Dubois im Gegensatz dazu war eine viel naivere Natur. Er hatte einen ganz bestimmten Form-Ehrgeiz, auch eine Art Form-Eitelkeit, kann man sagen. In gewissem Reifestand spitzte sich ihm alles zu einem großen Bonmot zu. Das mußte dann heraus, mußte in einer bengalischen Beleuchtung heraus; bei sich behalten konnte er es nicht mehr, und wenn es in die Welt sollte, so setzte bei ihm der Sporn ein, daß es nun auch in einer verblüffend individuellen Fassung als „von ihm“ kam.
Dubois ging zeitlich genau parallel zu Virchow, und es ist also kein Wunder, daß seine Denker-Bahn vor dem Naturbegriff in ihren Voraussetzungen so gut wie genau gleich bei ihm eingestellt war.
Auch bei ihm erfolgt in den besten Jahren ein glattes Einlenken in rein mechanistische Erklärungsversuche, — ein Einlenken, das zunächst den höchsten praktischen Erfolg hat, dem der Zeitgeist zujubelt und vor dem es gar keinen Bruch, keine Haltstelle zu geben scheint. Trotzdem aber kommt der innere Ruck, innere Chok, — eines Tages, — bei beiden. Der Moment, da ihnen bei ihrer mechanistischen Naturähnlichkeit bange wird. Und der Konflikt erwächst gerade aus der ehrlichsten eigenen Hauptarbeit selbst.
Virchow hat auf der ersten Höhe seiner Bahn den glücklichen Gedanken, auch im lebenden Organismus des Menschen den Begriff des „Zellenstaates“ durchzuführen. Wie der tote menschliche Körper sich anatomisch noch aus den im Mikroskop nachweisbaren einzelnen Form-Elementen, den „Zellen“, zusammensetzt, so muß auch der physiologische, der lebendige Mensch ein Produkt, ein Additionsexempel der Funktionen dieser Millionen von einzelnen Zell-Leistungen sein. Der Mensch ist ein „Zellenstaat“, sein Handeln die Summe der Leistungen der einzelnen Staatsbürger, der Zellen.
Bis hierher war die Sache glatt. Man hatte im objektiven Bilde nur die Zusammenarbeit all’ dieser Millionen subjektiver Zentren, der Zellen.
Aber nun ein Haken im Vergleich. Der aus so und so viel Bürgern zusammengesetzte Staat hatte doch, gangbarer Auffassung nach, deshalb noch nicht wieder ein Gesamt-Ich, ein Gesamt-Bewußtsein. Der Zellenstaat „Mensch“ hatte das dagegen zu seinen Lebzeiten unanzweifelbar. Gerade von diesem Gesamt-Ich gingen wir ja naiv beständig aus, von seiner Einheit. Mein — also etwa Virchows — Bewußtsein, war dieses Gesamtbewußtsein über einer Pyramide von Millionen Zellen.
Hier lag etwas Verzwicktes. Steckte doch etwas Falsches in den Grunddefinitionen? Aber mit denen waren wir ja doch gerade praktisch so weit gekommen, — zu dieser Lehre vom Zellenstaat, die eine ganz neue Pathologie verhieß!
Und Virchow machte seinen Salto mortale. Wir gehen ruhig in der Bahn weiter. Die „Tatsachen des Bewußtseins“ aber lassen wir für sich stehen, als existierten sie nicht. Damit sie möglichst aus dem Versuchungsbereich des Naturforschers verschwinden, liefern wir sie sogar gelegentlich, bei vorteilhaften Konzessionsmöglichkeiten, willig ganz anderen, dem Naturforscher an sich gar nicht diskutabeln „Geistesgebieten“ aus: der Theologie, der „herrschenden Kirche“, der je nachdem kirchenfreundlichen „Staatsraison“. Je fester sie dort einregistriert werden, desto sicherer sind wir sie nämlich los. Will uns Einer in der Naturwissenschaft fortan von „Bewußtsein“ reden, so rufen wir ihn einfach zur Ordnung wegen Grenzschmuggel, — er bringe uns Religion, Theologie, Kirche, Staat hinein; eine Diskussion über die heikeln Punkte selbst schneiden wir so geschickt vorher ab.
Dem guten Glauben nach war dieser Kompromiß eine Rettung der Reinheit des Forschungsfeldes für den Naturforscher. In Wahrheit war er der endgültige Verzicht auf einen echten umfassenden Naturbegriff.
Ein Naturbegriff, bei dessen Definition das Bewußtsein über Bord flog, als Dublette gewissermaßen verschachert wurde, war ja ein Hohn seiner selbst. Mit vollem Recht mußte der Theologe alten Stils mit Lachen auf ihn herabsehen, der er die Grunddinge unserer eigenen Persönlichkeit aus seiner Anthropologie einfach fortließ.