Abb. 4. Durch Verwitterung entstandenes Felsenmeer am Felsberg im Odenwald. (Dr. Bruno Baumgärtel phot.)
Was aber das beständige Wiederablagern der zerstörten Gesteine durch das Wasser betrifft, so ist dieser Verlauf doch immerhin einseitig. Das Wasser schafft zwar die Mineralstoffe der oberen Erdrinde nicht aus der Welt, aber es nivelliert, es arbeitet von sich aus unablässig einseitig dahin, die Ungleichheiten der Landfeste möglichst fortzuglätten. Über das Schicksal einer Erde, lediglich in seine Hand gegeben, könnte bei der nötigen Zeit also kein Zweifel sein. Alle Gebirge würden endlich heruntergetragen. Jede gegenwärtige Unebenheit des Bodens aller Länder würde beseitigt. Gleichzeitig aber würden die Kontinentsockel selbst von den Rändern und in die Tiefe hinab zernagt und erniedrigt, während die Meere umgekehrt durch das hier entzogene Material immer mehr ausgefüllt, durch wachsende Schlammschichten immer seichter gemacht würden, was wieder eine umfassendere Überflutung der überall holländisch platten Festländer zur Folge haben müßte. Als ungefähres Schlußbild könnte die Phantasie sich denken, daß zuletzt die allseitig ausgewalzten und angeebneten Schutt- und Sandreste des alten Erdreliefs einen völlig einheitlichen Plan um die Erde bildeten, auf dessen Höhe ein seichtes Meer ebenso einheitlich die ganze Kugel umwogte. So sehr seicht brauchte dieses sieghafte Schlußmeer noch gar nicht einmal zu sein: die heutige Wassermasse aller Ozeane, über die gesamte Erde gleichmäßig verteilt, ergäbe immer noch einen Wasserstand von rund 2000 m Tiefe. Also eine recht tüchtige »Sintflut« als Schluß!
Der Faden der Geschichte des Land- und Wasserwechsels im Wandel der Zeiten wäre also, rein so besehen, ein ungemein einfacher: alles Land, wie es heute unsere Erdkarte noch zeigt, vergeht allmählich zugunsten eines allseitig erhöhten einheitlichen Meeresgrundes; die Sterne der Zukunft spiegeln sich in einem absolut sieghaften Meer. Fragt sich bloß, warum bei der sicher erweislichen ungeheuren Länge der geologischen Zeiträume dieses Ziel nicht längst erreicht ist. In all diesen Zeiten hat das Wasser doch rastlos so gearbeitet und es hat Sandschichten gehäuft, die selber wie Gebirge so dick sind und denen man also zutraute, daß sie Gebirge geschluckt haben könnten; trotzdem ragen noch immer himmelhohe Gebirge über uns. Die Jahrmillionen scheinen aber selbst für die Zerstörung von Kontinenten zu langen. Und doch stehen noch fünf zum Teil genügend ansehnliche Erdteile auf unserer Karte, während gleichzeitig der Meeresgrund keineswegs Anstalten macht, überall gleichmäßig zu versanden; noch gibt es Meerestiefen, in denen der höchste Himalajagipfel versenkt werden könnte, ohne aus dem Wasserspiegel zu ragen.
Abb. 5. Reste eines versunkenen Waldes an der deutschen Ostseeküste.
(Nach einer Zeichnung von Heinz Niederbühl.)
