Gleich für die ersten klaren Ordnungsgenies in der neueren Tierkunde mußte es dabei aber eine wichtige Frage werden, zu welcher engeren Ecke des großen Säugervolks nun dieser Vetter Wanst eigentlich gehöre. Vom Lande war er gekommen; an was für eine Landform aber sollte man ihn dort systematisch anreihen?

War es etwa wirklich die Kuh gewesen, die, gefräßig ihrer Weide nachrückend, in irgendwelchen Urweltstagen so ganz allmählich sich ins Seichtwasser hinein verloren hatte und endlich dort zur regelrechten Taucherin geworden war, wo die Grasnarbe sich allzu tief unters Wasser verlor?

Ganz so seltsam, wie es sich anhört, wäre solcher Vorgang nicht. So ist das allbekannte Nilpferd ja wirklich nichts viel anderes als ein in die weiten Binnenseegründe voller Lotosweide dauernd verlocktes altertümliches Schwein, das bei Sansibar sogar schon wie eine rechte Seekuh kühn ins Meer hinausschwimmt.

Längere Zeit indessen war unsere wissenschaftliche Tierkunde zu solchen Ableitungen deshalb nicht recht mutig, weil ihr überhaupt zweifelhaft geworden war, ob sich eine Tierform aus einer anderen »entwickelt« haben könnte. So gesellte man einstweilen die Seekuh gar nicht zu irgendeinem Landtier im System, sondern rückte sie mit zwei anderen ausgesprochenen Wassersäugern, dem Seehund und dem Walfisch, zu einer engeren Gemeinschaft der Fisch- oder Seesäugetiere zusammen. So haben wir's noch aus dem alten, wirklich noch vom Manne dieses Namens verfaßten »Brehm« gelernt, und der älteren Generation sitzt's noch in Fleisch und Blut. Es hilft aber nichts, die Welt läuft, und der Mensch muß mitlaufen und immer wieder umlernen.

Schon als der erste Darwinismus hochkam, wurde klar, daß einer aus diesem künstlichen, bloß dem Aufenthaltsort nach vereinten Trio unbedingt woanders hinkommen müsse, nämlich der Seehund. Er war wirklich ein Stück »Hund«, nämlich lediglich ein für die ergiebige Wasserjagd umgepaßtes ursprüngliches Landraubtier.

Ein Räuber, das heißt ein absoluter Fleischfresser, ist aber auch der Walfisch, und so entstand vor ihm bald ein zoologischer Argwohn, daß er, obwohl ersichtlich viel weiter fürs offene Meer umgeformt, irgendwie doch auch zuletzt und in grauen Entwicklungsurtagen an die Raubtiere anschließe. Das ist in neuester Zeit durch geologische Funde auch immer wahrscheinlicher, wenn auch noch nicht ganz zur Gewißheit geworden; die Landväter sind in diesem Falle wohl noch wahre Urraubtiere (sogenannte Kreodonten) gewesen.

Blieben zuletzt also wieder als vereinsamter Rest unsere Seekühe.

Diesmal schien aber ihre »Kuhnatur« zunächst wieder zur Anerkennung kommen zu wollen.

Bei Haeckel, dessen Systematik jetzt für eine neue Generation zu einer Art zoologischen Breviers wurde, las man, daß die Seekuh höchstwahrscheinlich ein Wasserableger des paarhufigen Huftiers sei, also eben der Gruppe, zu der unter anderem auch die Kuh gehört.