Ich klettere den kurzen Sandhang des Uferwalles empor, hinter dem der See liegt.
Auf den Säulen ist hier wirkliche Lichtglut, es ist noch einmal so hell geworden, daß sie Schatten hinter sich werfen.
Und jäh bin ich selber im strömenden Quell dieses Lichts.
Zart violett der leicht beschneite Eisteller unter mir. Drüben die Berge und das schmale Ufer ein verwischter Rauchstreifen von intensivem Grün, — grün bloß durch Lichtzauber, denn es stehen dort perspektivisch klein nur die gleichen winterdunklen Kiefern wie hier, in denen selber kein Spangrün ist. Darauf als zweite Farbschicht, fächerhaft von Westen herauffließend wie das Delta eines ungeheuren Lichtstromes das brennendste Karminrot. Hoch, hoch empor, bis es endlich jäh, fast ohne Übergang, als klappe ein Rand um eines Purpurmantels, umschlägt in ebenso grelles Schwefelgelb. Das stößt zum Zenith endlich an ein ganz süßes, ganz feines, abendliches und doch auch noch ungewöhnlich erhelltes Himmelsblau. Rechts und links, wo das Gelb in das absteigende Blau einfließt, leuchtet noch einmal wie Reflex auf einer schönen Feder ein magisch zartes und doch auch lichtstarkes Grün.
Ich wende mich, und hinter mir über den dunklen Kiefernkronen schwimmt im blassen Blau der große silberne Mond. Vom Kirchlein in der grau verträumten sonnenfernsten Seeecke, wo die Spree einmündet, hallen kurze, harte Klänge über die schalltragende Eisdecke daher.
Diese wunderbaren Dämmerfarben, die den Heimgang des Jahres seit Abenden jetzt hier begleiten und zu einem Schauspiel machen, als sei es irgend ein besonderes Weihejahr, das da in nordlichthafter Glut noch scheidend gefeiert wird: sie sind schwerlich gewöhnlicher, wie man zu sagen gelernt hat, normaler Art.
Wieder einmal mag es Vulkan-Asche sein, die da oben vom Sonnenkuß brennt gleich den roten Kiefern hier unten und ihr Licht dann noch einmal zu denen zurückwirft.
Asche von jenen grauenvollen Schlachtfeldern Mittelamerikas, wo die Sphinx, die Chimära sich plötzlich auf die armen Menschen geworfen hat, sie zu Tausenden zu fressen wie im Griechenmärchen.
Eine Glutwolke verschlingt eine blühende Stadt, brennt den hilflosen Opfern die Lungen aus. Dann wirft sie ihre Mähne empor, hoch, immer höher. Bis sie wie ein Ring um die Erde fliegt. Und auf der andern Seite des Planetenkolosses steigen dem stillen Beschauer über seinem See und seinem Kiefernfrieden liebliche Farbenwunder auf, ein buntes Zauberspiel der Luft. Ihn entzückt, was dort verheert hat. Eine Katastrophe, ein Weltuntergang — und Schönheit. So war es 1883, als an der Sunda-Straße der Vulkan Krakatau explodiert war und vierzigtausend Menschen verschlungen hatte. So jetzt, obwohl nur in kleinem Maße, noch Martinique.
Uns aber fangen solche Kontraste an, vertraut zu werden.