Was sollte dieser Mäusekatarakt? Wenn man hörte, daß der lebendige Strom nicht etwa eine dauernde Besiedelung des Flachlandes bedeute, daß die Tiere sich durch ihren fortgesetzten Weiterzug gleichsam selber umbrächten, in Gegenden eindrängen, wo sie gar nicht leben könnten, sich sinnlosen Krankheiten und Gefahren in den Arm würfen, in Hekatomben beim Durchqueren von Seen oder gar im Meer ertränken und zuletzt einfach alle miteinander auf solcher tollen Fahrt ins Blaue zugrunde gingen, ohne daß auch nur ein Stück die liebe Heimat wieder erreichte – so schien das zwar kein Wunder, aber doch einen Gipfel zweckwidriger Unvernunft in der sonst so zweckschönen Natur zu bedeuten, der in seiner Art an ein Wunder grenzte. Und an diesem Faden wurde der Lemming jetzt für weitere anderthalb Jahrhunderte zu einer Art von fachzoologischem Gespenst, mit dem bald das, bald jenes, aber nie etwas Rechtes bewiesen werden sollte.

Eine Weile freilich konnte es scheinen, als solle auch dieser Nimbus jämmerlich fallen. Linnés Zeugnis wurde allmählich auch etwas altersgrau – aus neuerer, ganz heller Zeit aber blieb es lange merkwürdig still von neuen Lemmingzügen. Und als gar der treffliche Brehm in Lappland und Finnland überall herumgefragt, kein Mensch dort aber etwas vom reisenden und rasenden Lemming gewußt hatte, da meinte schon mancher, man dürfe auch diese Wanderlegende nachgerade zu der anderen schreiben und aus den ernsthaften Naturgeschichten streichen.

Das aber war wieder zu viel. Der Lemming, schon fast totgesagt, erlaubte sich doch wieder zu schwärmen, und noch in den letzten Jahren, wie gesagt, ist er wieder von seinen Bergen zu Tal gerast wie zu Linnés Tagen. So blieb denn nichts übrig, als den Kampf mit diesem Gespenst auf die richtige Waffe zu stellen: nämlich es zu bannen mit einer vernünftigen Erklärung des rätselhaften Todeszugs.

Darwin hat einmal gesagt, seine ganze Zweckmäßigkeitslehre mit all ihren Folgerungen müsse einpacken, wenn ihm einer einen tierischen Instinkt nachweisen könne, der einfach sinnlos darauf ausgehe, die betreffende Tierart, die ihn besäße, selber zu schädigen. Es mußte sich also wesentlich darum handeln, in dem »Unsinn« des Lemmingzuges doch mehr oder minder auch noch eine »Methode« zu finden.

Der erste klärende Schritt dazu war, daß man den seltsamen Kerl in seiner normalen Heimat genau studierte. Obwohl eine echte Wühlmaus, also nächstverwandt unseren Feldmäusen, lebt er im skandinavischen Gebirge nach Art des Murmeltiers. Die »Tundra« zwischen dem tieferen Bereich des Fichtenforstes und dem ewigen Schnee ganz oben ist seine Welt dort, jener karge Pflanzengürtel, wo der Wacholder und die Zwergbirke, die Betula nana, die nur mehr als eine Art Heidelbeere am Boden kriecht, einen Liliputanerwald bilden. Üppiger Tisch ist da oben gewiß nicht, zumal unser Lemming nicht die echte Murmeltiergewohnheit besitzt, den Winter zu verschlafen. Immerhin findet er sein Auskommen, und Gefahr entsteht, scheint es, gerade nur durch etwas mehr gelegentlichen Luxus der armen Natur um ihn her.

Ab und zu kommt nämlich einmal ein besonders mildes Jahr, und in solchem fetten Stande schwillt die Nachkommenproduktion der kleinen Tundralemminge ins Ungemessene an. Im folgenden macht sich das unheimlich in der großen Kopfzahl geltend, und wenn jetzt in erklärlicher klimatischer Folgerichtigkeit ein besonders dürrer Sommer eintritt, so entsteht ernstliche und wachsende wirkliche Not. In solchen Tagen, heißt es, werde das jahrelang still da oben seßhafte Völklein unruhig. Es strebe nach Erweiterung seines Nährgebiets, wandere vor allem in den Waldgürtel unterhalb seiner gewöhnlichen erhabeneren Sitze massenhaft aus.

Soweit ist die Sache plausibel und fügt sich lückenlos aneinander. Nun aber soll wieder daran die große Wanderung hängen.

In dem tieferen Forst finde der Nager, der aus seiner Welt der Flechten und Birkenwurzeln kommt, andersartige und ihm unbehagliche Bedingungen. Und da fasse ihn der Trieb, abwärts noch weiter zu sondieren – diesmal aber nicht in entsprechend langsamer Ausbreitung, sondern sozusagen explosionshaft, in einem ohnemaßen verwegenen Vorstoß ins Ferne und immer Fernere, der aber bei der geographischen Situation, die anstatt in neues Gebirge in eine immer tiefere Ebene mit tausend Feinden und Hemmnissen, ja endlich ans Meer als das wahre »Ende der Welt« führe, jedesmal im allgemeinen Verderben enden müsse.

In diesem Teil der Beweisführung bleibt eine Lücke.

Es wird nämlich nicht eigentlich erklärt, wie gerade dieser explosive Wandertrieb entsteht. Es wird nur gezeigt, wie er ausgelöst werden könnte – wenn er in den Tieren vorhanden ist. Und auch dazu gibt es nun noch mancherlei zu denken und zu bedenken.