8

Einstweilen bleibt es aber auch bei diesen unmittelbaren Naturwegen offenbar dabei, daß sie zwar in bestimmter Richtung gehen, wesentlich aber auch noch nicht ganz Neues suchen, sondern nur das Gegebene noch immer besser (um das Wort noch einmal anzuwenden, das hier als ein technisches so wirklich gut paßt) ausbalancieren. Hier aber muß nun wieder von neuem Interesse werden, wie es mit dem Variieren unseres Gehirns und damit recht eigentlich erst unserer entschiedensten Geistesgrundlagen selber sei. Zweifellos ja variiert auch dieses Gehirn mit all seiner Freiheit, seiner Kultur im einzelnen. Nicht bloß die Linien der Hand oder das Auftauchen oder Nichtauftauchen des Weisheitszahns trennen jeden von uns individuell vom andern, sondern auch die angeborene Geistesvariante. Unzählig sind gleich auf den ersten Blick die verschiedenartigen gegebenen Mischungen unseres Temperaments. Am Glück und Leid unseres persönlichen Lebens haben sie schon reichlich ihr Teil. Immerhin würden sie sich im Menschheitsbilde doch wohl immer ergänzend ausgleichen, wenn man von oben auf den ganzen Maskenzug menschlicher Leidenschaften sehen dürfte. Eine etwas stärkere Frage könnten schon die einfachen Plus- und Minusvarianten des Verstandes sein, – nach klügeren oder dümmeren Menschen. Wir wissen ja, daß die Dummen nicht alle werden, hoffen es aber im stillen doch auch von den Guten. In dieser Allgemeinheit gibt aber auch diese Fragestellung schwerlich schon ein greifbares Ergebnis. Viel wichtiger scheint mir dagegen das Auftauchen ganz bestimmter erkennbarer Plus-Varianten bei uns in ganz bestimmte einzelne Kulturwerte hinein. Hier ist hochbedeutsam, daß überhaupt Plus-Varianten, also genau passende Treffer, in solche engeren Furchen unseres obersten Menschentums sich immer wieder einsäen. Tatsächlich gibt es von den oben gestreiften großen Menschenerrungenschaften keine, in die wir nicht solche Treffer mit Regelmäßigkeit fallen sähen. Ich meine jetzt, was man gewöhnlich Gaben oder »Talente« nennt. Man muß das Wort Talent nur weit fassen. Da gibt es z. B. beständig bei uns schon so und so viel angeborene verstärkte Plus-Varianten, die auf das Mitleid entfallen. Wer kennte sie nicht unter uns aus, die von Jugend an mit dem impulsiv gutmütigen Gemüt schon Gezeichneten, die ewig Hilfsbereiten, ewig für Mitleid Wachen, denen, wo ein anderer zögert, das Herz einsetzt mit einer unhemmbaren Naturgewalt. Ich sagte, Mitleid wahre stets auch bei uns noch einen leise triebhaften Zug. Das wichtige aber ist auch hier, daß es angeboren grade auch schon auftaucht in der spezifisch menschlichen Oberform des Allgemeinmitleids, der Menschenhilfe, Menschenliebe schlechtweg. Eine prachtvoll fördernde Kulturvariante! Dann noch in anderm Sinn ethische Plus-Varianten: ethische Charakter-Varianten in der Form angeborenen Talents für entschiedenen Rechtssinn. Wer Kinder beobachtet, weiß, wieviel auch da schon vor aller Erziehung liegt. Nicht, daß instinktiv hier schon mit auf die Welt gebracht würde, was das rechte ist, – also bestimmte Moralsätze, die nur blind befolgt zu werden brauchten. Das fiele ja zurück in starre tierische Instinktzüchtung, die stets das Gegenteil allen Menschenfortschritts bleiben muß. Sondern ich meine, daß innerhalb der Freiheitssphäre der feine Sinn für Recht und Unrecht in der Wahl bei dem ethischen Talent angeboren verstärkt sei. Die erlernte ethische Formel kann wechseln: das Instrument ihrer Anwendung in jedem Falle aber ist bei hier Gezeichneten verfeinert. Auch hier reicht die Variante offenbar nach der einen Seite schon in das echteste obere Menschenwesen der freien Erkenntnis und Wahl von Gut und Böse hinein, auf der andern aber ist das Feingefühl der Wahl auch schon nicht bloß auf das grob Nützliche des Augenblicks gestellt, sondern auf die Bevorzugung von höherem, Idealerem, eben Ethischem, das über den einzelnen steigt, ohne daß es doch deshalb wieder grober Herdentrieb würde. Wer fühlte nicht, daß der Volksgeist, der im Augenblick Tausende und Tausende bei uns mit stolzer Bewußtheit in furchtbarste Gefahr, ja in Qual und Tod ziehen läßt, im innersten Mark getragen wird von der Zahl dieser ethischen Plus-Varianten bei uns und nicht vom Herdeninstinkt.

