Abb. 1. Diplozoon paradoxum, ein doppelter Schmarotzerwurm an Fischen.

Abb. 2. Heinrich Anton de Bary (1831–1888).

Der Sachverhalt erschien, abgesehen von dem großen Systemsturz, den er bedeutete, für allgemeine Lebensfragen so einzigartig merkwürdig, daß einer der Väter der Theorie, Anton de Bary (trotz des fremden Namens ein geborener Frankfurter und damals Professor der Botanik an der neuen reichsdeutschen Universität zu Straßburg, [Abb. 2]), auf der Naturforscherversammlung zu Kassel von 1878 einen Vortrag darüber für nötig hielt, der zugleich den Grundstein zu einem ganz neuen Forschungsgebiet weit noch über die Einzelfrage hinaus setzen sollte. De Bary legte den Schwerpunkt darauf, daß es sich hier um ein dauerndes ganz intimes Zusammenleben handle. Und zwar nicht bloß wie beim Diplozoon von zwei Individuen ein und derselben Art. Sondern von Vertretern verschiedener Arten, ja Klassen oder Stämmen. Nun kennen wir zwar eine Form solchen „innerlichen“ Zusammen- und Ineinanderlebens auch sonst und sogar persönlich mißlich. Der Bandwurm z. B. lebt zeitweise in unserem Menschenleibe und löffelt als übler Schmarotzer dort auf unsere Kosten mit. Bei den Flechten aber schien das einfache Zusammenleben zu einer im Gegensatz ganz friedlichen Lage geführt zu haben: zu einer wirklichen Genossenschaft in einer Art gemeinsamen Haushalts. Im einzelnen blieb hier für de Bary allerdings noch manches unklar. Aber er meinte, es müsse auf jeden Fall für dieses ganze hochinteressante Gebiet von engstem Zusammenhalten verschiedener Wesen systematisch gegensätzlicher Art ein neues Wort geschaffen werden, das zugleich ein Arbeitsprogramm für weitere Studien bedeuten könnte. Und so übersetzte er nach dem hergebrachten Fremdwörterbrauch der Forschung mit „Symbiose“, was wörtlich (aus griechisch syn, zusammen, und bios, Leben) eben nur das einfache deutsche „Zusammenleben“ wiederholt. Er ließ dabei offen, unter dieses ganz allgemeine Wort auch den Fall Bandwurm, wo der eine Mitleber den andern plagt, mitaufzunehmen, doch erschien auch ihm schon ersichtlich am wichtigsten das „Zweiseelengeschöpf“, bei dem die eine „Seele“ der andern brüderlich half. Und in diesem Zusammenhang verwies er auch schon auf eine im Verhältnis zu der noch nicht über 10 Jahre alten Flechtengeschichte uralte, fast hundertjährige wissenschaftliche Tat hin, die zu ihrer Zeit allerdings auch ein Abenteuer ersten Ranges gewesen war. Nämlich die große Entdeckung des trefflichen Rektors Sprengel zu Spandau von 1793, daß auch zwischen Blumen und Insekten, also genügend himmelweit verschiedenen Angehörigen sogar zweier gegensätzlicher Lebensreiche, eine Art solcher Lebensgemeinschaft bestehe. Die Blüte lieferte der Biene oder dem Schmetterling Honig, und das Insekt vermittelte dafür die Befruchtung der Pflanze. Hier war zwar von flechtenhaft oder auch nur bandwurmhaft dauerndem Ineinanderleben der Parteien nicht eigentlich die Rede. Aber dafür trat die friedliche Gegenseitshilfe besonders hübsch hervor, und de Bary nahm also versuchsweise auch diese Sprengelgeschichte (die kein Geringerer als Darwin selbst damals erneut in Umlauf gebracht hatte) unter seinen Titel auf.

Abb. 3. Oskar Hertwig.

Wie gewöhnlich, wenn ein mehr oder minder glückliches Schlagwort zur Stelle ist, machte erst jetzt das Flechtenabenteuer der Spezialbotaniker das Gesamtaufsehen, das es verdiente. Als im Herbst 1883 abermals die Naturforscherversammlung tagte, diesmal in Freiburg i. B., ergriff der damalige junge Jenenser Zoologieprofessor Oskar Hertwig ([Abb. 3]) zu der Sache erneut das Wort. Er knüpfte unmittelbar an de Barys Vortrag an, spann den Faden aber jetzt für die Tierkunde aus. Er berichtete von wunderbaren Genossenschaftshaushalten sehr verschiedenartiger Tierarten (auch hier aus gegensätzlichen Klassen und Stämmen), die im Meeresgrunde bei Neapel merkbar würden, und enthüllte ganz besonders auch einen fabelhaften Fall, der an Sprengel anklang, indem Tiere darin ebenfalls mit Pflanzen zusammenhielten, zugleich sich aber diesmal beide Parteien wirklich flechtenhaft auf Lebenszeit ineinander verschachtelten. Das Entscheidende aber war, daß Hertwig, der dem Thema nach über „Die Symbiose oder das Genossenschaftsleben im Tierreich“ sprach (de Bary hatte allgemein „Die Erscheinung der Symbiose“ angekündigt), aufs unzweideutigste jetzt grade die Bedeutung der friedlichen, gegenseitig fördernden Genossenschaftsbildungen einseitig hervorhob und in ihnen die eigentliche Grundlage einer „gesetzmäßigen Vereinigung ungleichartiger Organismen“, wie sie die Symbiose darstelle, sah. Vor einem Beispiel für schon höher entwickelte Tiere fiel bei ihm dabei gradezu das Wort von einem „Freundschaftsbund“ der aneinander angeschlossenen Parteien. Und das hat für die Folge, je mehr Beispiele sie anhäufte, zunächst über den eigentlichen Gebrauchswert des Wortes „Symbiose“ entschieden. Man hat sich gewöhnt, fortan unter wahrer Symbiose nur eben jenes im engeren Sinne genossenschaftlich fördernde Zusammenleben zu verstehen, — unter Ausschluß der bandwurmhaft aussaugenden und mißbrauchenden Einwohnerschaft. Dafür paßte dann freilich der Wortsinn nicht mehr ganz scharf, da er selbst ja nur das Zusammenleben überhaupt betonte, während andererseits solche loseren Fälle, wie der des alten Sprengel, die doch grade für jenen echten Genossenschaftsaustausch so sehr beweisend sind, in ihm wieder wie in einer zu engen Jacke steckten. Inzwischen ist’s ein Schlagwort geworden und lebt als solches fort, wobei man, wie so oft, schließlich nur den Klang noch hört und ihm selber den rechten Sinn unterlegt, ohne daß es auf die Buchstaben mehr viel ankäme. Will man aber aus gutem deutschem Ausdruck ersetzen, so würde sich das auch in unserem Titel gewählte „Schutz- und Trutzbündnisse zwischen Tier- und Pflanzenarten“ empfehlen. Auf „Arten“ muß dabei aus gleich zu erörternden Gründen ein Nachdruck liegen.