Mit diesem Algonkium geht für uns recht eigentlich der Vorhang der Erdgeschichte im engeren auf. Nicht allzu viel ist es, was wir von ihrem ersten Akt dabei noch zu sehen bekommen, aber bezeichnend genug ist es schon. Mit aller Sicherheit erkennen wir, daß wir auch hier nicht bei einem wirklichen Anfang der Dinge selbst, sondern bloß bei einem Anfang unseres Wissens stehen. Denn nicht erst im rohen Werden, sondern aufgeschlagen, längst offenbar aufgeschlagen bereits ist die ganze Bühne, auf der fortan die Erdentwicklung weiter spielen sollte. Man vermag dieser algonkischen Periode auf Grund ihrer bisher bekannten einwandfreien Hinterlassenschaften nicht mehr so auf der Erde nachzugehen, daß man eine Karte ihrer Länder und Meere entwerfen könnte. Aber das Wenige, das wir von ihr noch haben, beweist, daß sämtliche Voraussetzungen zu einer solchen Karte im heutigen Sinne schon in ihr klar gegeben waren. Nicht so, daß ihre Länder, Meere und Gebirge genau am gleichen Fleck hätten liegen müssen, wo diese geographischen Einzelheiten heute liegen; aber so, daß Land, Meer, Gebirge schon überhaupt vorhanden waren. Aus ganz einfachen Stichproben läßt sich das mit sieghafter Überzeugungskraft nachweisen.
Da gähnt in Nordamerika, in der Landschaft Arizona, das Naturwunder des sogenannten großen Cañon des Koloradoflusses. Alle Vergnügungsreisenden dort besuchen und bestaunen es heute schon. An einer weiten Hochebene hat sich eine Reihe von Jahrhunderttausenden lang wieder einmal die Macht des rinnenden Wassers erprobt. Das Stromnetz hat unablässig wühlend und nagend die Gesteinsschichten zerstückelt, eine nach der andern wie Butterbrotscheiben abwärts wieder erschließend, wie sie sich in der geologischen Reihenfolge der Perioden einst übereinander gestapelt hatten. Zuletzt hat es sich dann noch wie mit dem Messer in den Grund eingeschnitten, schauerliche Spalten von fabelhafter Tiefe bildend, die eher an die Rillen des Mondes erinnern, als an irdische Täler. Cañons, Röhren, nennt sie der Spanier. Jener größte ist 60 Meilen lang und bis 2000 Meter tief. Nackt starren die Schichten aus seiner Wand, in wunderbar grellen Farben gleißend, hinunter und hinunter steigend, als solle es mit dem Wort der Bibel wirklich bis in der Erde Nieren gehen. Schier unglaublich wirkt es schon, was an solchem einzelnen Fleck sich im endlosen Verlauf der Urwelt überhaupt alles ablagern konnte. Die Hochebene im ganzen beginnt fern oben mit Gesteinen aus der Tertiärzeit. Dann aber geht es rückwärts buchstäblich durch alle Weltalter. Die eigentliche enge Cañonspalte muß sich noch durch eine Bergesbreite Kalk und Sandstein der alten Steinkohlenperiode sägen. Bis sie noch immer tiefer und tiefer stürzend in ihrem grauenhaften Schlunde endlich auch den uralten Boden des Kambriums schneidet. Selbst dort aber ist diesmal kein Ende. Aufspalten muß sich die noch entlegenere Urerde des Algonkiums. Auf einen einzelnen hellen Augenblick sehen wir in ihre Landschaft. Aber wieviel sieht der Geolog da sogleich.
Abb. 7. Versteinerter Sand mit Erhöhungen und Furchen (sogenannten »Rippelmarken«), die durch Wellenschlag oder unmittelbar durch den Wind in urweltlichen Tagen erzeugt wurden.
(Aus dem Buntsandstein der Permperiode.)