Des weiteren kommen die eigentlichen »Talente« im strengeren Sinne, die reinen Intellektbegabungen für bestimmte Arbeitsgebiete unseres Kulturverstandes. Es sind die ausgesprochenen Begabungen für Einzelfächer, die besonders auf unsern höheren Schulen jedem einsichtigen Erzieher, der sich des individuellen Guten freut, wo es sich gibt, und nicht bloß Normales herauspauken will, so deutlich werden und oft so erstaunlich die Arbeit erleichtern. »Talent für Mathematik« gehört dahin als allbekannte Erscheinung. Es gibt aber auch solche entgegenkommenden Plus-Varianten, die sich beim deutschen Aufsatz, bei Sprachen usw. bewähren. Bei Musikstunden kommt (nicht aus der reinen Verstandessphäre) musikalisches Ohr und Taktgefühl so entgegen. Auch hier ist es beileibe nicht so, daß Tatsachenmaterial schon angeboren überliefert würde. Der Lehrsatz des Pythagoras wird nicht schon mit auf die Welt gebracht oder fertige Feuilletons. Das wäre ja wieder Rückfall in böseste Instinktform. Bei jedem besseren Zusehen wird ersichtlich, daß es sich auch hier stets um Intellektvarianten als solche handelt, von denen diese allerdings mehr so, jene mehr so methodisch entgegenkommt. Der Intellekt variiert sozusagen als Feinmechanik seines Instruments bald mehr für die mathematische Art der Verknüpfung, bald mehr für bildliche Assoziation, bald mehr für Beherrschen gedanklich nicht verbundener Reihen. Kein Zweifel: in all diesen Dingen, die jeder sich leicht selbst weiter durchdenken kann, haben wir nicht regellose Varianten aus einem indifferenten Dunkelgrunde auch über uns fort, – sondern wir haben sozusagen unsere Kultur selber schon auch unten, die Treffer wirft. Wie man sich die Entstehung dieser Richtungs-Varianten denken will? Nun, da mag wieder jeder seine biologischen Theorien anlegen. Nahe genug liegt wahrlich, daß eben doch fortgesetzte äußere Übung auch schon das innere Instrument bessert, und wer will sich verhehlen, daß diese Auslegung pädagogisch erfreulicher ist, da sie uns den inneren Gewinn nicht als Zufallstreffer, sondern als Erfolg grade unserer rastlosen oberen Edelarbeit erkennen läßt. Gewiß aber ist auf jeden Fall: auch diese Varianten haben alle einen Zug zur Erblichkeit. Ferner sind sie durchweg im letzten Erfolg äußerst nützlich, werden in jeder Weise in unserer Kultur begünstigt, haben also eine Tendenz, sich zu erhalten, zu vermehren, wenn sie einmal da sind. Auf die Dauer muß auch durch sie das allgemeine Kulturniveau in seinem besten Geistesinhalt unbedingt gesteigert werden. Durch wachsende Ausbreitung dieser »Talente« zeigt sich eine schöne Zukunftsmöglichkeit, daß allmählich die Mehrzahl der Menschen oder alle verstärkt würden in ihrer impulsiven Gemütskraft, in ihrem veredelten Rechtsbewußtsein, in der Feinarbeit ihres Intellekts für gewisse einzelne Tagesaufgaben der wissenschaftlichen Kultur, in ihrem musikalischen Gehör und so fort. Auch alle diese Anlagen geben nichts schlechtweg Neues, sie spiegeln ja nur schon unsere Arbeit selbst. Aber sie verbreitern die Basis des Kulturellen unablässig, heben die Masse, erleichtern, vereinfachen die Handhabung des wachsenden Kulturstoffs, setzen auch geistig das Vorhandene dort für uns in eine immer glattere Balance, – so die beste Bahn für ein wirklich Neues ebnend.

Das aber erwarten wir nun hier auch, – auf der geistigen Seite. Wir erwarten es vom Intellekt, der in der Folge mit dem immer besseren Instrument neue Welten nach außen auftun mag. Aber ich meine, wir haben es doch auch schon in der andern Form ebenfalls – nicht täglich, aber doch regelmäßig bisher im großen Menschentag – von Innen, von der Seite des geheimnisvollen Variierens dabei. Die Tatsache der ungeheuren Variante, die im Genie liegt, ist es, die ich meine. Auf sie möchte ich – als auf den allergrößten sichtbaren Fortschrittswert der Menschheit – zum Schluß hier noch den Blick einstellen.


