Die Mammutschnitzer von Predmost

Sie kommen – da hilft nun nichts mehr!

Lange genug haben wir uns ehrlich gewehrt, nun ist es Zeit, daß wir uns ehrlich für besiegt erklären.

Nämlich jene wunderbaren Menschen der Diluvialzeit, die so viele Jahrtausende vor Beginn unserer geschichtlichen Überlieferung gelebt haben, daß den Historiker, dem schon ein Tag ein Wert ist, mit Recht dabei ein Gruseln überläuft.

Wie auf dem Bilde Kaulbachs über dem Schlachtfelde noch die Geister der Gefallenen weiter bekämpft werden, so haben wir mit ihren unheimlichen Schatten gerungen, als sie zuerst vereinzelt aus den feuchtkalten Kellergewölben ihrer Höhlen aufzusteigen begannen. Aber aus den Schemen sind ganze Völker geworden, und die Gespenster haben, was das Entscheidende für ihre Aufnahme in die wirkliche Geschichte sein muß, für uns eine Seele bekommen.

Keine Tradition wußte von diesen Menschen. Sie haben für uns keine Namen, keine Sprache, vielleicht auch keine Heimat, denn sie tauchen als schweifende Jägerstämme bei uns in Europa auf, die wer weiß wie weit herkommen konnten. Aber sie tauchen auf in der Eiszeit. Mit nicht schlechten, aber ganz einseitigen Waffen (Stein, Horn, Bein, Holz) jagen sie die märchenhaften Tiere jener Erdepoche, auf europäischem Boden Löwen und Panther, riesenhafte Bären, Elefanten und Nashörner, das Urwildpferd und den Präriebison.

Nie wieder hat Europa solche Jagd gesehen. Wie verschwinden alle Herkulessagen der Griechen dagegen! Zu den Ungetümen, die sie bezwangen, möchte man sich schauerlich wilde Vormenschen denken, die selber noch halbe Ungeheuer waren. Zumal in so endlos ferner Zeit. Aber gerade das sind sie auch nicht gewesen, und daß sie es nicht waren, ist wohl das allverblüffendste an ihnen, vor dem auch die energischsten Heißsporne, die zuerst für ihre Existenz eintraten, noch haben umlernen müssen.

Sie hatten schon eine hochentwickelte Kunst! In unzähligen Denkmälern, die in Südfrankreich und Spanien neuerdings fast Monat für Monat neu aus den alten Höhlen und Kulturschichten hervorgezogen werden, ersteht diese Kunst augenblicklich imposant vor unserem Blick. Schnitzereien, Gravierungen, Reliefplastik und farbige Malereien, die Jagdszenen, Tierbilder, Ornamente darstellen, geben ein nie erwartetes, ein überwältigendes Bild. Diese Menschen begannen nicht erst mit der Kunst: sie besaßen sie bereits. Sie waren vielfach Meister der Darstellung. Die Prachtwerke über diluviale Höhlenmalereien, die gegenwärtig unter der Ägide des Fürsten von Monako erscheinen, riesige Quartbände mit Farbentafeln, enthüllen nicht nur wissenschaftliche Dokumente zur Kunstgeschichte, sondern sie geben (besonders aus der Wunderhöhle von Altomira in Spanien, deren ganze Decke ein figurenreiches und farbenprächtiges prähistorisches Freskogemälde bedeckt) einzelne Blätter, die fortan die Freude jedes künstlerisch empfindenden Auges sein müssen wie nur irgendeine große Höhenleistung sonst der älteren Kunst. Und erst seit wir in diese Kunst der Mammutjäger schauen, läßt sich wirklich jenes eben gebrauchte Wort anwenden: daß wir jetzt auch diese Menschen seelisch besitzen im Inhalt unserer Kulturgeschichte.

Von Mammutjägern also zu Mammutmalern und Mammutschnitzern!

Die amüsante kleine Episode, die ich hier an diese mächtige neue Melodie knüpfen möchte, beweist indessen mit ihrem Anfang klärlich, daß man auch heute noch, in unseren (bekanntlich) sehr hellen Tagen, bei einem Mammut zunächst an etwas wesentlich anderes denken kann als an Kunst.