Zu Stein verbackener Sand mit sogenannten Rippelmarken, rippenförmigen Erhöhungen und Furchen, wie sie durch Wellenschlag und Wind an flacher Küste noch heute entstehen, deutet auf Uferdünen. Also Grenze, wo Wasser und Land sich schon damals begegneten. Kalk hat sich abgesetzt, wohl aus seichten Seen; also auch so etwas war schon da. Zu andern Malen hat das wirkliche Meer den Fleck überflutet, Krebse und beschalte Wurmtiere heranführend. Gelegentlich im Laufe der Zeiten ist ein mächtiger Lavastrom des Weges geflossen. Also auch schon Vulkanismus. Und wie sollte er nicht? Die ganze Schichtenlage, nachdem sie eine geraume Weile sich so gebildet hatte, ist eines Tages damals schon ergriffen worden auch vom Schaukeln der Steinflut. Spalten sind hindurchgebrochen, von denen wir wissen, daß sie dem Aufquellen glühender Massen heute noch so günstig sind. An diesen Spalten haben die ganzen Schichten sich zerstückelt, verschoben, schief gelagert, steile Blockmassen als Berge und tiefe Senken als Täler bildend. Auch dieses zeitweise Landschaftsrelief aber ist durch den Kreislauf der Gewässer abermals abgenagt, geglättet, in ebenen Plan verwandelt worden, ehe noch die folgende kambrische Periode begann. Denn diese konnte ihre eigenen Schichten wieder ganz wagerecht auf solchem Plan lagern. Noch mehr aber verrät uns das Wunder des Cañon. Ehe das alles sich bildete im Algonkium, diese Ufersande, Kalke, Lavadecken, hatte an dieser gleichen wandlungsreichen Stelle bereits ein gewaltiges Gebirge gestanden. Kristallinische Schiefer, durchsetzt mit empordrängendem Granit, waren durch Faltung der damaligen Erdrinde (damals schon!) hoch emporgestaut worden, wie so viel Jahrmillionen später unsere noch stehenden Alpen oder Kordilleren. Noch zeigt die tragende Masse unter jenen andern Schichten innerlich ganz deutlich die Wellenlinien dieser Faltung. Aber wiederum: noch ehe jene algonkischen Schichten, die heute darauf lagern, sich absetzen konnten, hatte auch an diesem Gebirge die zerstörende Verwitterung durch den schürfenden, sprengenden und schmelzenden Wassertropfen gearbeitet. Und heruntergearbeitet endlich (in was für Zeiträumen sicherlich!) hatte sie noch vorher das ganze, ganze Gebirgsrelief schon so vollkommen, daß auch dieses Gebirge zuletzt wieder einen oben vollständig glatten Plan gebildet hatte, der nur noch in der Tiefe die letzten abgeschnittenen Faltungszacken wahrte. Über die flache Platte dieses Blocks aber war dann die Uferwelle dahergekommen, die jene Rippelmarken in den Sand schrieb, – in den Sand, in dem wohl hier und da noch letzte Körnchen von diesem abgewaschenen Gebirgsrelief selber lagen. Kein Zweifel: alles, was bis heute eine »Karte« auf der Erdkugel gebaut hat, ist schon damals beim Werk gewesen. Und auch das bestand bereits, was in aller Folge so abhängig gewesen ist von dieser Erdkarte mit seinen tausend Anpassungen und Entwicklungen, zugleich aber dieser Karte erst noch wieder den eigentlichen Inhalt für uns gegeben hat: das organische Leben.
Abb. 8. Durchschnitt durch eine Wand des großen Cañon des Koloradoflusses in Arizona. gn uralte gefaltete Gebirgsmasse aus Gneiß, durchsetzt mit vulkanischen Durchbrüchen, oben durch Verwitterung wieder bis auf die Wurzel platt abradiert. al aufgelagerte Schichten von Schiefern und Sandsteinen der algonkischen Periode, durch erneute Bewegungen des Bodens samt der Unterlage zerbrochen und verschoben. cam abermals platt aufgelagerte Schichten, die in der kambrischen Periode sich bildeten und bis heute horizontal liegen geblieben sind. dev ebenso aufgelagerte devonische Ablagerungen, nur schwach noch vorhanden. carb Kalk- und Sandsteine, die in der Steinkohlenperiode in außerordentlicher Masse noch darauf getürmt wurden.
