Solches Werden im letzteren Sinn aber entspräche nach de Vries tatsächlich dem, was bei Entstehung jener sieben und mehr Neuformen aus der Lamarckskerze vorliegt. Hier hat irgend ein Innenakt der Pflanze aus einer Art eine ganze Kolonie neuer Arten plötzlich, von Generation zu Generation, hervorbrechen lassen, — echte Arten mit allen Merkmalen von solchen.

So lautet denn de Vries’ erster Lehrsatz: eine Pflanzenart hat unter Umständen die Kraft, eine ihr verwandte, aber doch grundlegend verschiedene neue Art plötzlich, ruckweise aus sich bei der Fortpflanzung entstehen zu lassen. Im Gegensatz zur gewöhnlichen Variation bezeichnet er diesen Akt als eine „Mutation“, von mutare, verwandeln.

Es handelt sich dabei nicht um eine kleine individuelle Abweichung in irgend welchen Merkmalen, sondern um einen Ruck, bei dem die Tochterpflanze in ihrem tiefsten Wesen als Ganzes aufgerüttelt, umgerüttelt, neu fundiert, verwandelt erscheint.

De Vries gebraucht zur Klarlegung des Unterschiedes zwischen Variation und Mutation gelegentlich ein sehr hübsches Bild, das von F. Galton herrührt. Man denke sich ein sogenanntes Polyeder, einen Körper mit vielen verschiedenen Flächen nach allen Seiten. Als Bild kann gut einer jener schönen kristallenen Briefbeschwerer mit vielen Schliff-Flächen dienen, die man öfter sieht. Ein solcher Kristallblock gerate auf eine schiefe Ebene. Er liegt zunächst fest auf einer seiner Schliffflächen. Aber die Ebene senkt sich unter ihm und er beginnt zu rutschen, — zunächst auf dieser seiner Fläche. Die Rutschpartie geht schneller: er beginnt zu kippen. Er schwankt, balanziert auf der unteren Kante seiner Grundfläche, neigt sich etwas vor und zurück. Aber noch zwingt ihn die Schwere in die alte Lage zurück, er fällt wieder in die alte Basis, entfernt sich nicht dauernd von ihr, sondern oszilliert nun gleichsam um sie herum. Das wäre die Variation einer Art auf der schiefen Ebene ihrer Fortpflanzung! Indessen plötzlich jetzt ein Ruck: unser Kristallblock hat auf einer stärksten Neigungsstelle das Übergewicht bekommen, ist gekippt — und liegt jäh auf seiner nächsten Schlifffläche. Er hat seine Basis verändert. Um die mag er jetzt wieder schwanken, oszillieren, — jedenfalls ist es ein Oszillieren um einen ganz neuen, veränderten Schwerpunkt. Dieser Ruck, dieser Sturz, diese plötzliche Basisänderung — ist eine Mutation. Die Art oszilliert, variiert bei ihr nicht um ihre gegebene Basis, — sie fällt in sich um auf eine neue Basis: sie erzeugt eine neue Art.

Die Entdeckung dieser Mutation als einer experimentell gesicherten Sache hielt de Vries für seine wichtigste Leistung. Aber er blieb dabei nicht stehen.

Er folgerte weiter, daß die Mutation nicht wie die Variation eine beständige Begleiterscheinung im Leben der Pflanzenarten sei, sondern wahrscheinlich in gewissen Perioden sich einstelle.

Eine Art kann lange auf ihrer Fortpflanzungsbahn bloß oszillieren. Dann plötzlich macht sie Sprünge, bei denen die Basis jäh wechselt: sie tritt in eine Mutationsperiode.

Für diesen Sachverhalt spricht die Ruhe so vieler Pflanzenarten, die, lange beobachtet, keinerlei Mutationen zeigen, und umgekehrt dieser Nachtkerzenfall, wo in kürzester Frist die Neubildungen sich jagen und überall, oft in verhältnismäßig kolossaler Individuenzahl, hervorbrechen.

Hier lag ja nun die Frage nahe genug, welches Gesetz denn diesen Wechsel von Ruhezeit und Mutationszeit bestimme, — oder mit anderen Worten: was für ein Grund die Pflanze überhaupt zur Mutation zwinge? Diese Frage mit irgend einer Theorie zu beantworten, vermaß sich indessen de Vries vorläufig nicht.

Seine Experimente gaben keinen Anhalt dafür. Seine Nachtkerze war offenbar schon im wildesten Trubel einer Mutationsperiode, als er sie fand. Den Anfang der Dinge sah er nicht. Vermuten ließ sich höchstens ein Zusammenhang zwischen der äußerst üppigen und raschen Vermehrung durch Eroberung des Hilversumer Ackers und dem Eintritt dieser Periode. Doch warf das de Vries nur so als Denkbarkeit hin.