So verschieden sehen die Menschen durch ihre Gefühle hindurch! Aber Goethe war auch nicht immer der Gleiche. Groß erschien er, wenn er sich recht steif und gerade hielt und würdig auftrat, und Das pflegte er Fremden gegenüber zu tun; in Wirklichkeit war er nicht so groß, wie wir ihn uns gern denken. Nach einer Marke im Gartenhause, die für sein Maß gilt, würden wir ihm für seine jungen Jahre 1,77 m zuschreiben.[7] Und seine Schönheit hing sehr von den Stimmungen ab; in erhöhten Stunden sahen seine Bewunderer in ihm einen Apollo oder Jupiter; kritische Betrachter dagegen bemerkten einige Pockennarben im Gesicht, sahen, daß sein linkes Auge größer war oder höher saß als das rechte, daß die Nase schief gegen die Stirne stand, daß der zahnlose Mund eingefallen und beim Reden unschön war, daß er gelbe Zähne hatte. Sie fanden, daß seine Beine zu kurz seien; in seinen fünfziger Jahren war er auch übermäßig dick. Sicherlich war der Jüngling und der Greis erheblich schöner als der Mann im mittleren Alter.

Urteile über das Äußere

Ein Bild des jungen Mannes entwarf ein langjähriger Diener: „Als ich bei ihm kam, mochte er etwa siebenundzwanzig Jahre alt sein; er war sehr mager, behende und zierlich, ich hätte ihn leicht tragen mögen.“ Gleim bemerkte um die gleiche Zeit „außer einem Paar schwarzglänzender italienischer Augen, die er im Kopfe hatte,“ nichts Auffallendes.

Goethes erhaltene Kleider.


GRÖSSERES BILD

Goethe 1791.
Von Heinrich Lips.


GRÖSSERES BILD

Oberthür aus Würzburg glaubte schon im 28jährigen Goethe „einen tief denkenden, ernsthaften, kalten Engländer dem Kleide und der Miene nach“ zu sehen; den „lustigen, launigten, auch ein wenig mutwillig-lustigen Gesellschafter,“ von den man redete, hätte er in diesem Manne nie erraten. „Nach und nach merkte ich, daß der Dichter sich noch mehr in sich selbst zurückzog, stille wurde, ernsthaft und kalt wie in einem englischen Spleen dastunde.“ Immer wieder werden seine Augen hervorgehoben. „Das weiß ich, daß in seinen großen, hellen Augen der ganze Goethe strahlte“ schreibt die Tochter der Karschin, und der junge Schauspieler Iffland: „Goethe hat einen Adlerblick, der nicht zu ertragen ist.“