Die erfinderische halbzoologische Sagenphantasie hat ja gern auch mit der Zahl der Augen gespielt. Fabelwesen sollten Augen am ganzen Leibe haben, wobei vielleicht die vage Kunde von herrlichen Vögeln unter ferner Sonne mitspielte, wie dem Argusfasan, dessen Federn augenartig aussehende Kugelflecken von berückendem Zauber zieren. Dem Neunauge gab die Fischerphantasie »neun Augen«, wobei in Wahrheit Saugmund und Kiemenlöcher mitgezählt auf die hohe Ziffer bringen mußten. Das groteskeste Bild aber ist der Zyklop, der nur ein einziges Rundauge mitten auf der Stirn führen sollte.

Für das einfache bestmögliche Sehen nach vorn ist die Lage unserer zwei natürlichen Menschenaugen so gut, daß eine Verlagerung auf die Stirn mit Wiederzusammenziehen in ein einziges Auge gewiß nicht als Vorteil gelten könnte. Aber unwillkürlich drängt das Zyklopenauge auf etwas Drittes.

Angenommen, das gewöhnliche Augenpaar ist neben ihm auch noch vorhanden und genügt dem Blick in der Frontlinie; das Zyklopenauge aber rückt noch etwas höher von der Stirn bis an die Scheitelwölbung: so entstände plötzlich ein sehr großer Vorteil. Ein Wesen mit der Zutat eines solchen »Scheitelauges« könnte nämlich (vorausgesetzt, daß es keine Hüte trägt) bei Frontstellung auch noch nach oben oder (bei hoher Scheitellage) einigermaßen sogar nach hinten sehen. Es beherrschte ein weites Sehfeld mehr. In der Bedrängnis des Lebens aber bedeutet Mehrsehen (auch den Feind noch sehen, der von oben oder hinterrücks kommt) auf jeden Fall eine gute Schutzchance mehr.

Und wieder: was so mehr schützt und nützt, das hat die Natur immer gern auch einmal wirklich gemacht. Seltsam also, daß es nicht da, dort einmal einen Versuch wenigstens auch im wahren Naturhaushalt gegeben haben sollte zu einem »Zyklopenauge« dieser brauchbaren Art – wenn nicht bei Menschen, so doch anderswo bei schädelbesitzenden Wirbeltieren.

In den siebziger und achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, das in der Tierkunde so ungeheure Fortschritte gebracht hat, verbreitete sich in engsten Fachkreisen die Kunde, es könne vielleicht wenigstens für ferne Urweltstage etwas dahin Gehendes wirklich vermutet werden.

Der ausgezeichnete Anatom Leydig hatte auf dem Scheitel über dem Zwischengehirn junger Eidechsen von heute ein kleines Gebilde entdeckt, das wie ein verkümmertes Restchen irgendeines ehemals hier sitzenden Organs aussah. Andere deuteten es auf das Rudiment irgendeines Sinnesorgans. Und man brachte es in irgendeine Verbindung mit einem stummelhaften, verkümmerten, durchaus heute rätselhaften Gehirnteil, der sogenannten Zirbeldrüse.

Dieser »Gehirnstummel« findet sich noch bei den höchsten Säugetieren, ja bei uns Menschen erhalten, und er ist gelegentlich in der menschlichen Gehirnforschung interessant oder, besser gesagt, amüsant dadurch geworden, daß Philosophen in ihm den Sitz der »Seele« gesucht hatten, nach dem Rezept: was wir im Gehirn mit gar keinem Zweck mehr zu verbinden wissen, das muß wohl das Uhrrädchen für die »Seele« sein.

Jetzt schien es aber, als sei diese problematische Zirbeldrüse in Wahrheit die alte Zentrale am Hirn für irgend etwas, das einmal hier in der Scheitelgegend Anschluß gehabt hatte, heute aber zum toten Gleise geworden war.

Bei den Säugetieren bis zu uns hatte man noch die Ruine der Zentrale, bei den Eidechsen schien selbst das tote Gleis noch als solches nachweisbar. Dirigieren und fahren aber tat heute anscheinend nirgendwo mehr etwas dort.