In diesem Widerspruch weisen jetzt jene alten Meermuscheln tief im Lande sogleich den weiteren richtigen Weg. Sie fallen doch versteint aus versteintem Meeresschlamm von ehemals. Dieser Schlamm ist offenbar vorzeiten durch Arbeit des Wasserkreislaufs vom Lande, vom Gebirge heruntergewaschen und im Meeresgrunde abgelagert worden; die Muscheln bezeugen, daß er wirklich schon einmal im Meere war. Aber heute liegt er ebenso ersichtlich nicht mehr in diesem seinem Meeresgrunde. Hoch auf dem Festland liegt er vielmehr wieder, weit im Binnenlande, ja den Wolken nahe neu in himmelragendem Gebirge. Unglaublich hoch kann er so liegen: im Himalaja finden sich gewisse Schichten mit Meertieren noch bis 5000 m hoch. Hier ist also etwas Besonderes noch nachträglich geschehen, das niemals vom Wasser selbst ausgehen konnte. Durch eine unabhängige Macht ist der Meeresboden wieder ganz aus dem Wasser gehoben, zu neuem Festland gemacht worden. Und auf diesem Festlande ist er, wenn er heute gar hoch im Gebirge liegt, nochmals höher und höher bis in die Wolken hinaufgestaut worden durch eine Gebirgsbildung dieses Festlandes, die ebenfalls seither noch neu stattgefunden haben muß. Im einzelnen können wir heute oft noch angeben, wann diese Bildung erst sich vollzogen haben kann. In jenen jetzt so fabelhaft hoch verstiegenen Schichten am Himalaja finden sich die Reste gewisser meerbewohnender Urtiere, der Nummuliten, die in dieser Gestalt für die Meere im Anfang der sogenannten Tertiärzeit (also schon des dritten geologischen Hauptweltalters, von unten gerechnet) charakteristisch waren. Um diese Zeit muß ein solches Nummulitenmeer also auch dort in Indien noch geblaut haben. In der Zwischenzeit seit damals kann dann aber erst das Gebirge sich gebildet haben, das an seinem Fleck eben diesen Meeresboden bis zu 5000 m Höhe hinaufgeschoben hat, während es selber zugleich in seinem alleräußersten Gipfel es dabei bis zum Mount Everest gebracht hat, also der höchsten Bergerhebung überhaupt der ganzen Erde.
Kein Zweifel, daß wir auch hier vor einer Arbeit unseres Planeten stehen, die sich noch heute fortwirkend studieren läßt, genau wie die Zerstörungsarbeit des Wassers. Wenn wir vom Meer sprachen und seinen unruhigen Wassergeistern, die in Tropfengestalt die Feste zu meistern suchten, so erschien diese Feste, erschien die ganze harte Erdrinde in ihrer mineralischen Starre als der Gegensatz des ewig Ruhigen; passiv ließ sie sich nur von jener Wasserunruhe zerstören; ohne diese Unruhe stand der Granit wirklich von Ewigkeit zu Ewigkeit. Aber auch das ist niemals genau richtig. Um noch einmal an das alte Sintflutbild zu erinnern: in bestimmtem Sinne wandeln wir auch auf dieser festesten Erde beständig eigentlich über einer geheimen Flut, die langsam steigt und ebbt, schaukelt und Wellen wirft, – das alles aber, wunderbar genug, jetzt in Gestalt tiefinnerlichster Verschiebungen des Gesteins selber, die mit echter Wasserbewegung gar nichts zu tun haben.
