Jeder Begriff der allmählichen Entwickelung vom Unvollkommenen zum Vollkommeneren schließt ja gewisse Faktoren des Mißlichen, des Schmerzes ein. Denn das Niedrigere, indem es vom Höheren überboten, besiegt wird, ist allemal in irgend einem Sinne ein Absterbendes, das unter die Füße getreten wird, und da die Natur nun einmal Empfindung mit sich gebracht hat, wird das schmerzlich empfunden werden.
Reicht es doch bis in unser höchstes Geistesleben. Jeder Irrtum, der abgetan wird, ist ein Stich, jeder vom besseren verdrängte Gedanke, der doch einmal in uns lebte, ein Tod mit Sterbeschmerz. Aber die Idee der aufsteigenden Entwickelung als optimistischer Generalfaktor überbietet das immer wieder, grade wenn man auf das Ganze sieht. Und von Kuddelmuddel ist keine Rede, so lange überhaupt nur ein kontinuierlicher Entwickelungsfaden mit Überbietung eines Minderguten durch ein Besseres sichtbar bleibt.
Wer da meinte, die Weltgeschichte sei mit Darwin nicht bloß einer gewissen Wegblindheit in älteren Tagen, sondern dem wahren absolut sinnlosen und blödsinnigen „Zufall“ ausgeliefert, der hatte übrigens noch ein drastischeres altes Bild gelegentlich zur Hand, als jene famose Hasenjagd. Ein Schwein wühlt in einem ungeheuren Haufen Buchstaben. Es wühlt ihn zu immer neuen zufälligen Kombinationen durcheinander. Als eine solche Kombination entsteht eines Tages die Ilias. So soll es mit den harmonischen, den kosmischen Gebilden in der Welt überhaupt sein, und zwar beweise das eben Darwins Selektions-Theorie.
Das Beispiel ist in der Tat aber höchst prägnant grade für das oben Entwickelte.
Auch hier ist das Resultat zunächst nur eines: nämlich eben die Ilias. Damit sie aber werde, sind eine ganze Reihe fester Voraussetzungen nötig, deren Summe der Kraft nach eben auch schon die ganze Ilias enthält.
Zunächst jener Buchstabenhaufe, in dessen Buchstabenkombinationen auch schon die Ilias einmal ganz steckt. Dann die unendliche Wühltätigkeit des Schweins, die nicht rastet, bis endlich auch die Kombination Ilias da ist. Das Gleichnis enthält eins nicht, das hier bei Darwin sehr wesentlich ist: das Harmonischere ist das Erhaltungsfähigere. Man müßte das Gleichnis ergänzen, indem man etwa sagte: im Moment, da das Schwein ein Stück Ilias herausgerüsselt hat, kleben jedesmal grade diese Buchstaben plötzlich so fest aneinander, daß der Rüssel sie nicht wieder zerstören und nicht wieder weiterverwühlen kann. Doch das nebenbei.
Die Hauptsache ist auch hier: der Buchstabenhaufe und das wühlende Schwein bezeichnen bloß einen Weg zum Auslösen des gleichen Ziels. Die Intelligenz des Schweines erzeugt allerdings nicht die Ilias, — das entspricht genau dem Gedanken Darwins, daß der auslesende Kampf ums Dasein selber durchaus nicht als zweckschauende Macht im Menschensinne zu deuten sei. Aber der Gesamterfolg wird gleichwohl einem Komplex von Gesamteigenschaften in dem umfassenden Organismus „Buchstaben — Logik — Zeit — Schwein — Wühleifer und Ausdauer dieses Schweins“ verdankt: — niemand wird bestreiten können, daß dieser so begabte Organismus die Tendenz hat, eine Ilias hervorzubringen.
Und mehr brauchen wir ja nicht für die Natur.
Die Dinge lagen hier bloß noch etwas verwickelter.
Die Selektion hat zunächst das Menschengehirn herausgewühlt. Dieses Menschengehirn dann erzeugte die wirkliche Ilias. Schließlich könnte man aber auch im Menschen noch einmal mit etwas Phantasie das Urbeispiel innerlich weitertreiben. Aus einer riesigen Auslese bleiben die griechischen Schriftzeichen, Sprachformen, Begriffe übrig. Aus einer unendlichen Auslese erhebt sich der (oder erheben sich die) Verfasser der Ilias grade mit dieser Wortkombination. Eine unendliche Auslese, Wahl, Verwerfung von Bildern, Ideen, Erfindungen ging ihr im Dichtergehirn vorauf. Es ließe sich wenigstens als Aufgabe stellen, in alledem die Selektion aufzuspüren.