Straße drang hierher, und die Fenster gingen in den schlafenden „Klostergarten.“ Hier stand er an frühen Winterabenden und blickte auf die Schneelast der Bäume, während sein geliebter großer Ofen die Eisblumen vom Fenster abwehrte. Am Tage freute er sich dann, wie die im Winter willkommene Mittagssonne sein ganzes Zimmer durchleuchtete. Wenn nun die Tage länger wurden, erschienen „Schneeglöckchen, Krokus und andere niedliche Frühblumen in Büschel und Reihen“ vor seinem Fenster, und bald sah man ihn dann mit dem Gärtner die buchsbaumumsäumten Gartenwege eifrig hin und wieder schreiten, das Säen und Pflanzen anordnend, bei dem er früher so gern selber Hand angelegt.

Noch schlichter als die Studierstube ist sein Schlafzimmer. In dem kleinen Gemache ist außer seinem Bette fast nichts vorhanden als der Lehnstuhl, in dem er starb, und daneben ein kleines Tischchen, auf dem noch heute die letzte Medizin steht. Eine Art Waschtisch sehen wir noch, ein sehr kleines Ding mit einem sehr kleinen Waschbecken, wie wir es jetzt kaum noch in Dorfwirtshäusern vorfinden.

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Eine Eigentümlichkeit Goethes war sein Bedürfnis, mehrere Wohnungen gleichzeitig zu haben und mit ihnen zu wechseln. Diese „etwas breite Existenz“, die er im eigentlichen, räumlichen Sinne führte, erklärt sich nicht völlig aus den verschiedenen Darbietungen und Forderungen der Jahreszeit oder aus seinen verschiedenen Beschäftigungen. Eine Unrast, die ihn sein ganzes Leben zuweilen ergriff, und andere, innerliche Gründe veranlaßten ihn oft, der gewöhnlichen Umgebung zu entfliehen. Schon in seinen ersten weimarischen Jahren hatte er zugleich Stadtwohnungen[5] und sein Häuschen an der Ilm, und dies mehrfache Wohnen behielt er sein Leben lang bei. Im Januar 1794 plante Goethe, obwohl er doch schon zwei Besitzungen hatte, den Ankauf eines großen Landgutes, das 45000 Taler kosten sollte. Einige Jahre (1798-1803) besaß er, wie schon erwähnt, das Freigut in Oberroßla; 1808 hatte er große Lust, sich in Frankfurt eine Wohnung zu längeren Besuchen zu mieten.[6]

Vom Sommer 1794 an wohnte Goethe auf viele Jahre in zwei Städten abwechselnd. Denn er hielt sich nun Monate lang auch in Jena auf, teils aus eigenem Triebe, weil er dort ungestörter arbeiten konnte, teils weil der Herzog und sein Ministerkollege Voigt seinen Einfluß auf die Professoren für zuträglich hielten.

In der ersten Zeit hatte er sein dortiges Quartier im Schlosse. Es scheint aber, daß er in diesem Schlosse nur ein einziges kleines Zimmer zum Wohnen und Schlafen benutzte. Im Mai 1809 richtete er sich im Botanischen Garten „eine Art zweiter Wohnung“ ein. Im Frühjahr und Sommer 1818 schlief er bei Inspektor Bischoff, verbrachte die Tage aber in einer Mansarde des Gasthofs zur Tanne in Kamsdorf, also an der Brücke auf der andern Seite der Saale: es war ihm um den Blick auf den Fluß und die weite Aussicht zu tun. Frau Frommann schilderte dies Mansardenzimmer ihrem Sohne:

In der Mitte ein großer Tisch mit Landkarten, auch solche vom Harz und Thüringer Waldgebirge, wo es unruhig wird und braut, denn er beobachtet mit Gläsern und bloßen Augen die Wolken, führt darüber ein Tagebuch. Auch Bücher liegen auf dem Tisch und eine Vase Blumen mit angesteckten Zetteln. Die ganzen Wände sind bedeckt mit guten Zeichnungen, Kupferstichen, zierlich in den Ecken angeheftet. An der einen Seite ein großes, wohl vier Ellen langes Panorama von Rom, an der entgegengesetzten eine etwas kleinere Ansicht von Dünkirchen – die Peterskirche mit den spitzen Türmen – den Einzug Ludwig XIV., Allongenperücken, mit Roß und Mann; gleich darüber eine gute Sepiazeichnung von einer Greueltat aus der biblischen Geschichte. Das Sofa voll Bücher, Hefte in Menge ... Vor dem Fenster liegt immer der artige schwarze Spiegel, um die schönsten Miniaturlandschäftchen zu geben. Die Brücke, das rauschende Strömen der Saale geben herrliche Unterhaltung ... Keine Bequemlichkeit im ganzen Raum als das Bett, worauf er sich abwechselnd legt.

Nicht viel anders sah es in seiner Wohnung im Botanischen Garten aus, die er doch auch viele Jahre beibehielt. Er sprach selber im Herbst 1821 von einer „unscheinbarsten Hütte“ oder der „morschen Schindelhütte“, in der er dort lebe. Ein junger Balte, v. Weltzien, fand diese Wohnung von außen „sehr schofelig“ und drinnen nicht viel besser.

Goethe hält sich gewöhnlich in einem Zimmer eine Treppe hoch auf, welches blau angestrichen und mit vielen Kupferstichen behängt ist. Im Zimmer selbst sieht es ziemlich liederlich aus; alle Tische und Fenster liegen voll Kalender, Bücher usw. Nebenan stößt eine Schlafkammer.