Je tiefer diese Schulung geht, je reflectorischer die Ideenlinien arbeiten, desto mehr scheinen sie später ursprünglich mit dem Individuellen verwachsen und erlangen in Wörtern, wie Gewissen, Tact und ähnlichen, Bezeichnungen, die uns im Leben sehr oft geneigt machen, sie angeborene zu nennen, obwohl sie allem Anscheine nach durchweg erworbene, von aussen eingeprägte sind.
Das Adjectivum »angeboren« aber, welches sich uns hier zwanglos in die Erörterung einmischt, führt uns unwillkürlich auf ein Zweites, das im Begriffe der Gewohnheit, wenn auch wahrscheinlich nicht dort, wo man es vermuthete, so doch anderswo steckt.
Ein Vogel, den man im Zimmer fern von Seinesgleichen aufgezogen, zeigt bei nahendem Winter ein Bestreben, zu wandern. Hier kann nicht mehr von individueller Aneignung, von einer durch Gewohnheit erzielten Gedankenlinie, in die jedesmal beim Anblick fallenden Laubes oder sonstiger Erscheinungen des Wechsels der Jahreszeiten der Gedanke einlenkt, um schliesslich den Willen des Wanderns auszulösen, die Rede sein. Eben haben wir gesehen, dass die Function, das beständige Wahrnehmen gleicher Dinge allmählich eine körperliche und geistige Disposition, ein Geleise gewissermassen, schafft, das dann beim Nachfolgenden wie ein Organ die Function bestimmt; bei diesem geborenen Zugvogel ist offenbar die Umwandlung einer bestimmten Stelle des Denkapparates schon bei der Geburt mit allen andern Organen, die im embryonalen Leben nicht durch, sondern für die Function entstehen, angelegt worden und tritt jetzt beim geringsten dahin zielenden Impuls mit voller Kraft in Thätigkeit, indem sie den Vogel zwingt, beim ersten Anzeichen des Herbstes – und sei es auch sein allererster, den er im individuellen Leben mitmacht – eine Gedankenreihe zu verfolgen, die ihm bei menschlich klarem Bewusstsein wie eine Vision vorkommen würde, indem er Bilder von einem warmen Lande, wohin er wandern soll, denkt, die keine eigene Erfahrung ihm eingeben kann.
Wir haben es hier mit einer Gewohnheit secundärer Art zu thun: – mit vererbten geistigen Linien. Jede geistige Gewohnheit bedingt etwas körperliches, einerlei, ob als Ursache oder als unvermeidliche Parallelerscheinung; dass körperliche Veränderungen sich vererben, wissen wir alle; es kann in Fällen wie dem genannten nicht anders sein, als dass sich hier eine Structurverschiebung des Gehirns, eine moleculare Disposition vererbt hat, deren unzertrennliche Begleiterin die psychische Erscheinung ist, die wir sehen. Zwischen dem Gehirn jenes Vogels und dem gewaltigen Verstandesapparate des Menschen aber besteht physiologisch wie psychologisch lediglich ein Unterschied des Grades, nicht der Art, – es fragt sich: spielen auch beim Menschen ererbte Gedankenreihen eine Rolle, die sich unter dem allgemeinen Worte »Gewohnheit des Denkens« verbirgt? Bei der ungeheuren Masse von Eindrücken, die der Mensch im Gegensatz zu den meisten Thieren während der Dauer seiner individuellen Existenz empfängt und die trotz aller Macht der Gewohnheit gerade auf den höheren geistigen Gebieten durchweg nicht reflectorisch werden, nicht ganz aus dem Bewusstsein verschwinden, scheint es von vornherein nicht wahrscheinlich, dass hier sehr viel vererbt werden sollte. Jedenfalls bestätigt die Erfahrung, dass Vererbung überwiegend dann stattfindet, wenn gewisse Gedankenketten über das gewöhnliche Mass hinaus sich eingebohrt haben, also beispielsweise bei einseitigem Genie, bei krankhaft eingewurzelten fixen Ideen, also fast oder ganz abnormen Zuständen, – und es scheint selbst hier, als vererbten sich nicht eigentliche Gedankenlinien, sondern nur gewisse Stimmungen des Untergrundes, wenn ich so sagen soll, gewisse Weichheiten oder Härten der Fläche, die den später durch Erziehung herantretenden Geleisen einen ungewöhnlichen Widerstand oder ein ungewöhnliches Entgegenkommen bewiesen. In der Empfänglichkeit des Gehirns für einzugrabende Linien überhaupt liegt ganz unbezweifelbar die eigentliche grosse Erbschaft, die der Mensch, der als solcher geboren wird, vor dem Thiere voraus hat; wer das exact beobachten will, vergleiche ein lernendes Kind mit einem lernenden Papageien. Wahrscheinlich ist dem Vogel der absolute Fortschritt gerade deshalb so erschwert, weil sein Gehirn von Jugend auf mit einer Reihe ererbter Linien (Instincte nennt es ein geläufiges Wort) durchsetzt ist, die den Boden hart gemacht haben für alles Neue; die wenigen ererbten Geisteslinien des Menschen, der Mangel an Instincten, wäre im Lichte dieser Anschauung dann vielleicht die Wiege seiner geistigen Entwicklungsfähigkeit, indem es ihm die Tafel für das Lernen frei hielte. Dass darum gewisse Instincte, ganz oder beinah reflectorische Geisteslinien, auch beim Menschen und zwar bei allen ohne Ausnahme als Erbe früherer, mehr thierischer Verhältnisse sich – wenn auch bisweilen gleichsam verschüttet und von den tausend Erziehungslinien überdeckt – vorfinden, ist nicht zu leugnen. Stark erregte Momente, Revolutionen, Hungersnoth, beständiger Anblick von Blut, sexuelle Ueberreizung lassen diese Instincte gelegentlich in roher und erschreckender Weise durchbrechen, und der Mensch handelt in solchen Momenten im Banne einer dämonischen Gehirnmacht, einer entfesselten psychisch-molecularen Bewegungswelle, die unvergleichlich mächtiger fortreisst, als alle individuell durch Erziehung erworbenen Moral- oder Unmorallinien, er handelt mit dem Instincte von Thierformen, die weit unten an der Schwelle des Menschlichen stehen und für uns nur noch in analogen Erscheinungen der jetzigen höheren Säugethierwelt zu studiren sind. Der Dichter, wie der Historiker müssen gerade diesen geheimnissvollen Vererbungslinien, deren Rolle im einzelnen Leben wie in der Geschichte sehr gross ist, mit Interesse nachgehen. Wünschen möchte man, dass gewisse dauernde Errungenschaften der menschlichen Cultur – beispielsweise die Basis der Moral, das Mitleid – mit der Zeit bereits reine Instincte geworden wären, die der Einzelne mit auf die Welt brächte. Man ist mitunter versucht, dergleichen zu glauben. Wenn ein Mensch, ohne eine Secunde zu zögern, einem Kinde, das in's Wasser gefallen ist, nachspringt und es rettet, so scheint hier eine Geisteskette vorzuliegen, die bereits ganz reflectorisch wirkt und wohl als solche vererbt werden könnte.