Wir haben von angeborenen Talenten gesprochen. Wir alle wissen aber, wenn wir je auch nur als äußerlich nachempfindende, empfängliche, mitgerissene Seelen seines Geistes einen Hauch verspürt haben, daß das echte Genie noch etwas ganz anderes ist. Es ist, von außen besehen, auch eine ungeheure Plus-Variante, die individuell angeboren auftaucht und ebenfalls in unsere großen Kulturrichtungen unmittelbar eingreift. Aber es ist weit mehr noch als bloß auch eine solche. Das Talent in jenem Sinne ist reproduktiv. Es spiegelt im Tieferen wieder, schöpft von innen stärkere Ausdruckskraft, vertieft und bessert in seiner Weise, – aber es ist nicht schaffend. Das Wesen des Genies dagegen ist Neuschaffen. Auch das Genie knüpft an Gegebenes an, es tritt mit sicherem Schritt in unsere reale Kultur hinein. Aber seine erhabene Sonderart ist, daß es das Gegebene innerlich umsteigern kann zu höherem Neuem. Und zwar kann es das, weil sein Wesen Einheit, neue Einheit ist. Das Genie greift (wir erinnern uns an das von der Mutation Gesagte) die Dinge vom Zentralen wieder an, legt sie auf eine neue Basis von innen heraus, schafft sie zu einem neuen Organismus um, steigert sie in der Organisationshöhe. Es arbeitet nicht langsam in der Breite zusetzend, sondern es kommt (obwohl selbstverständlich auch durchaus natürlich) scheinbar jäh aus dem Nichts, ruckweise, unvermittelt. Wenn man aber näher zusieht, begreift man auch, warum das sein muß. Es baut nicht zu, sondern es löst das Ganze auf und kristallisiert es neu aus eigenster tiefer Gestaltungskraft. In diesem Sinne hat es, soweit wir auf wachsende Menschheitskultur zurückschauen, an allen großen Wenden dieser Kultur entscheidend eingegriffen. Mögen sich die Dinge lange in stiller Unterarbeit vertieft haben: endlich in seiner Hand erfuhren sie den großen Ruck, mit dem das »Unbeschreibliche« getan war. So steht es für uns im Kernpunkt aller unserer hohen Geistesgeschichte, aller unserer eigentlichen Entwickelung, seit wir als Menschen denken. Wir ahnen noch, daß es das Mitleid zur Menschenliebe umgeschaffen hat. Daß es ethisch nicht als kleine Verfeinerungs-Variante tausend- und tausendmal die Linie verstärkt, sondern als moralischer Gesetzgeber auf dem Berge gestanden hat. Wir haben es Staatsorganismen begründen sehen wie die Organismen von Wissenschaften. In der Kunst wissen wir – und hier erschien es von je am deutlichsten, – daß es »der Künstler« war, nicht der Nachempfindende, Durchschauerte, sondern der große »Durchschauerer«, der Welten aus dem Nichts zu heben schien, die fortan von der Menschheit Höhen strahlten. Es ist nicht durch Zufall grade hier am sichtbarsten gewesen. Denn in der Kunst erscheint auch das Abbild seiner Wesensform noch einmal ins Ideale gerückt. Jedes Genie ist zuletzt immer auch noch einmal Kunstgenie in seiner Weise mit gewesen. Ob es als Entdecker und Erfinder, ob es als Staatsmann oder Feldherr, ob es als philosophischer oder religiöser Bahnbrecher auftritt: nie wird man vor seiner Gesamtleistung den Eindruck des Kunstwerks los, – bloß daß es die ungeheure Kraft besitzt, überall da, wo es nicht Kunst sein will, eben auch die Wirklichkeit selber zu meistern. Das Genie ist die größte uns bekannte Fortschrittsmutation der Menschheit. Wenn wir dieses naturgeschichtliche Wort wählen, muß auf den Unterschied hingewiesen werden. Vielleicht ist es aber auch hier nur eben der Gegensatz des Menschen, der ihn bedingt. Auch das Genie hat Richtung. Es kann in ganz bestimmte Einzelwerte der Kultur gradezu extrem gehen; denken wir an Beethoven; obwohl es im Größten und besonders im Neueren, je mehr unsere Kultur ein Universalwert wird, auch den universalen Zug nicht verleugnet; denken wir an Goethe. Bisweilen möchte man glauben, daß es durch ein gleichzeitig vorhandenes Talent in seiner Richtung bestimmt werde, obwohl es selber niemals bloß ein gesteigertes Talent ist, sondern die ganze dämonische Ursprünglichkeit und Überlegenheit wahrt; doch liegen hier noch Geheimnisse. Jedenfalls aber zielt es in aufsteigende Kultur hinein, und wie es ist, neu