Seit alters war schon den Menschen, die noch naiv an die Sintflut glaubten, eine höchst unheimliche Erscheinung auch nach dieser Seite geläufig: nämlich das Erdbeben, bei dem die Feste selber wenigstens vorübergehend schwankte wie eine wellenbewegte See. Die neuere Geologie kennt aber noch andere Anzeichen genug. Ganz gemächlich, ohne jede wüste Störung, heben sich gewisse Länder, z. B. Norwegen und Schweden, in geschichtlicher Zeit immer mehr aus dem Ozean. An den alten eingehauenen Wassermarken liest man noch ab, daß die schwedische Küste sich in hundert Jahren stellenweise je um etwa anderthalb Meter gehoben hat. Aus den natürlichen Strandlinien mit ihren vom ehemaligen Wogenschlag eingekerbten Wassermarken kann man aber noch ersehen, daß diese Bewegung schon seit vielen Jahrtausenden (seit Ende der Eiszeit) periodisch andauern muß. Umgekehrt sinken die deutsche Ostsee-, die holländische Nordseeküste. Man hat bemerkt, daß an der Küste der Bretagne sich Reste unterseeischer Wälder finden, alte Römerstraßen sich im Meeresgrunde verlieren, prähistorische Steindenkmäler (Dolmen) nur bei Ebbe noch aus dem Wasser herauftauchen. Der Meeresboden selber, von dem man meinen sollte, er könne bei der beständigen Einfuhr von Bergeslasten Flußsand doch nur seichter werden, senkt sich in ganzen Riesengebieten ersichtlich, wie z. B. im Stillen Ozean die eifrige Gegenarbeit der Korallentiere beweist, die ihre Bauten immer nur in einer gewissen nicht zu großen Tiefe herstellen können, deshalb immer höher bauen mußten und so allmählich Korallenriffe erzeugt haben, die heute wie steile Türme über dem abgesunkenen Grunde ragen. Mitten im Lande bei uns in Deutschland hat man mehrfach bei genauen Messungen Höhenänderungen bis zu 17 cm schon im Laufe von 20 Jahren feststellen können. Im Bergwerksbetrieb glaubt man öfter im explosionsartigen Vorbrechen und Sichfalten geöffneter Schichten, im Aufbäumen und Sichstrecken befreiter Steinplatten unmittelbar Zeuge des geheimen Drängelns der Tiefengesteine zu sein. Gewiß ist es eine schwindelerregende Vorstellung, daß solche sich hebende Küste einen neuen Erdteil, solcher Zentimeterzuwachs langsam aufschwellender Bodenfalten zuletzt einen Himalaja ergeben sollten. Aber die Denkschwierigkeit dabei ist keine größere, als daß die Arbeit eines rinnenden, mit Kohlensäure geschwängerten und im Frost sich dehnenden Regentropfens endlich ein Gebirge von der Höhe dieses Himalaja abtragen und als Sand ins Meer schwemmen sollte. Zu beidem ist nichts nötig, als geologische Zeitmaße. Von jeder einzelnen der größeren geologischen Epochen aber wissen wir, daß sie schon mehrere Millionen von Jahren umfaßte. Der Verlauf einer einzigen könnte also wohl genügen. Wie wir ja auch hören, daß gerade der Himalaja sich erst seit Anfang der uns verhältnismäßig noch nahen Tertiärzeit ganz aufgegipfelt haben muß, während er gleichzeitig seither schon wieder infolge der Wasserverwitterung im vollen Verfall zur Ruine ist. Schwieriger mag die Vorstellung sein, wie es rein technisch überhaupt möglich sei, daß feste Gesteine sich nachträglich so schieben, so knicken, biegen und falten lassen. Es gibt da sehr verschiedene Erklärungen, von denen bisher keine ganz genügt. Über das »Daß« aber kann schlechterdings keine Frage sein. Ein paar Spaziergänge auf bekanntesten Alpenstraßen genügen für jedermann, sich da selber ein Bild zu machen, z. B. an der Axenstraße oder am Walensee. Unsere Alpen sind größtenteils erst in der gleichen verhältnismäßig jungen Erdperiode emporgedrängelt worden, wie der Himalaja. Dabei sind aber die verschiedensten alten Meeresböden mit ihren zu Stein erstarrten uralten Schlammschichten, die einstmals hübsch wagerecht gelegen hatten, in ein geradezu beängstigendes Gewirre und Geschlinge von Falten gepreßt worden, die sich jetzt im Anschnitt der halb zerstörten Felsschroffen wie hin und her gebogene Riesenschlangen oder gigantische Würste vor Augen stellen. Den schlichtesten Beschauer, der nie von den Geheimnissen der Geologie gehört hat, kann man dort staunend ausrufen hören, das sehe ja aus, als wenn der Stein Wellen geschlagen hätte. Es sieht aber nicht bloß so aus, sondern es ist so.