Es ist gewiß, ein ungemäßigt Leben,
Wie es uns schwere, wilde Träume gibt,
Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen.
Das alles beweist einen tiefen Einblick des jungen Dichters in die Wirksamkeit der Rauschgetränke.
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Verschiedene Zeugnisse
Aber als Goethe aus Italien wiederkehrte, beklagte Frau v. Stein, daß er sinnlicher geworden sei, in heutiger Sprache: materieller. Er gab sich den natürlichen Neigungen völliger hin, zügelte seinen Ehrgeiz schärfer, stellte sich die Aufgaben kleiner, und wenn er auch außerordentlich fleißig blieb, so hatte sein langer Tag doch auch einige Stunden für die Tafelfreuden frei. Seine Hausgenossin Christiane trank den Wein mit Lob und Lust; sie war darin seine Schülerin, aber auch seine Antreiberin. „Den Doktor Stark bitte ich mir auch zum Doktor aus“ schreibt sie im Herbst 1800; „Dem seiner Meinung bin ich gewiß auch, daß Du nicht so wenig Wein trinken sollst und Champagner besonders.“ Zwei Jahre darauf redet Goethe im selben Tone gegen Schiller über den kränkelnden Freund Heinrich Meyer: „Hätte er sich, statt Pyrmonter Wasser hier teuer in der Apotheke zu bezahlen, ein Kistchen Portwein zur rechten Zeit von Bremen verschrieben, sollte es wohl anders mit ihm aussehen.“ Und als dann im nächsten Jahre, 1803, Christiane einen Monat im Bade Lauchstädt verbrachte, sagte man von ihr und zu ihr: sie mache wohl eine Weinkur. Etwa von 1802 an dichtete Goethe auch einige Trinklieder, weil in befreundeten Kreisen Begehr nach solchen Gesängen war. An diesen Trinkliedern ist jedoch bemerkenswert, was nicht darin steht. Er verherrlicht den Wein nur als Sorgenbrecher und Stimmungsverbesserer, der uns zeitweilig erheitert und verjüngt. Als er zu seinen geselligen Abenden das alte Zecherlied: „Mihi est propositum in taberna mori“ bearbeitete, gab er es nicht so echt wieder wie Bürger: „Ich will einst bei Ja und Nein vor dem Zapfen sterben,“ sondern er mischte recht viel Wasser in den alten Wein und schrieb: „Mich ergreift, ich weiß nicht wie, himmlisches Behagen.“ Und man merkt öfter, wie ihm jeder Hang zur Unmäßigkeit auch in diesen weinfreudigen Jahren schmerzlich ist. Er bemerkte ihn schon bei seinem eigenen Sohne, dem Heidelberger Studenten, und deshalb schrieb er die vorsichtig eingekleidete Warnung:
Wir leben nach unsrer alten Weise still und fleißig besonders auch, was den Wein betrifft, wobei mir denn lieb ist, aus Deinem Briefe zu sehen, daß Du Dich auch vor diesem so sehr zur Gewohnheit gewordenen Getränk in acht nimmst, das mehr, als man glaubt, einem besonnenen, heiteren und tätigen Leben entgegenwirkt.
Im selben Jahre (1808) läßt er ein Lieblingskind seiner Muse, die schöne Ottilie, in den ‚Wahlverwandtschaften‘ „über die Unmäßigkeit der Männer, besonders was den Wein betrifft“ klagen:
Wie oft hat es mich betrübt und geängstigt, wenn ich bemerken mußte, daß reiner Verstand, Klugheit, Schonung Anderer, Anmut und Liebenswürdigkeit selbst für mehrere Stunden verloren gingen, und oft statt alles Guten, was ein trefflicher Mann hervorzubringen und zu gewähren vermag, Unheil und Verwirrung hereinzubrechen drohte! Wie oft mögen dadurch gewaltsame Entschließungen veranlaßt werden!