Aber noch unvergleichlich viel mehr tut er als der Maulwurf. Indem er in der bekannten Weise welkes Laub in seine Erdhöhlen zieht, düngt er regelrecht auch den Grund, in dem er lebt. In der harten Erde weiß er aber dieses Düngens noch einen praktischeren Weg.

Wie der Märchenjunge im Breiberg frißt er sich durch diese Erde einfach durch, indem er sie aufweicht, in sich aufnimmt und die innerlich verarbeitete dann oben auf der Decke in natürlicher Weise wieder absetzt. Nicht ganz im Rahmen parlamentarischer Redeformen tut er das, aber nützlich, unendlich nützlich für die Güte und Ertragskraft des Bodens!

Geradeso entsteht erst die allerfeinste, weichste Pflanzenerde. Zugleich wird das Erdreich unablässig von oben nach unten gearbeitet. Der Wiesenboden oben wird beständig erneuert, er glättet sich, da auf die Dauer jeder störende Stein bei dieser konsequenten Umkrempelung in die Tiefe absinken muß, ja zuletzt sind diese armen Würmer im Lauf der Jahrtausende regelrechte Erdbaumeister, die das ganze Bild da oben bestimmen, die begraben und versenken und überschütten, den Granitblock wie die gefallene Tempelsäule. Immer aber bleibt ihr Geschenk an uns die köstliche Erdkrume in vollendetster Gestalt.

Ja wohl nun: der Maulwurf frißt Engerlinge und andere Schädlinge, aber viel mehr noch und zumeist frißt er eben diese seine geologischen Mitarbeiter, die Regenwürmer!

Seine wie ein unterirdisches Spinnennetz ausgebreiteten Labyrinthgänge pflegen gerade so zu liegen, daß die Würmer sie bei ihrem Tagewerk immerfort durchschneiden müssen, wobei sie dann wie die Fliegen unter das Messergebiß des kleinen Minotaurus fallen, während die Engerlinge nur gelegentlich einmal hineingeraten. Unglaubliche Massen von Würmern werden so vertilgt. Und der barbarische Zyklop kerkert sich sogar ganze Wintervorräte lebender Wurmopfer ein, deren ein sicherster neuerer Beobachter, Dahl, in einem einzigen Maulwurfsbau 1280 Stück in einem Gewicht von 2,13 Kilogramm gefunden hat. Und so sänke der Kurs des Maulwurfs abermals.

Mancher ausgezeichnete moderne Tierkundige ist da wieder ganz und gar zum Zweifler geworden. Der treffliche Züricher Nutztierforscher Conrad Keller möchte schon die alten Schärmäuser bei den Flurkommissionen wieder anerkannt sehen, und auch Heck hat wenigstens seine Bedenken. Ich aber meine, es langt noch wieder nicht zum hochnotpeinlichen Beschluß.

Zunächst ist die Zahl der Regenwürmer derartig Legion, daß das Dezimieren im Einzelfall meines Erachtens gar keine Rolle spielt – abgesehen davon, daß im Einzelfall ihrer auch in einer Kultur zu viele werden können, also ein gewisses natürliches »Abschießen« sogar eher nützt. Eine Rechnung von Hensen setzt auf ein Hektar Gartenland mehr als 100 000 Würmer an, das gibt 130 Kilo Fleisch. (Schade, daß wir uns nicht daran gewöhnt haben, Regenwürmer zu essen. Oder sollten wir nicht einmal … wer fängt an?) Auf dieses arbeitende Stück Geologie sind jetzt seit etwa drei Millionen Jahren (diese Insektenfresser reichen sehr wahrscheinlich bis in den Ausgang der Kreidezeit zurück) die Maulwürfe gehetzt, und doch ist die Zahl und auch offensichtliche Macht der Würmer heute noch in solchem Flor. Aller Vermutung nach wird die Sache also darauf hinauslaufen, daß im bestehenden, von Menschenhand nicht veränderten Naturhaushalt die Massenproduktion des Regenwurms auch den Maulwurf noch erträgt.

Vielleicht, wenn man an darwinistische Anpassungen denken will, hat sie sich im Laufe der Zeiten unmittelbar auf eine Überproduktion eingestellt, die den dort entfallenden Abzug im Gesamtspiel schon gleichsam vorsorgend ersetzt; bei einer Menge von Tieren, wo zum Beispiel die Jungen stark bedroht sind, glaubt man ja ganz deutlich solche Regulierung wahrzunehmen, die sich in einer ungeheuren Überproduktion von Jungen kundgibt auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß von unzähligen doch nur so und so viele erhalten bleiben – wobei aber diese »so und so vielen« vollauf zur Erhaltung der Art genügen. Auf der anderen Seite ersetzt aber der Maulwurf durch seine eigene nützliche geologische Arbeit selbsttätig wohl auch noch das, was eventuell dort bei den Regenwürmern als Manko durch ihn ausfallen könnte. Und so rückte sich dieses Konto doch wieder wenigstens ins Reine, wenn auch ohne Überschuß. Darüber hinaus aber vertilgt der gleiche Maulwurf nun doch auch Engerlinge und andere Schädlinge, und hier beginnt also wieder sein positiver Nutzen, wenn der auch vielleicht nicht so groß ist, wie man im Überschwang der ersten Entdeckung geglaubt hatte.

Das Fazit ist einfach.