Sie forderten, daß man ein Geringes gab, um viel zu gewinnen.

Um ihre Mission zu erfüllen, mußte die Naturforschung sich in erster Linie mit dem modernen Staat vertragen. Und eventuell dann auch mit Mächten, die dieser Staat nicht von sich lösen wollte oder konnte — wie der Kirche.

Das ging aber nicht ohne Konzessionen.

Gab man also als Ring des Polykrates etwas möglichst Entbehrliches!

Virchow zögerte keinen Augenblick mit dem Geständnis, wo das zu finden sei: im Gebiet jener Imponderabilien!

Um der „Duldung“ der Naturwissenschaft willen gab er mit leichtester Hand grade die Stellen preis, wo die moderne Naturforschung sich zur Weltanschauung krystallisieren wollte.

Aus dieser Stimmung hat er gelegentlich gesagt, daß die „Tatsachen des Bewußtseins“ vom Naturforscher ruhig preisgegeben werden dürften zum beliebigen Gebrauch der „herrschenden Kirchen“.

Aus dieser Stimmung hat er die modernen Ideen über den natürlichen Ursprung des Menschen, die unsere Weltanschauung so bis ins Innerste aufrütteln müssen, mit einer Leichtigkeit durchstrichen und unter den Tisch geworfen wie ein Papier, das jetzt nicht hierher gehört, daß seine besten Mitstreiter sich verdutzt fragen mußten, ob der Mann denn überhaupt noch für die Wahrheitsideale der Wissenschaft mitfechte.

Es war in der Tat derselbe Mann, der sich für die Wahrheit irgend einer winzigen Bagatelle-Tatsache, einer Scherbe in einem Grabhügel etwa, ganz unbedingt hätte verbrennen lassen wie Giordano Bruno — und der doch kaum glaublicherweise vor dem ganzen Begriff Weltanschauung eine so wegwerfende Meinung zeigte, daß er dessen kostbarstes Material als die einzige Scherbe nahm, die so wertlos sei, daß man sie dem Gegner ganz ruhig hingeben könne, um nicht verbrannt zu werden.

Das Verhängnis — man kann aber hier auch sagen: die Nemesis wollte, daß in den späteren Zeiten seines langen Lebens gerade diese ketzerischen, zu Weltanschauungsdingen durchaus drängenden Menschheitsfragen sich ihm immer energischer gerade auf dem Gebiet entgegenwarfen, wo er von allen Sachkundigen mit Recht als Meister, ja als Altmeister und Bahnbrecher verehrt wurde, — auf dem prähistorischen Felde, bei Tertiär-Mensch und Mammut-Mensch. Es war das fatalste Schauspiel gerade für solche, die jedes Wort aus seinem Munde auf diesem seinem eigensten Ruf- und Ruhmgebiet durchaus gebührend aufs Höchste zu achten gewohnt waren, wie er auch hier mit immer gesteigerter Hartnäckigkeit seinen allgemeinen Ablehnungs-Standpunkt in allen Detailfragen durchzuführen suchte, — und wie er schließlich Verwirrung in solche Fragen trug, bei denen schon viel mittelmäßigere Köpfe doch die klare Linie gar nicht verfehlen konnten, — er, der Meister der Klarheit und umsichtigen Kritik! Ich weiß wohl, daß der Glaube noch weit verbreitet ist, Virchow habe in seinem Kampf gegen den Neandertal-Menschen, den Tertiär-Menschen, den Menschen als Mammutzeitgenossen und verwandte Fragen bis zu der Allgemeinfrage der Verwandtschaft des Menschen mit den anatomisch nächsten Säugetiergruppen, stets den Standpunkt der nüchtern-besonnenen Kritik gegenüber der waghalsig schweifenden Hypothese vertreten. Die Dinge lagen in Wahrheit aber bei diesen Spezialfragen genau umgekehrt. Virchow war es, der schließlich die verwickeltsten, unwahrscheinlichsten Hypothesen aufeinandertürmte, um Dinge umzudeuten, die vor der schlicht nüchternen Anschauung nur eine einzige gerade und einfache Deutung zuließen. Seine Kritik des Neandertal-Schädels, die heute als endgültig zurückgewiesen gelten kann, ist das schlagendste Beispiel. Er hatte eben in diesen Dingen den schlichten Standpunkt vollständig verloren. Er ließ sich an autoritativer Stelle zu Aussprüchen hinreißen, die allen Elementarergebnissen der vergleichenden Anatomie ins Gesicht schlugen, — ein Anfänger, ein Student, konnte ihn schließlich bei einzelnen Sätzen korrigieren. Geister, die ihn intensiv liebten, mit ihm gern durch Dick und Dünn gegangen wären, hat er zur Verzweiflung gebracht mit solchen unberechenbaren Schachzügen.