Ich verteidige als Mensch der Steinzeit meine Höhle gegen einen grimmen Bären. Meine Keule zerspällt auf seinem harten Schädel. Jetzt stürzt er zu. Aber ehe er mich wehrlos findet, hat mir ein Genosse, ein zweiter Mensch, der hinter mir steht, seine unversehrte Keule gereicht. In meiner Hand ist sie sogleich meine jetzt, ein vollkommener Ersatz der früheren. Doch der Kampf dehnt sich. Mein Arm, der die Keule schwingt, erlahmt. Ich lasse den Freund vor mich treten, gebe ihm meine Keule. Nun schwingt er sie mit frischer Kraft wieder als seine. Und diesmal erliegt der Feind.
Das Werkzeug ist einfach ein soziales Organ.
Eine Fortentwickelung des Organs mit einem sozialen Zug.
Ich mag ein Menschenleben damit verbringen, eine besonders gute, eine schier unverwüstliche Keule herzustellen. Aber wenn ich sie nun geschaffen, so mag meine ganze Familie, mag mein ganzer Stamm damit wirken. Ich kann zu Hause auf der Bärenhaut liegen, während andere mit der Keule einen lebendigen Bären fern im Forst bezwingen. Ich kann sterben und die Keule bleibt. Meine Kinder und Enkel werden sie führen. Ich bin längst vergessen — und diese künstliche Faust, die ich mir geschnitzt, lebt, schützt immer wieder lebendige Menschen, ist eine soziale Faust geworden, die Generationen überdauert.
Ein solches Sozialorgan ist aber ebenso das Schiff des Columbus: trägt es doch charakteristischerweise schon ein ganzes Häuflein tapferer Menschen als gemeinsames Schwimmorgan. Ein solches soziales Sinnesorgan ist das Fernrohr Galileis. Man wird dem Meister die Sternwarte verbieten. Er wird erblinden. Aber auf seinen Turm steigen andere und ihr Auge kriecht in dasselbe Glas, mit dem er die Sichelgestalt der Venus und die Monde des Jupiter entdeckt hat. Und wenn diese vergrößernden Linsen hier ihm zerbrechen, so wird Spinoza in Holland andere schleifen. Das Werkzeug übertrumpft die Vereinsamung und die Vergänglichkeit des Individuums, — es ist ein Organ am sozialen Leibe des Kollektivwesens „Mensch“, erhaben über den Zusammensturz des Einzelnen in der Zeit, erhaben über die zerspaltende Schranke unserer Zellenleiber.
Ist nun die „Wirklichkeit“ nur ein grober Ausdruck für das Gemeinsame in den Erlebnissen der Menschen, so gehört das Werkzeug, dieses ins Gemeinsame verlegte Organ, zweifellos aufs engste zu ihr.
Jeder Fortschritt im Werkzeug war ein Siebenmeilenschritt zu ihr, in ihr.
Als die Holländer zuerst durchs Mikroskop schauten, die Italiener durchs Fernrohr, da stutzten sie einen Moment: sollten die Dinge da drinnen nicht bloß Hallucinationen sein? Teufelsspuk nannte man das damals. Aber es war gerade umgekehrt.
Diese neuen Augen waren um einen ganzen Schritt weiter gesichert vor individueller Hallucination: das Sinnesorgan selbst gehörte ja jetzt schon der Allgemeinheit an.
Tausende konnten die gleiche Linse benützen.