(Nach Frech.)
Fast einförmig will die Erdgeschichte erscheinen, wenn man sie gleich so »modern« einsetzen sieht. Es war aber in Wahrheit noch für Überraschungen genug gesorgt, und auch das geographische Bild liefert deren noch sehr sinnfällige. Auf die algonkische folgte die kambrische Periode. War es dort möglich, an einer Stichprobe festzustellen, daß schon alle nötigen Voraussetzungen zu einer Karte gegeben waren, so besitzen wir für sie jetzt eine Anzahl erster Stichproben des Kartenbildes selbst. An den verschiedenen Punkten der Erde erscheinen Ablagerungen noch der kambrischen Meere. Eine nicht allzu reiche, aber doch kennzeichnende Tierwelt zeigt sich in versteinerten Resten darin und erleichtert die Bestimmung der Zugehörigkeit. Wo diese Schichten abreißen, wo sie fehlen, da vermutet man Küste, vermutet man Land von damals, vorausgesetzt natürlich, daß nicht spätere Zerstörung die Meereszeugnisse dort irreführend wieder beseitigt hat; eine Voraussetzung, die allerdings, wie gesagt, leider nicht immer gilt. Auf jeden Fall verraten aber die mächtigen Schuttmassen selber, die die kambrischen Meere schon häufen konnten, mit Sicherheit das Dasein großer Festlandmassen überhaupt. Gelegentlich kann man auch aus der zwar allgemein zeitgenössisch verwandten, aber doch in Einzelzügen schon örtlich etwas verschiedenen, gleichsam in abgesonderten »Provinzen« entwickelten Meerestierwelt deutlich erkennen, daß solche Landgebiete sich wie heute trennend zwischen zwei Meere schoben. So wie man aber nun Einzelheiten der Karte daraus zu erfassen sucht, treten rechte Seltsamkeiten hervor. Viel Land scheint da zu sein, auffällig weite zusammenhängende Festlandstrecken, zwischen denen auch noch das Meer, wo es eingreift, sich zumeist ganz unzweideutig als seicht darstellt. Auf keinen Fall scheint weniger Land vorhanden als heute. Und das ist gleich schon interessant für ein Anfangsbild, ja es ist wertvoll, wie ich hinzufügen möchte, auch für ein Schlußbild. Wie endlos weit wir jedenfalls schon von einem vermutungsweisen »allumflutenden Meer« der Anfangstage entfernt sind (falls ein solches Meer je vorhanden war), zeigt es. Aber es beweist auch etwas für gewisse Ideen über die Zukunft der Erde, die man öfter heute hören kann. Die Erde werde allmählich, wie der Mond, austrocknen, sagt man uns, und damit werde natürlich alles Leben, auch das menschliche, zuletzt jämmerlich zugrunde gehen. Wenn das richtig wäre, so müßte sich das Festland im Verlauf der geologischen Epochen seit der uns bekannten ältesten jedenfalls schon merkbar vergrößert, das Wasser dagegen im Kartenbilde abgenommen haben. Wir würden also auf der Karte des Kambriums größere und tiefere Ozeane mit nur erst ein wenig inselhaftem Land darin erwarten müssen. Das Gegenteil ist der Fall, und wir werden sogar gleich ein paar Karten früher Erdzeiten sehen, auf denen ganz entschieden mehr Land lag, als heute besteht. Es scheint somit, daß das Wasserschlucken und Wasserspeien der Erdkugel sich wirklich im Sinne des früher schon Gesagten auch geologisch stets mindestens die Wage gehalten hat, und so brauchen wir in dem Punkt jedenfalls nicht pessimistisch in die Zukunft zu sehen.