Etwas Anderes kam hinzu. Die genialen Menschen sind nicht so sehr Herren ihrer selbst als die talentvollen; sie sind nicht so anpassungsfähig, so beständig sattelgerecht. Goethe fühlte sich in Gesellschaft oft unfrei und unbeholfen. Und er wußte, daß sein Geist in anderer Richtung sich bewegte als der Zeitgeist, daß er darum auch eine besondere Sprache sprach und überall wenig Aussicht hatte, recht verstanden zu werden. Gut beurteilt hat ihn der Oberbergrichter (spätere Minister) v. Schuckmann, der 1790 in Breslau mit Goethe freundschaftlich verkehrte:

Daß es schwer ist, ihm näher zu kommen, liegt nicht in seinem Willen, sondern in seiner Eigentümlichkeit, in der Sprachschwierigkeit, seine Gefühle und Ideen so, wie sie in ihm liegen, auszudrücken ... Bis er weiß, daß man ihn errät, fühlt, ihm durch jede Öffnung, die er gibt, hineinsieht, kann er nicht reden.

Und in einem späteren Briefe:

Was ich Dir über seine Schwierigkeit im Ausdruck schrieb, war ganz weg, sobald er herzlich ward und außer der Konvention mit mir lebte. Kalt kann er eigentlich nicht reden, und dazu will er sich mit Fremden zwingen, und Das wohl aus guten Gründen. Vertraut, folgt er seiner Natur und wirft aus dem reichen Schatze die Ideen in ganzen Massen hervor ... Freilich, alle übrigen Menschen hier, von Garve bis Seydlitz, finden, daß er sich sonderbar ausdrücke, daß er nicht zu verstehen sei und lästige Prätentionen mache. Und doch hat er sich von meiner guten Mutter recht vertraulich die Wundertaten des Enkels und ihre Wirtschaft erzählen lassen, die ihn auch recht lieb darum hat!

In Gesellschaften, wo Goethe nicht Jedermann für Gutfreund nehmen konnte, hatte er ein besonderes Mittel, etwaige Auflauernde und Zwischenträger lahm zu legen: er sagte nichts von Bedeutung. Schon der Fünfundzwanzigjährige tat gegen seinen unvorsichtigen Freund Lavater den Ausspruch: „Sobald man in Gesellschaft ist, nimmt man vom Herzen den Schlüssel ab und steckt ihn in die Tasche; Die, welche ihn stecken lassen, sind Dummköpfe.“ Aber auch vom Geiste nahm er den Schlüssel ab. Karoline v. Dacheröden, später Wilhelm v. Humboldts Frau, war 1790 einen Abend mit ihm zusammen. „Er ging mir fast nicht von der Seite, sprach offen, so geistvoll und herzlich; aber wenn ein Dritter dazu kam, sprach er das fadeste Zeug, das man denken mag.“ Ebenso erzählt ein Baron Merian aus Basel, der in Dresden 1810 in Goethes Gesellschaft kam: „Er sprach von ganz gewöhnlichen Dingen auf eine ganz gewöhnliche Weise: Das tut er mit Fleiß.“ Sehr groß war die Enttäuschung der Klara Kestner aus Hannover, als sie ihre Mutter im September 1816 zu Goethe geleiten durfte: diese Mutter war die berühmte Lotte Buff aus Wetzlar! Goethe hatte sie vor Jahren fast allzu sehr geliebt und seitdem nicht mehr gesehen; nur in der Weltliteratur lebten ihre Namen zusammen. War nun ein zärtliches oder ein feierliches Wiedersehen zu erwarten? Ach, Goethe empfing sie, wie wenn irgend eine Dame aus Weimar, die er erst vorige Woche gesprochen, zu ihm komme. Und auch als sie bei Tische saßen, gab es keine Blitze und Feuerfunken.

Leider waren alle Gespräche, die er führte, so gewöhnlich, so oberflächlich, daß es eine Anmaßung für mich sein würde, zu sagen: ich hörte ihn sprechen oder ich sprach ihn. Denn aus seinem Innern oder auch nur aus seinem Geiste kam Nichts von Dem, was er sagte. Beständig höflich war sein Betragen gegen Mutter und gegen uns alle: wie Das eines Kammerherrn.

Die Berichterstatterin fügt hinzu, ihr Onkel Riedel, der in Weimar lebte und mit in der Gesellschaft war, habe Goethes Betragen mit seiner bekannten Steifigkeit, ja Blödigkeit entschuldigt; diesmal kam aber auch der Vorsatz hinzu, sich nicht vor Zuschauern zu einem Gefühls-Ausbruche zwingen zu lassen, dessen Schilderung dann in Briefen oder gar Zeitungsartikeln die Neugierde der Leser befriedigte.

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Im Volke verschwindend

Gern entfloh Goethe seiner eigenen hochgebauten Festung und lebte in den Tälern als Mensch unter Menschen. Als er zehn Jahre in Weimar verbracht hatte, klagte er: „was wir in den kleinen souveränen Staaten für elende einsame Menschen sein müssen, weil man, und besonders in meiner Lage, fast mit Niemand reden darf, der nicht was wollte oder möchte.“ Auch deshalb verbrachte er gern ganze Monate im nahen Jena, wo er ungestört arbeiten konnte, oder in Bädern. Deshalb reiste er auch gern unter fremdem Namen. Er hatte schon als Jüngling viel Lust zu Mummereien und hat oft in Verkleidungen seinen Scherz getrieben; später war die Verkleidung eine Notwehr gegen seinen berühmten Namen und eine gelegentliche Absonderung von sich selbst, wie er sie in seinem Streben nach Objektivität liebte. Am wohlsten fühlte er sich, wenn er unerkannt reisen und behaglich unter dem Volke sich bewegen konnte. Nach Italien fuhr er 1786 als der Kaufmann Philipp Möller aus Leipzig; aus einem Dachsranzen und einem Köfferchen bestand sein ganzes Gepäck, und schon aus Bayern schreibt er ganz vergnügt über seinen neuen Zustand an Frau v. Stein: „Da ich ohne Diener bin, bin ich mit der ganzen Welt Freund. Jeder Bettler weist mich zurechte, und ich rede mit den Leuten, die mir begegnen, als wenn wir uns lange kennten. Es ist mir eine rechte Lust.“ Dann machte es ihm Spaß, daß er einem alten Weibe für einen Kreuzer Birnen abkaufen und sie publice „wie ein anderer Schüler“ verzehren konnte. „Herder hat wohl recht, daß ich ein großes Kind bin und bleibe, und jetzt ist mir so wohl, daß ich ungestraft meinem kindischen Wesen folgen kann.“ In Italien hielt er es ebenso. Er machte sich zum Italiener, trug die Kleidung der mittleren Bürger, gewöhnte sich ihre Gebärden und Bewegungen an und lernte ihre Sprache so gut, daß er auf Märkten und Gassen unauffällig sich unter das Volk mischen, seine harmlose Fröhlichkeit, sein Leben und Lebenlassen teilen konnte.