bauend, zwingt es diese Kultur steigernd empor. Es setzt sein Werk nicht fort durch Zeugung, durch Erblichkeit. Darin erscheint es selber im idealsten Sinne als »Mensch«, daß sein Reich einerseits bloß das eines Einzelnen, einer riesigen »Person« ist, – daß es aber grade durch die geistigen Kulturmittel sich von dieser Person aus noch ganz anders ausbreitet, als Zeugung und Vererbung vermöchten. Als ungeheure Zeugungswelle strömt es geistig über uns alle aus, bis sein Sturm das ganze Haus der Menschheit erbeben macht und die Flammenzeichen an allen Stirnen auch der Fernsten, Schlichtesten erglühen. Ihm liegt nichts an gewöhnlichen Menschenwegen. Nachkommende Generationen leben doch von ihm. Durch Jahrtausende fließt sein Licht. Durch alle Stände geht es selbst. Da, dort, flammt es plötzlich auf. Ihm ist nicht Ort, noch Stunde für unser Wissen gesetzt. Es kommt aus dem Winkel und steht doch alsbald im Mittelpunkt der Welt für uns. Mag man sich naturgeschichtlich zu ihm verhalten, wie man will, – natürlich ist es gewiß. Und lernen sollte der Naturforscher auf jeden Fall auch von ihm. Wie es vor uns steht, ist es jedenfalls die menschliche Form eines steigernden Fortschrittsweges, – die uns sichtbare wahre Fortschrittsmutation. Vielleicht haben wir ihre echten Vorgänger in der tieferen Lebenswelt noch nie gesehen, – wer weiß. Uns aber gibt sie die heiligste Gewähr weiteren Ganges zum Licht. Denn sie kommt nicht nur durch alles, was wir bisher Kultur nennen, soweit wir darin Einzelmenschen sehen, – sie steht auch noch dicht hinter uns, ja neben uns. Nichts läßt vermuten, daß ihre Kraft abnehme, – im Gegenteil. Wie geht ihr Wehen noch durch die ganzen letzten hundert Jahre. Und wer fühlte, wer hoffte, wer vertraute nicht, daß es auch uns in dieser Stunde noch als unser Größtes durchrauscht? Wir erwarten mit dem Bilde dessen, der auch einst seinen Geist in sich verspürte, daß es immer wieder als Kind mit den großen Augen uns anschaue vom Arm der Mutter, – der Menschenmutter, die unsere Zukunft trägt.


Nachwort

Es war seit längerer Zeit mein Wunsch, zu den verschiedenen Kosmosbänden, in denen ich mich mit Fragen der irdischen und menschlichen Vergangenheit auseinandergesetzt hatte (»Abstammung des Menschen«, »Stammbaum der Tiere«, »Sieg des Lebens«, »Steinkohlenwald«, »Mensch der Vorzeit«, »Festländer und Meere«, »Tierwanderungen in der Urwelt«), eine Ergänzung zu schreiben, die vom Schicksal der Erde und des Menschen in der Zukunft handeln sollte. Nur mit gelegentlichem flüchtigem Blick in die Welt der Träume, im übrigen aber mit beiden Beinen fest auf der Wirklichkeit ruhend, sollte dieser Band vor allem einige früher nur angedeutete Gedankengänge über die wahre Stellung des Menschenwesens in der Natur näher begründen und ausführen. Die Arbeit war im Kopf fertig, als die ungeheuren Ereignisse, die uns alle noch bewegen, eintraten. Sie wurde niedergeschrieben im Bann dieser Ereignisse, und man wird die Stimmung daraus anklingen hören, ohne daß ich das für einen Schaden hielte. Wohl ist mir ein paarmal dabei gewesen, als sei die Forderung des ehernen Tages zu groß für solches Fragen um dämmernde Ferne. Aber dann schien es mir doch auch immer wieder, als sei es grade recht so trotzalledem. Ich dachte an so manchen tapfern Mann im fernen Schützengraben, dem doch seine Gedanken durch alle Sterne schweiften. Und ich dachte, daß es zuletzt eben dieses Denken gewesen ist, das uns stark gemacht hat. Möge also auch dieses bescheidene Scherflein immerhin mit eingehen. Alles Wilde sehen wir in diesen Tagen aufgeboten in der Menschheit, aber wir hoffen doch auch und sehen es bei uns in heiliger Arbeit, zuletzt alles Gute. Vielleicht ist es doch nicht ganz belanglos, daran zu erinnern, daß die Menschheit noch nicht stirbt und daß sie Zeit hat, sich auch aus furchtbarster Krisis wieder allgemein zum Siege dieses Guten durchzukämpfen. Eine kleine, nebensächliche Kriegswirkung wird man darin finden, daß das Werk diesmal ohne wissenschaftlichen Bilderschmuck erscheint; es war nicht mehr anders möglich, und man wird das verstehen.