Die Erfahrungen, die man andererseits an Kindern macht, die aus besten Bildungskreisen entspringen und doch, ehe sie durch Zucht selbst gebildet sind, nichts bethätigen als die alten thierischen Instincte, die mit ihrem roheren Egoismus dem Mitleid gerade zuwider laufen, verhindern alle derartigen optimistisch gefärbten Schlüsse.
Beschränkt, wie unsere Kenntnisse von dem ganzen Gewebe der Vererbungsfragen gegenwärtig noch sind, müssen sie dem Dichter, der in ihnen das Material tragischer oder versöhnender Verknotungen sucht, eine starke Resignation und scharfe Kritik als Grundbedingung an's Herz legen. Rechnen soll er mit der Vererbungsfrage als Ganzem, das ist sicher. Aber er soll nicht spielen damit, sich nicht muthwillig auf Gebiete begeben, die der Fackel des Forschers selbst noch verschlossen sind. Die Zukunft wird erst zeigen können, wie eigentlich diese Dinge eingreifen in's Leben des Einzelnen, wie die Sünden und Vorzüge der Ahnen sich unmittelbar im Gehirne des Enkels rächen. Immerhin mag heute schon der grandiose Romancyklus von Zola eine durchdachte Vorahnung für das Kommende darstellen. Wenn man sich aber vergegenwärtigen will, welche zahllosen dichterischen Vorwürfe in dem Spiel der Ideenketten, an die Schule und erste Bildung uns schmieden, enthalten sind, so kann man im Grunde nur warnen vor dem einseitigen Betonen der Vererbungsconflicte, so lange die Physiologie noch nicht in festen Gesetzen die nöthigen Prämissen aufgestellt. Man soll sie beachten, wo man durch den Stoff nothwendig auf sie geführt wird, aber sie noch nicht in den Vordergrund drängen, wo es nicht durchaus nöthig ist.
Die indirecte Vererbung, das unbrauchbare Alte, das uns in unserer Bildung, durch unsere Umgebung allenthalben belastend in's Gehirn gegraben wird, tausend begabte Köpfe im Kampfe mit dem lebendigen Neuen zu Tode hetzt, uns als unechte Religion, veraltete Moral, conventioneller Humbug, historische Entartung und was sonst noch alles, den Geist trübt und für die Ziele der Gegenwart blind macht: das ist durchschnittlich weit gefährlicher, als die dunklen chemischen und physikalischen Mächte, die hier oder dort eine Familie in allen Phasen des Wahnsinns untergehen lassen oder an den geschlechtlichen Fähigkeiten eines unschuldigen Nachkommen die sexuellen Verrücktheiten des Urgrossvaters rächen. Es sind harte, unerbittliche Gesetze im Einen, wie im Andern, aber im letztern Falle haben sie mehr von jener dunklen Tragic, die allem Geschehen der Natur geheimnissvoll zu Grunde liegt, im ersteren sehen wir den Kampf menschlich lebhafter und näher vor Augen, wir fühlen die Schmerzen, wie die Triumphe innerlich blutiger und siegesstolzer mit, weil wir mehr verstehen und stärker durchfühlen, dass die Sache auch einmal anders werden könnte durch unser Zuthun.
Ich kehre zur eigentlichen Frage zurück. Gewohnheit umschliesst, so haben wir jetzt gesehen, zweierlei: Ererbtes und Erworbenes. Da das Letztere wenigstens beim normalen Culturmenschen mit zunehmendem Alter unausgesetzt wächst, so gleicht das Gehirn dieses Menschen schliesslich einer über und über beschriebenen Tafel, auf der sich gewisse Striche mehr und mehr verdickt haben, und die am Ende gar nichts ganz Neues mehr aufzunehmen im Stande ist, so dass der Geist wie ein geschickter Seiltänzer mehr oder weniger nur noch die vorgeschriebenen Stangen abklettert, je nachdem dieser oder jener äussere Anlass bei einer der ewig bereiten Endstationen anklopft.